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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1882-03-28 · Heft 12 (28.3.1882) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 12 (28.3.1882)
Date
1882-03-28
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Anlauf zum Besseren gemacht. Allem, wie die neuesten Erscheinüngen auf dem Gebiete des Schulwesens beweisen, kehren wir allmälig zu den Fleischtöpfen Egyptens wieder zurück. Das confcssionelle Moment dominirt heute, wie vordem die Schule. Die Erfahrung lehrt, daß jedes Volk die Regierung hat, die es verdient. Sie .lehrt aber auch, daß jeder Staat das Volk besitzt, wie dessen Erziehung ist. Freie Männer werden nicht geboren, in unserer Zeit auch nicht erzogen, sie bilden nur Ausnahmen, weil sie aus sich selbst entstehen müssen, weil sie sich erst von den Bleigewichten ihrer Erziehung befreien, von den Vorurtheilen der Gesellschaft, deren Glied sie sind, loslösen müssen. Alle Größen unserer Zeit mußten erst den Läuterungsproceß an sich selbst durchmachen, bevor sie ein freies Auge und klares Verständniß für die vitalsten Interessen der Gesellschaft besaßen. Nur wer selbst gedrückt war, vermag das Weh des Gedrückten zu ermessen und wer Andere frei machen will, muß erst selbst im Besitze der Freiheit sein. Soll also das Ucbel, mit dem sich diese Zeilen befassen, aus dem Wege geräumt werden, so kann dies nur dann geschehen, wenn die Axt der Verbesserung an der Wurzel desselben angelegt wird. — Und diese Wurzel, sie hat ihren Boden in der Erziehung. Hier wird ihr in ewig neuem Kreisläufe neue Nahrung zugeführt, hier ist der archimedische Punkt, an dem der Hebel der Verbesserung einzig und allein mit Erfolg angesetzt werden kann. Ein Hauptbestandtheil der heutigen Erziehung ist der Unterricht in der Religion. Wohl wissen wir, daß es geradezu gefährlich wäre, für die Abschaffung des confessionellen Religionsunterrichtes einzutreten. Wie schön wäre es auf Erden, wenn gewisse künstliche Scheidewände, die von Ort und Zeit- Verhältnissen einmal bedingt, heute aber als gänzlich überflüssig von selbst wegfallen müßten und die ganze, ganze Menschheit das Land der Gleichheit umschließen würde! Wie groß und erhaben ist der Gedanke, die Welt herauszureißen aus dem Plunder, den nur der Egoismus erfunden, um mit der Glorie der Metaphysik die Masse zu blenden und für seine Zwecke dienstbar zu machen. Die Hoffnungen aus das einstige Paradies, welche der Menge mit den verlockendsten Farben himmlischen Glückes geschildert werden, wie nicht minder die Schrecken der Hölle, mit denen die Masse bedroht wird, sie sind dienstbare Werkzeuge des Egoismus. Man wird uns entgegenhalten, daß unser Gemüth zu sehr mit den Bildern und Satzungen der Confessionen verknüpft ist, als daß wir uns dessen so leicht entäußern könnten. Zugegeben, allein, wenn wir einmal einsehen, daß unser ganzes Leben verfehlt, so geben wir wenigstens unseren Kindern den Himmel auf dieser Erde. Sind wir zur Erkenntniß gelangt, daß jeder Mensch seine Kirche mit sich trägt, und das ist sein Gewissen, sein Herz, nun, so wird es auch nicht ferne liegen, die Erziehung des Kindes von jeder Beimischung confessioneller Formen frei zu erhalten und dafür die reine, unverfälschte Tugend an ihre Stelle zu setzen. Und gewiß, schneller als wir es ahnen, würde sich diese Pflanze entwickeln und wir selbst könnten noch ein Geschlecht heranwachsen sehen, frei von beengenden Vorurtheilen, frei von engherzigen Begriffen und Vorstellungen. Doch, wir vergessen, daß es wohl nur so sein könnte, aber in Wirklichkeit nicht ist. Hat einmal, das Kind sein sechstes Lebensjahr vollendet, so ist es Recrut. Es muß in die Schule. Und das empfängliche Gemüth des Kindes findet in den ersten Jahren des Schulbesuches nichts Anziehenderes, als den Religionsunterricht. Ist ja doch jeder andere Gegenstand ein mehr oder weniger mechanischer. Es findet wenig oder gar kemetr Gefallen an den trockenen Gegenständen des Elementarunterrichtes.' Es ist nur dem Lehrer, resp. der Art und Weise seiner Uüt^rrichtsmethode anheimgestellt, ob das Kind. den spröden Unterrichtsstoff früher oder später bewältige. Da erscheint der Religionslehrer. Das Kind kommt demselben schon von Haus aus mit Ehrfurcht und gläubigem Sinn entgegen und nun hört es in einer Sprache zu sich sprechen, die ihm neu und seinem Gemüthe so anziehend und bestrickend klingt. Und da hört es dann die Sagen und Legenden, die doch in ihrer Poesie für den Erwachsenen so viel Bezauberndes in sich fassen, es wird in eine neue, ungeahnte Welt hineingeführt, seine Phantasie sieht die vorgeführten Bilder zu lebendigen Wesen erwachsen, es macht, alle Leidensstationen mit, es hört die großen Worte des Heilands: ״Lasset die Kleinen zu mir .kommen" und weiter horcht es und ballt die Fäustchen ״Judas Jschariot hat den Herrn verrathen" und die Juden, das sind seine Brüder. Jetzt fiel das Stäubchen giftigen Mehlthau's in. das Gemüth des Kindes, es lernte den Juden, den Feind seines Heilands, hassen. Und dieser Haß, er wächst mit dem Kinde, er zieht mit ihm hinaus in's Leben, er ist sein treuester Begleiter in all' seinen Unternehmungen. (Fortsetzung folgt.) Kleine Gtzronik. יי מה אדם ותדעהו Diese neueste Piece von unserem geehrten College» Löwenherz aus Temesvar liegt uns vor und ,wir gehen mit Freuden daran, unsere werthen Collegen darauf aufmerksam zu machen. Obwohl wir von unserem Lehrer und Meister ״Papa Sulz er" meisterhaft ansgeführte ' und für gemischte Chöre sowohl als .auch für Männerquartette componirte Grabgesänge, wie: שוחני, בתי חומר *P|atm 49 und 91 als schätzbarstes Material besitzen, so können wir trotzdem dem jungen Componisten nur gratuliren, weil derselbe in einfacher und stylgerechter Form etwas ganz Anständiges geleistet hat. Dieses Musikstück ist. in O-moll für Männerquartett geschrieben und entspricht durch Würde und Haltung ganz unseren Anforderungen. Sehr ergreifend ist das - Recitativ. Wir empfehlen dieses Werk besonders jenen Autoren, welchen ein gemischter Chor nicht zur Verfügung steht. Dem geehrten Componisten rufen mir zu seinen ferneren Arbeiten ein ״Glückauf!" zu. Bl. Philadelphia. Der Zweigverein der ״Alliance Israelite Universelle“ in Philadelphia hatte das dortige Transcontinental- Hotel gemiethet, um dort die aus Rußland geflüchteten Jsrae- Uten unterzubringen, deren Ankunft auf amerikanischem Boden bereits gemeldet ist. Am 15. Februar wurde eine öffentliche Versammlung abgehalten, um Vorkehrungen für den Empfang und die Versorgung jener Flüchtlinge zu treffen und wurde zu diesem Behufe sofort die Summe von 5170 Doll, gezeichnet. — Am 23. Februar sind hier mit dem Dampfer ״Illinois" 325 russische Juden angekommen. | Zgilll) Edler von Kuffnrr. Der Wohlthäter der Armen und Nothleidenden, der Schöpfer so vieler humanitärer Anstalten, Herr Ignaz Edler v o n K u f f n e r, ist am 23. d. M. im 60. Lebensjahre verschieden. Wohl selten wurde ein Verlust so schwer, so tief empfunden, wie dies hier der Fall ist und wahrhaften,. aufrichtigen Schmerz fühlten Tausende und Abertausende bei dieser Todesnachricht.

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