Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 16 (29.4.1882)
- Date
- 1882-04-29
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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- 4^ — treiben. Dazu kömmt noch der Jndrfferentismus der Besseren, -ie, ermüdet von dem Kampfe gegen Unwissenheit und Bornirtheit, freiwillig sich zum 1ai886r aller, 1ai886r-wirs bekennen und der Zersetzungsproceß im Innern des Judenthums schreitet zunl Gaudium seiner Feinde und zur Betrübniß seiner wahren Freunde immer mehr vor. Weiters -besitzt der Jude eine besondere Schwäche, seinen Wohlstand zur Schau zu tragen. Wohl möchten wir annehmen, daß dies seine Begründung in dem nunmehrigen gesetzlichen Schutze des Besitzes findet. Vielleicht aber auch darin, weil das Ansehen des Juden in der Gemeinde mit der Größe seines Wohlstandes steigt und fällt. Der Reichlhum war unten den Juden früher und ist heute noch der Maßstab, mit welchem der Jude gemessen wird.' Nach der Größe desselben erhielt er Ehrenämter und persönliches Vertrauen. Was natürlicher, als daß ihm jede Gelegenheit willkommen war mit dem äußeren Prunke sein Ansehen zu heben. Allein heute entfällt ja diese Ursache; denn bei den jetzigen Verhältnissen ist es bereits so weit gekommen, daß Ehrenämter unter den Juden nicht mehr" gesucht werden. Fassen wir dieses Alles nun zusammen, so kommen wir zu dem Schlüsse: Die Gegner des Juden können demselben nichts anhaben, wenn er zu den Tugenden, die den Juden stets auszeichneten, zurückkehrt, wenn er nicht sein Auge absichtlich verschließt gegen die eigenen Fehler, gegen Mängel, die er leicht beseitigen kann und schon deswegen beseitigen soll, weil sie ihn zur Speciakitat stempeln. Will der Jude nicht selbst Schuld tragen an seinem eigenen Rückfalle, will er in weiser Einsicht seiner Fehler durch Ablegung derselben seinen Gegnern׳ die Waffe entwinden, wohlan, so wähle er das Bessere. In der Gesellschaft sei der Jude Staatsbürger, als solcher fühle er sich.׳ Dann geht der Jude'als solcher in der Tyat in der Gesellschaft auf,׳ seine Cöüfessiön wird dann Niemandem im Wege stehen, denn sie wird als Das betrachtet werden,- was sie in Wirklichkeit ist, eine Privat-, eine Familienangelegenheit, nach der׳kein Zweiter ein Recht zu fragen haben wird. Aber in der Gemeinde, in der Familie sei er Jude. Hier pstege er seine Tugenden, die ihm so oft als tröstende Begleiter in den Stunden der Noth und der Bedrängniß helfend zur Seite standen. Hier gibt es Vieles gut zu machen, was mit der Zeit vernachlässigt wurde« Und gewiß, je mehr dann der Einzelne in der Gesammtheit aufgehen wird, desto mehr wird er als kräftiges Glied der Gesammtheit an Macht gewinnen. Wenn dann der mächtige Baum der Einigkeit wieder feste Wurzel geschlagen, wenn das Gefühl der Zusammengehörigkeit die Brust des Einzelnen mächtiger heben wird^ weil er sich als Theil eines kräftigen Ganzen fühlt,. wenn er endlich von den Schlacken gereinigt und von den Bleigewichten, die seinen Aufschwung hemmen, befreit sein wird, dann wird der Jude ^der'-Außenwelt imponirend gegenüberstehen, dann werden Vorkommnisse, wie sie unsere aufgeregte Zeit im Gefolge hatte, keinen Boden finden, sondern wie Seifenblasen im Entstehen vergehen, dann ist die Zeit des Volkerfrühlings auch für den Juden herangebrochen,׳ dann׳ erst wird die Saat, die vor hundert Jahren gesäet wurde, ihre Früchte bringen*). *) Indem ich hiermit die Artikelserie: «Die sociale St:llung des Juden in der Gegenwart" beschließe, sage ich allen jenen Herren College« und Freunden, die mich in dieser Beziehung freundlicher Zuschriften würdigten, sowie d.-r Redaction unseres Vereinsorganes für die mir gewordene Aufmunterung meinen herzlichsten Dank. Adolf Rotte r, Cantor inTurnau Vas Massakre von ßalla. Moskau, im April: Nicht die.ausschweifendste Phantasie kann sich eine Vorstellung machen von der Zerrüttung, welche in Rußland herrscht,׳' von der fieberhaften Aufregung der Bevölkerung/ von dem' Jammer und Elend der jüdischen Bevölkerung. Seit einiger- Zeit war ich in -den verschiedensten Städten,- in ׳Odessa, Kiew, Moskau, Balta, Okno, Hatzolo Zeuge derscandalöseu Bewegung, welche sich gegen die Juden richtet undaüf-'-dieAus-׳ rottung der jüdischen Bevölkerung abzielt. Ich sah die Schreckens-- scenen von Balta. Die grausame Blutgier des russischen Pöbelsfeierte wahrhafte Orgien. Die Mittheilungen, die׳ ich Ihnen mache, sind authentisch, entweder auf eigene Erfahrung gegründet oder aus verläßlichen Quellen geschöpft. In Moskau fand ich lange vor Ostern unter den dortigen Juden eine zaghafte, bange Stimmung. Von Petersburg war die Weisung gekommen, die Juden anszutreiben und der Moskauer Polizeichef, General Jankowski, beeilte sich mit wahrem Terrorismus, diese Weisungen auszuführen. In der Osterwoche stieg die Niedergeschlagenheit der Moskauer Juden; in panischem Schrecken verlebten dieselben die Tage vor Ostern. Es war für die Osterwoche den Juden durch Brandbriefe eine moskowitische Vesper, angekündigt. Der alte, humane Moskauer Generalgouverneur, Fürst Dolgorukoff, ergriff aber militärische Maßregeln und so lief es diesmal für die Juden glatt ab. In Balta hatten sich die Judenverfolgungen concentrirt, sie verbreiteten Schrecken durch die ganze Judenschaft von Rußland. Ich fasse die erschütternden Nachrichten über die Juden- Verfolgungen in. Okno, Hatzolo und Balta hier zusammen. In Oknö und Hatzolo wurde geplündert, die Juden: wurden geprügelt, die Häuser bedroht,׳ das Mobiliar zertrümmert" In Balta hat am 10.'und11 ׳. April die Wüth des Pöbels zahlreiche Opfer unter den Juden gefordert. Balta,ift eine Stadt von kaum 20.000 Seelen, darunter etwa 1000 jüdische Familien. Die Stadt ist durch ihren Handel mit Getreide,׳ Colonialwaaren und Jndustrieerzeugnissen zu großem Wohlstände gelangt, an welchem die Juden nicht zum geringsten. Theil participiren. Am 10. und 11. April überfiel der städtische Pöbel, verstärkt durch den vom Lande herbeigeholten Bauernpöbel, die jüdischen Häuser. In - großen Trupps drangen die Kannibalen in die Häuser ein, mordeten, plünderten und schändeten. In kurzer Zeit waren zweihundert Häuser vom Erdboden wegrasirt. An Waaren und anderem Eigenthum wurde im Werthe von über zwei Millionen Rubel geraubt oder vernichtet. Die jüdische- Bevölkerung beklagt den Verlust von vier Todten, 136 Schwerverwundeten und 35 Vermißten (wahrscheinlich entführte Kinder). Sechs Schändungsfälle wurden bis jetzt constatirt. ' ׳ Angeführt wurden die Mordbanden von dem Jsprawnik (dem politischen Vorstand)' und dem Golowa (Bürgermeister) von Balta, welche auch das Verdienst haben, 500 Bauern aus der Umgebung zu dem Raubzuge mobilisirt zu haben. Militär war in Balta nicht anwesend. Als solches bei dem commandirenden General Milorad o w itsch in Kamieniec-Podolski reclannrt wurde, lehnte derselbe unter Hinweis auf'fehlende Instructionen ab. Daß unter solchen Umständen Rathlosigkeit und Verzweiflungsich der. russischen Juden bemächtigt, darf nicht verwundern. Viele Bemittelte rüsten zur Auswanderung nach Oesterreich-Ungarn und׳ Frankreich.