Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 11 (20.3.1882)
- Date
- 1882-03-20
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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dem Schalle der Posaunen von Jericho, die morschen Wände überlebter Vorurtheile wanken und auch stürzen machen. Und wie/gesagt, das vermag nur die Presse. Sie ist eben zum allgemeinen Verkehrsmittel geworden und besitzt in erster Reihe die Macht und die Befähigung, für eine Idee einzutreten, deren Erfolg sich den Errungenschaften unserer Zeit kühn zur Seite stellen könnte. Allein bis heute ist dieses noch nicht wirklich versucht worden und wie bei einem Brande nur durch bedeutende Wassermengen der Wuth des zerstörenden Elementes Einhalt geboten wird, so kann auch unsere Frage nur dann endgiltig beseitigt werden, bis sich jene Factoren derselben annehmen, die wohl die Macht, aber leider noch nicht den Willen haben, dieselbe ihrer Lösung entgegen zu führen. Und bis dahin muß eine nicht unbedeutende Summe von Kraft brach liegen und geduldig des Augenblicks harren, bis der Schöpfungsruf: ״Es werde!" sie zu kräftigem, erfolgreichem Leben erwecken wird. (Fortsetzung folgt.) Ueber die Ludenhetzen. Die englischen Consularberichte über die russische Juden Hetze wurde dem Parlament Ende Februar in einem dreißig Seilen starken Hefte unterbreitet und umfassen Depeschen vom 16. Mai 1881 bis zum 25. Januar dieses Jahres von diplomatischen und Consularbeamten aus Petersburg, Odessa׳ Taganrog, Nikolajew und Warschau. Es ist nicht zu verkennen, daß diese Mittheilungen den Umfang der Judenhetze zusammenschrumpfen lassen; daß insbesondere die Timesberichte über die haarsträubenden Vorgänge in Odessa sich als arg übertrieben Herausstellen. Generalconsul Stanley aus Odessa hat gerade die Widerlegung der Timesberichte zum Gegenstände einer besonderen Depesche vom 18. Januar gemacht und stellt zunächst die Schändung von Jüdinnen vollständig in Abrede (?), hebt die wachsame Sorgfalt des Generalgouverncurs Fürsten Dondukow-Korsakow hervor und setzt den den Juden während der Unruhen entstandenen Gesammtverlust auf blos 20.000 Rbl. (gleich 2000 L.) fest. ״Zwar beanspruchte die jüdische Gemeinde," so schreibt Stanley, ״einen Schadenersatz von 300.000 Rbl., aber schon die bessere Classe ihrer Glaubensgenossen tadelte sie wegen des Uebermaßes. ׳. Die Uebrigen gestanden dies auch ein, entschuldigten aber die Uebertreibung damit, daß sie nur auf diese Weise annähernd zu einem Schadenersätze gelangen könnten. Ein sehr anständiger Jude bemerkte, mir, der Schaden könne bei der höchsten Schätzung nicht 50.000 Rbl. überschreiten." Fallen auf diese Weise zwei Klagepunkte gegen die Juden weg, so wird andererseits in einem Berichte des Viceconsuls in Nikolajew, Wagstaff, über die antisemitische Bewegung in Südrußland eine schwerwiegende Anklage gegen das sociale Gebaren der südrussiscken Juden erhoben, welche zum Theil wenigstens die Abneigung der Kleinrussen gegen sie erkläre. Wagstaff sagt, daß zwischen den dortigen Christen und Juden ein eingewurzelter Haß bestehe, der nicht auf religiösem Fanatismus, sondern auf Ausbeutung und Mißbräuchen beruhe. ״Da den Juden die Staatslaufbahn und andere Berufsarten verschlossen sind, werfen sie sich naturgemäß auf den Handel, den sie bei der Trägheit und Thatlosigkeit der einheimischen Bevölkerung völlig in der Hand haben. Anzuerkennen ist dabei ihre Arbeitsamkeit, ihre Nüchternheit und Mäßigkeit und vor Allem ihre geistige Aufgewecktheit und geschäftlicher Unternehmungsgeist. Fast kein Geschäft findet ohne ihre Vermittlung statt. Sie sind die Hauptspirituosenhändler; halten Schnapsbuden und Lusthäuser, machen den Hehler, Pfandleiher und Wucherer; sie find ferner die Hauptregierungslieferanten und schwindeln im Verein mit gewissenlosen Beamten dem Staate jährlich ungeheure Summen ab. Ihre betrügerischen Kniffe beinslussen überhaupt Alle, die mit ihnen in Berührung, kommen. Außerdem besteht bei ihnen eine Art von ״Boycotting", wobei sie ihre Religion zu Geschäftszwecken ausbeuten. Sie nennen dies Kaul, oder Kagal, oder Kerim. Zum Beispiel: Wird in Bessarabien eine Meinbergernte feilgeboten, so werfen die jüdischen Mitbewerber unter sich das Los; und Derjenige, dem es zufüllt, hat freie Hand und bietet, unbehelligt von den Uebrigen. Wird Regierungsland zur Pacht ausgeboten, so trägt stets ein Jude den Sieg davon. Er verpachtet das Land seinerseits wieder an Bauern zu übertrieben hohen Preisen. Bebaut er es aber selbst, so hinterläßt er es nach Ablauf der Pachtzeit in einem kläglichen Zustande. Als Wucherer ist er wohlbekannt. Gesetzt, ein jüdischer Recrut besitzt einige Rubel Capital, so läßt sich mathematisch ausrechnen, wann er der Geldleiher seines Regiments, vom Tambour bis zum Obersten herauf, sein wird. Geräth ein Bauer den Juden in die Hände, so ist er unwiederbringlich verloren. Der Gutsbesitzer verpfändet nach und nach sein ganzes Gut und verliert es gelegentlich; auf diese Weise ist ein großer Theil des Grundbefitzes in Südrußland in den letzten Jahren in jüdische Hände übergegangen. Sie selbst (die Juden) treiben sehr wenig Ackerbau, aber sie ernten den Lohn fremder Arbeit und werden reich, während die Gutsbesitzer allmälig verarmen (?). In Westeuropa und Amerika identificirt sich der Jude mit dem Volke, unter welchem er lebt und bildet einen Theil der Nation; aber in Rußland sind die Juden eine verschiedene Kaste in Gewohnheiten, Denken, Sprache und Kleidung. Der Russe und der Jude haben nichts gemein. Die wahre Stellung der russischen Juden wird oft von ihren Brüdern draußen verkannt. Diese drücken von ihrem eigenen Standpunkte Mitleid mit ihren Glaubensgenossen aus, übersehen aber dabei die Geltung der Juden in Rußland. Das Wort ״Jid", das man in Rußland auf die Inden anwendet, ist gleichbedeutend mit Allem, was gemein und verächtlich ist; man schaut auf ihn als den Fluch der Gesellschaft, ohne Rücksicht auf seinen Stand." Aus diesen Auszügen ist ersichtlich, daß Gladstone und die ״Daily News" vermuthlich diese Berichte im Auge hatten, wenn sie auf eine genauere Erforschung der Sachlage drangen, ehe der Stab über Rußland gebrochen würde. Uebrigens ist Wagst aff aufrichtig genug, anzuerkennen, daß die gebildeteren Juden das Bestreben der oben geschilderten Classe verabscheuen und zweitens, daß das einzige Heilmittel für diese Zustände in der politischen Gleichstellung der Juden mit den Russen zu suchen sei. Der Handel und die Industrie würden durch ein redliches Mitarbeiten der 3,500.000 Juden sehr gehoben werden. Ferner ist zur Charakteristik des Wagstaffischen Berichtes hinzuzufügen, daß sein Generalconsul, der oben erwähnte Oberst Stanley, jene Anschauungen über die Judenfrage nicht theilt. In einem Schreiben an Lord Granville, worin er diesem die Uebersendung des Wagstaf fischen Berichtes anzeigt, sagt er ausdrücklich: ״Ich glaube nicht, daß die Bauern einen Classenhaß gegen die Juden hegen und ich bin überzeugt, daß nach näherer Untersuchung die Unruhen sich als politische ausweisen werden und daß bei jedem einzelnen antijüdischen Krawall die