Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 14 (13.4.1882)
- Date
- 1882-04-13
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Vereinsmitglieder: Wir veröffentlichen vorläufig einen kleinen Theil der Namen der uns zugekommenen Beitrittserklärungen und werden wir in jeder Nummer das Berzeichniß fortsetzeu. Josef Goldstein, Wien. M. Blatt, Wien. A. Knlka, Wien. I. Bauer, Wien. Löw, Floridsdorf. Moriz Bachrach, Olmütz. Adolf Notter, Tnrnau. Leopold Blum, Schlau. Heinrich Goldstein, Reicheuberg. Bernüard Weis, Brandeis a. E Isidor Goldstein, Fünfkirchen. Heinrich Saar, Pristoupin. Israel Blum, Troppau. Friedmann Judenstein, Mnifchek. Adolf Singer, Karansebes. Alexander Schwarzbart, Pullitz. Samuel Popper, Eger. Hermann Goldstein, Füufhans. Moriz Kraus, Plamian. Sigismund Rofeuberg, Komotan. Markus Rosenfcld, Pisek. Moriz Salzer, Tulln. Moriz Schlesinger, Hernals. Anton Adler, Ung.-Hradisch. ״Cliad Gadja“. Von L/opold Buxbauu׳, cmer. Rabbinatsverweser und Religiouslehrec Wenn der Verfasser des Chad Gadja die Absicht hatte, sich durch sein Gedicht unsterblich zu machen, so ist ihm dies vollständig gelungen. Denn, obwohl diesem Gedichte nur das äußerste Plätzchen auf der letzten Seite der Hagadah ״mit harter Noth" überlassen wurdet so gelang es ihm doch ״die allgemeine Aufmerksamkeit" auf sich zu lenken und wurde ihm auch die hohe Ehre zu Theil, daß es — wenn auch blos ״keriprdotll", geisüger Nachtisch — nach den vier bekannten Arten — פ׳ר׳ד׳ס — erklärt und gedeutet, erläutert und enträthselt wurde, als wäre es das ״Wichtigste" der — Hagadah. Allein ungeachtet all' der vielfachen und verschiedenartigsten Auslegungen, die ihm geworden, ist das Gedicht noch immer ziemlich dunkel und sein ״tiefer Sinn" von einem dichten Nebel umhüllt. — Nach meiner Ansicht liegt dem Ob. G. derselbe Gedanke zu Grunde, wie dem bekannten Gedichte ״die Stufenleiter" von P f e f f e l, welches, wie G ö tz i n g e r bemerkt, ״den Erfahrungssatz treffend ausführt, daß in der Welt das Recht des Stärkern gilt". — Nur ruht die Pfesfel'sche Stufenleiter ganz und gar aus dem holperigen Boden ״der schwankenden" Erde und aus diesem Grunde hat sein letzter Mörder, der Jäger, noch nicht seinen Mann gefunden und es bleibt die sich aufdrängende Frage: ״Gibt es wohl eine Gerechtigkeit hienieden?" offen und ungelöst. Unsere Stufenleiter, das Ob. G., hingegen gleicht der Jacobsleiter, die bis in den Himmel reicht und deren oberstes Ende Gott selbst ״mit starker Hand" festhält, um nöthigen Falls als ge-' rechter Richter und mächtiger König all' die aussteigenden, ״bösen Geister" hinab in den tiefsten Abgrund zu stürzen, die Niedergebeugten und Unterdrückten aber von Stufe zu Stufe emporzuziehen. Daher wird im Ob. G. der letzte Mörder, der größte Zerstörer, der Satan, vom rächenden Arme der Allgerechtigkeit erfaßt und zu Boden geschleudert. Und'da mit dem Sturze, des allerletzten Wütherichs auch die Tyrannei verendet״ ״denn das Unrecht selbst verschwindet von der Erde, wenn die Frevler nicht mehr sind", so gelangt das wehrlose Lämmchen wieder zu seinem guten Rechte. Es darf sich wieder seines Lebens freuen und kann, wie jeder Andere, an der großen und herrlichen Tafel theilnehmen, die der allgütige Schöpfer mit einer solchen Fülle von Gaben ausgerüstet, mit solch' unerschöpflichem Vorrath versehen, daß alle seine Geschöpfe ״die Kleinsten, wie die Größten", sich an ihr erquicken und sättigen können, ohne daß Einer verkürzt wird oder Mangel leidet. Daß nach dieser und, wie ich wohl annehmen darf, auch richtigen Auffassung des Oll. G. der bissigböse Hund nicht als ״Bluträcher" handelt, sich mit Nichten des unschuldig gefressenen Lämmchens annimmt, ist selbstverständlich und ist daher der Passus: ״Ein Hund, den es verdrossen, daß floß unschuldig Blut" in der bekannten O ffenbach'schen Oll. G.-Uebersetzung entschieden unrichtig. Der Hund ist nichts weniger als entrüstet über den Ueberfall der tückischen Katze auf das unschuldige Lämmchen, denn er selbst hat ja auch nur zu oft schon demselben sein scharfes Gebiß fühlen lassen und hätte die Katze es nicht gefressen, so würde er dem Aermsten den Garaus gemacht haben. Er beißt aber nicht blos das Lämmchen, sondern auch die wilde Katze, weil er stärker als diese ist. Und wie der Sperber sein Attentat auf den Sperling mit demselben Rechte motivirt, welches der schlaue Sperling dem blauen Mückchen gegenüber geltend macht, so hat auch unser großer Hund für seinen Angriff auf die Katze einzig und allein nur jenen Rechtstitel zur Verfügung, auf welchen die Katze gegenüber dem Lämmchen sich berief und dieser ist nichts Anderes, als das uralte, vorsündfluthliche Faustrecht. Wie Sperling und Sperber, wie Hund und Katze, so sind Stock und Knute, Feuer und Wasser, Ochs und Schächter, Satan und Würgengel Gewalt- und Missethäter, die Alle bis auf den Letzten von Gott gerichtet werden und das gehetzte und mißhandelte Lämmchen findet nur in Gott seinen Rächer und Beschützer. Der Grund, warum der Autor sein Ob. G. ber Hagadah angeschlossen, es als Anhang, für ״die Befreiungsgeschichte" bestimmte, ist leicht ersichtlich, weil wir ja beim Auszuge aus Egypten Zeugen waren, ״daß Gott den Schwachen aus der Gewalt des ihm Ueberlegenen und den Bedrängten und Dürftigen aus Räubershand rettet" und weil im Mittelalter gerade die ״Wachtnacht", der Sederabend zu den gräßlichsten Juden- Verfolgungen benützt und den geächteten Juden sehr häufig zur schauerlichsten Blutnacht wurde; und da war es höchst nothwendig, dem geknebelten Lämmchen das ewigwahre Wort des Psalmisten: ״Sieh', es schläft und schlummert nicht der Hüter Israels", als letzten Trost in's Gedächtniß zu rnfen. Daß der brave Oll. G.-Mann sein Gedicht in der chaldäischen Sprache geschrieben, dies that er wohl deshalb, damit es mit dem Ho lac-llma anja, mit dem es schon den Umstand gemein hat, daß es ״mit dem Schändlichen und Traurigen beginnt und mit dem Rühmlichen und Freudigen schließt", auch von einerlei Sprache sei, wodurch ein passender Zusammen- Hang zwischen Anfang und Ende der Hagadah gegeben ist (wie wir ja bestrebt sind, das Ende der Thora mit ihrem Anfange, den Inhalt der letzten Mischuah mit dem der ersten in treffender und sinniger Weise zu verbinden). Es kann aber auch sein, daß der bescheidene Verfasser sein Lied aus dem Grunde nicht in der heiligen 86llir-2ion-Sprache verfaßte, um nicht dadurch zu verrathen, daß die Wiege seiner Ahnen am Jordan gestanden. Denn, wie es bekanntlich semitische und antisemitische Physiognomien gibt, so existiren auch respectable semitische und echt hamanitische Namen; wozu aber einem Gedichte das jüdische Gepräge verleihen, das seinem' ganzen Inhalte nach — bis auf das Schlußwort — unjüdisch, antisemitisch und unmenschlich ist? Insbesondere ist unser Oll. G. weder an Ort, noch an Zeit gebunden, denn es paßt für unser erleuchtetes Jahrhundert so gut, wie für das Zeitalter der Raubritter, es eignet sich für Europa, wie für jeden anderen