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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1882-03-28 · Heft 12 (28.3.1882) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 12 (28.3.1882)
Date
1882-03-28
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3 ein׳ Recht, welches niemals' hätte angetastet werden sollen — zu verhelfen. : '־'־ Freilich -sind manchen Geheistücken von begabten Vorbeternf Ende des Vorigen und zü Anfang dieses Jahrhunderts, neue^ aber für'den Ausübenden schwer auszuführende Melodien/ wenn ich mich so ausdrücken darf, angepaßt worden, welche jedoch als Nichtgemeingut der Vergessenheit wieder, anheimfielen. Diese neuen Melodien nun, theils elegische Phantasien, theils profane, durch den Verkehr mit der Außenwelt in die Synagoge verpflanzten Gesänge, sind heute noch anzutreffen. — wenn auch sporadisch. Daß Vörbeter weltliche Musik zu den erhabensten Gebetstellen benützten, trüg wahrlich zur Hebung der Andacht nicht bei. Seitdem nun in neuester Zeit S. Su lz er (Schir Zion ll. Th^), namentlich aber A. Baer, durch sein für den Musik- Historiker wie für ־ jeden strebsamen Vorbeter unentbehrliches Werk ״Baal Tefilah" eines der wichtigsten Elemente der Synagoge, den liturgischen Gesang der Israeliten, förderten, ist ein bedeutender Umschwung zum Besseren angebahnt. Derartige' Werke verdienen das Interesse nicht nur der Candidaten, soudern auch mancher im Amte ergrauten Cantoren; die Kenntniß unserer herrlichen liturgischen Gesänge bei den Cantoren hat schon manche Gemeinde zu ihrem Bedauern vermissen müssen. Werfen wir einen Blick auf andere Confessionen, so finden wir: In Rom werden die vom Papst Gregor d. Gr. verfaßten und gesammelten religiösen Gesänge in der Peterskirche an einer Kette befestigt, zur Darnächachtung aufbewahrt. Der Protestantismus hält die Gesänge Luthers sehr hoch. Die Mohamedaner singen ihren Koran nach althergebrachten Melodien. Den Israeliten, denen man vonjeher nachrühmt, daß sie an ihren Sitten und Gebräuchen mit Zähigkeit festhalten, soll also alles Interesse an ihren altehrwürdigen liturgischen Gesängen abhanden gekommensein? ״Wer schädigt denn unsere überlieferten Gesänge?" dürfte Mancher fragen: Nun, die Prediger, Cantoren und Regenschori, — allerdings keine Regel ohne Ausnahme. a) Die Prediger in erster Linie, indem sie alte Gebete durch neue, zumeist in fremden Sprachen abgefaßte, ersetzen und in Folge dessen können die traditionellen Gesänge nur noch als Clavierauszüge ohne Text und Lieder ohne Worte zur Ehre Gottes erscheinen. Nicht uninteressant dürfte folgender verbürgter Vorgang sein: Einem Cantor, welcher sich an einen Prediger un! einen Text zu einer im Voraus von ihm angeblich componirten Melodie wandte, wurde bereitwilligst Folge gegeben und die Mache den Betenden aufoetroyirt. b) Die Cantoren, indem sie in dem Baal Tefilah den Dilettanten erblicken und wähnen, nur einem solchen stehe es zu, die alten Weisen zu benützen. ,Dem Beobachter wird gewiß die Wandlung nicht ent- .gangen sein, welche sich vollzog, seitdem man in dem Vorbeter den Vorsänger sieht. Es wurde hiermit nämlich der Sänger hervor- und den traditionellen Gesängen der Rücken gekehrt und ich glaube nicht mit der Behauptung im Jrrthume zu sein, daß seitdem auch die Gemeinden, allen Traditionen entgegen, dem Sänger die Stellung verleiden. Einen weiteren Uebelstand will ich nicht unerwähnt lassen:. Opernmelodien werden nämlich hie und da noch in der Synagoge cultivirt. Schreiber dieses hat selbst Gelegenheit gehabt, am Jom-kippur die Al-chet mit der Melodie aus den ״Hugenotten" (Liebesdueti 4. Act) in einer Synagoge (Choralgesang ebendaselbst) zu hören. - Im hiesigen Tempel wurden noch vor meinem Amtsantritte ohne Bedenken. Fragmente aus Opern aufgeiuhrt: Eine Keduschah unter dem Namen Nachtlager-Keduschah; der Kiddusch als Trinklied aus ״Lucretia". 6) Endlich die Regenschori, welche die Axt über den alten Stamm zu schwingen-leicht bereit sind. Wem wird es entgangen sein, daß Mancher unter dem Vorwände, damit die Sache sich einlebe, eine und dieselbe Piece jahraus, jahrein der Gemeinde oft bis zum Ueberdruß aufdrängt; die althebräischen liturgischen Gesänge hingegen, welche durch viele Jahrhunderte hindurch sich eingelebt, so daß dieselben bereits in Fleisch und Blut übergegangen, auf den Aussterbe-Etat setzt. Auf'dem Titelblatte ihrer Compositionen ist sehr häufig die Bewertung zu lesen: Eingeführt in der Synagoge zu **. also eine Synagoge mit einem musikalischen Minhag. — Morgen kömmt ein anderer Regenschori. Was geschieht? Die früher ״Eingeführten׳ werden über Bord geworfen und neue wieder eingesührt. Maßgebende Factoren haben dahin zu wirken, daß die Stabilität, ja der Bestand der traditionellen Gesänge nicht gefährdet, daß dieselben mit einer gewissen Liebe und Pietät gehegt und gepflegt, daß sie in ihrer Einfachheit — ohne allen Schmuck und eigene Zuthat — in ihrer Ursprünglichkeit belassen werden. Aus diesem Grunde ging ich auch, obzwar ich von Seite des Vorstandes des hiesigen Tempels, Herrn S. Fischet, hierzu angeregt wurde, mit einer gewissen Zurückhaltung an die Bearbeitung des Wajechullu und des Mögen owaus; (Recitative aus meinem Werke .,86bire heehal“ S. 35 und 36, wovon Wajechullu in der neuen Bearbeitung im Drucke erschienen ist); es galt da, die traditionelle Melodie zu einem modernen Choral umzugestalten, wo freilich von vorneherein eine freiere und ungebundenere Behandlung des gegebenen Stoffes angezeigt und gestattet ist. Dadurch, daß nämlich die traditionelle Melodie in einem anderen Gewände zu erscheinen hatte, mußte natürlicherweise Form und Inhalt einer eingehenden Umarbeitung unterzogen werden, wozu ich um so eher die Berechtigung zu haben glaubte, als die Melodien zum Wajechullu und Mögen owaus, der ihnen innewohnenden Monotonie nach zu urtheilen, lückenhaft zu sein schienen, die einer Ergänzung und folglich einer Bearbeitung bedurften. Ob mir dies geglückt, stelle ich Sachkennern zur Beurtheilung anheim; die hier gegebenen Anregungen hinsichtlich unserer althebräischen Gesänge jedoch mögen ernstlich in Betracht gezogen werden, auf daß dieselben sich fortan eines gesicherten und würdigen Fortbestandes für alle Zeiten erfreuen mögen. Nur Unverstand vermag ein Kunstwerk zu verstümmeln; das wahre Verdienst beschränkt sich auf möglichst getreue Wiedergabe des Werkes. Die sociale Stellung des 2uden in der Gegenwart. Bon Adolf No tter. VI. Zu den weiteren Gründen der Ausnahmsstellung, in der sich der Jude unserer Zeit.befindet, zählen wir in erster Lin'ie die Erziehung der Jugend. Sie ist einseitig und beschränkt, weil confessionell. In richtiger Erkenntniß dieser Einseitigkeit wurde mit dem Reichsvolksschulgesetze vom 14.. Mai 1869 ein

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