Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 15 (21.4.1882)
- Date
- 1882-04-21
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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- 5 - Menschen; und dieser Einfluß kann gewiß nirgends stärker und wohlthätiger sein, als in der Volksschule bei dem weichen, sinnlichen Kindesalter, in den bildsamen Herzen der Jugend. Kindern ist, wie die Erfahrung lehrt, nichts lieber, als das Singen fließender, leicht verständlicher Lieder nach leichten, angenehmen Melodien. Durch den Gesang wird ihnen die Schule ein Ort unschuldiger Freuden, ihre Gefühle werden wärmer und sanfter, und tausend nützliche Lehren, die der Text der Lieder enthält, graben sich tief in ihre jungen Seelen, ermuntern sie dann zur Arbeit, lassen sie alle Mühe und Aufregung, welche ihnen das Lernen verursacht, vergessen, erheitern sie in trüben Stunden, bewahren sie in Versuchungen und machen ihren Freudengenuß unschuldig und Gott wohlgefällig." Das genügt wohl, zu beweisen, daß ein echt menschlicher Bildungsgang einen Zweig nicht vernachlässigen soll, welcher für die sittliche Cultur, für die edlere Geselligkeit und selbst für die Andacht so herrliche Früchte tragen kann. Es ist eine unbedingte Forderung der Volksbildung, die natürliche Anlage der menschlichen Stimme durch sorgfältigen Unterricht weiter auszubilden. Daß nur Wenige eine höhere Ausbildung des Gesanges erreichen, ist kein Grund, den Werth dieser Disciplin herabzusetzen, da man immerhin auch hier für die große Mehrzahl durch Uebung viel mehr erreichen kann, als wenn Alles nur der Natur überlassen wird. So wie der Lehrer jedem Unterrichtsgegenstande eine bestimmte Methode zu Grunde legt, nach der er seine Schüler unterweist, so muß er auch beim Gesangunterricht eine bestimmte Methode befolgen. Unter Gesangmethode versteht man gewöhnlich ein auf Kunstregeln zurückgeführtes eigenthümliches Verfahren in der Ausbildung der menschlichen Stimme zum Gesang. Aufrichtig gestanden, können wir aber diese Methode für die Volksschule durchaus nicht passend finden. Unmöglich ist es, daß hier durch eine gekünstelte Gesanglehrmethode irgend welche Resultate erreicht werden können. Die Volksschule beschäftigt sich vorzugsweise mit dem natürlichen Gesänge. Sie will weder Coneert-, noch Opernsänger bilden und hat deshalb die ganze Theorie viel weniger nöthig, daher ist eine kurze Anleitung zum Gesang vollständig ausreichend, ja, was darüber weiter, würde mehr schaden als nützen. (Fortsetzung folgt.) Kleine KHronik. Gothen bürg. Fünfundzwanzig Jahre waren am ersten Tage Pessach verflossen, seitdem unser geliebter und hochverehrter Rabbiner Herr Dr. M. Wolfs sein Amt in unserer Gemeinde angetreten. Aus diesem Grunde war an diesem Tage die Synagoge mit Blumen reich geschmückt und bis auf den letzten Platz von Zuhörern gefüllt, die nicht gekommen waren, um am Gottesdienste Theil zu nehmen, sondern um auch den geliebten Prediger ihre Huldigung darzubringen. Nachdem Herr Dr. Wolfs seine, wie immer schöne und ergreifende Predigt geendet und der Schlußpsalm gesungen worden war, wurden die ersten Verse einer zu diesem Zwecke verfaßten und vom Musikdirector Czapek componirten Hymne von einem Damenchor gesungen. Darauf trat der Präses der Gemeinde, Herr Ed. Delban co, von den beiden anderen Vorsichern begleitet, heran und verlas eine Dankadresse, in welcher mit beredten und warmen Worten die hohen Verdienste des des Jubilars und die innige Verehrung und Liebe ausgesprochen wurden, welche derselbe sich in der Gemeinde erworben habe. Die Antwort des Herrn Dr. Wolfs auf diese Adresse war so tief ergreifend, daß fast kein Auge trocken blieb. Er erinnerte an die theuren Dahingegangenen, die bei seiner Ankunft ihn mit Liebe empfangen und diese Liebe ihm bis zum letzten Augenblicke bewahrt. haben, der göttliche Ruf והיה ברבה sei die Richtschnur für seine ganze Wirksamkeit gewesen; er rief schließlich mit tiefer Rührung den göttlichen Segen in einem warmen Gebete auf seine geliebte Gemeinde herab. Hierauf wurden die letzten Verse der Hymne gesungen, womit dieser feierliche Act in der Synagoge schloß. Wir wollen noch erwähnen, daß schon am Morgen im Hause des Herrn Dr. Wolfs unter Leitung des Unterzeichneten ein Psalm und ein zu diesem Zwecke verfaßter und von demselben componirter Festgesang von früheren Confirmanden des Jubilars und dem Synagogenchor gesungen wurden, ferner, daß derselbe zur Feier des Tages beim Gottesdienste eine ebenfalls von ihm componirte K’dusehali sang. Die dankbare Gemeinde hat Herrn Dr. Wolfs einen kostbaren Bücherschrank, gefüllt mit philosophischen und historischen Werken, und zwei Schatullen überreicht; die eine enthielt ein Prachtvolles silbernes Tablett und ein vollständiges Kaffee- und Theeservice. die andere ein silbernes Tischfervice. Nach dem Gottesdienstewaren die Zimmer des Gefeierten bis zum späten Abend mit Gratulanten gefüllt, Depeschen und Briefe langten in Menge an, die alle Kunde gaben von der hohen Liebe und Verehrung, welche der Jubilar in allen Kreisen genießt. Selbst hat Herr Dr. Wolfs diesen Tag in würdigster Weise gefeiert, indem er ein hochinteressantes Werk herausgab, das er seiner lieben Gemeinde dedicirt. Der Titel dieses Werkes lautet: ״Bidrag tili filosofiens histoäa etc.. Beitrag zur Geschichte der Philosophie, mit besonderer Berücksichtigung der jüdischen Religionsphilosophie, von Dr. M. Wolfs, Rabbiner der israelit. Gemeinde zu Gothenburg." Cantor A. Baer. Cottbus. Am erew Pessach haben wir einen theuren Glaubensbruder zur ewigen Ruhe geleitet, der durch seine edlen Tugenden es sicherlich verdient, daß sein Name in diesem geschätzten Blatte in Ehren genannt wird. Hirsch Moses ist der Name dieses Biedermannes, dessen plötzlicher -rwd nicht nur seine Angehörigen, sondern auch unsere ganze Gemeinde in die tiefste Trauer versetzte. In seinem 75. Lebensjahre ist er auf immer von uns geschieden. Bis zu seinem Sterbetage war er im Vollbesitze seiner körperlichen und geistigen Kräfte. Als ein wirklicher איש צדיק תמים war er immer ״flink wie ein Hirsch und stark wie ein Löwe", Gott zu dienen und seine Gebote zu beobachten. Zur Warnung für Eltern. Das Einsperren von Kindern in dunkle Räume als Strafe oder beim Spielen hat schon manchmal üble Folgen gehabt; es ist ein durchaus verwerfliches Züchtigungsmittel. Da dasselbe aber trotzdem von vielen Eltern in Anwendung gebracht wird, sei nachfolgender Vorfall, der das oben Gesagte illustrirt, hier erzählt: Ire Wteln (Böhmen) sperrte dieser Tage ein zwölfjähriger Junge seinen fünfjährigen Bruder, einen aufgeweckten Knaben, in den Hauskeller; das Zettern des Eingesperrten belustigte den älteren Bruder. Durch das Geschrei ward auch die Mutter des Knaben herbeigelockt, welche denselben befreite und ihn zu beschwich- Ligen suchte. Welcher Schreck bemächtigte sich aber ihrer, als sie wahrnahm, daß das geängstigte Kind unter Zeichen des Entsetzens seine Mutter nicht zu kennen schien und abwehrteunverständliche Laute von sich gab, bald lachte, bald weinte — kurz sich wie geisteszerrüttet benahm. Auch das Gehen hatte das arme Kind verlernt. Der schleunigst herbeigerufene Arzt bestätigte denn auch eine Zerrüttung des Geisteszustandes und man befürchtet das Schlimmste. — Dieses traurige Ereigniß mag auch die Eltern anregen, den Kindern derartige gefährliche Spiele strengstens zu untersagen. Ermordung eines jungen Mädchens. Aus Ossod, Ungarn, wird unter dem 4. d. M. geschrieben: Die schöne und geistreiche Tochter des hiesigen Pächters F. Deutsch spazierte heute Abends 6 Uhr . in Begleitung ihrer Cousine vor dem elterlichen Hause, da erschien plötzlich ein junger Mann in ihrer Nähe, feierte auf sie zwei Schüsse aus einem Revolver ab und jagte sich sodann die beiden anderen Kugeln in das Gehirn. Als Leute herbeieilten, fanden sie Beide blutüberströmt, im Sterben. Wie man annimmt, ist der junge Mann ein Opfer der Geldgeschäfte des Deutsch und wollte sich derselbe in der geschilderten Weise an dem Vater rächen, der nur noch ein Kind besitzt, einen unglücklichen Jüngling, der erst vor Kurzem das Irrenhaus verließ.