Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 10 (12.3.1882)
- Date
- 1882-03-12
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 sich ein". Vielmehr sind diese Eigenthümlichkeiten nur nothwendige Folgen der künstlichen Abgeschiedenheit, zu welcher der Jude verurtheilt war. Nachdem ihm jedes Ziel, und sei es auch nur das der Erhaltung, theils gänzlich versperrt, theils nur schwer erreichbar war, was natürlicher, als daß er zur Erreichung seiner Ziele Umwege wählen mußte. Und bei diesen Umwegen durfte er das ethische Moment 'gewiß nicht in Betracht ziehen, ihm mußte cs genug sein, das Angestrebte, sei es nun durch welches Mittel immer, zu erreichen. Und selbst hierin dürfte die Schuld nicht ganz auf seiner Seite sein, da es doch immer Leute gegeben haben muß,, die ihn in seinen diesbezüglichen Unternehmungen, natürlich für Geld und gute Worte unterstützten. Zudem weisen wir an der Hand der Geschichte, der ältesten wie der neuesten Zeit, darauf hin, daß die Corruption, im umgekehrten Verhältnisse zur Freiheit eines Volkes stehend, immer dort am üppigsten wucherte, wo die allgemeine Freiheit in Fesseln lag. Unter solchen Verhältnissen darf es uns wahrlich nicht wundern, wenn der gehemmte Strom seinen Fluthen ein Bett sucht. Legt, ihm aber nichts in den Weg, entfernet die Steine des Anstoßes, an denen sich seine Wogen brechen und ihn dadurch gefährlich machen könnten und seine Wässer werden ruhig fließen. Er wird nicht murren, nicht aufbrausen. Ist er doch auf seinem Wege nicht mehr allein! Sieht er doch das von ihm so heiß ersehnte Ziel endlich nach langer Wanderung erreicht, das Ziel: Zu münden und aufzugehen in dem großen Meere der Allgemeinheit. Und das ist doch das Feldgeschrei der Gegner des Juden. ״Der Jude soll in der Gesellschaft aufgehen". Ja, er soll und will und wird es auch, aber gerade seine Gegner sind es, die gegen ihren Willen dieses Ziel hinausschieben und gleichsam das Leben, des Juden, verlängern, Nicht die Gewalt des Sturmes aus-der Fabel wird es zuwege bringen, daß der Jude den Mantel der Exclusivität, in den er sich hüllen müßte, um dem Sturme zu trotzen, ablegen, sondern die milden Sonnenstrahlen der Brüderlichkeit und der wahren Gleichberechtigung werden ihn zwingen, freiwillig die ihn beengenden Fesseln und Schranken zu brechen, die ihn unterscheiden, wie nicht minder alle jene Eigenthümlichkeilen abzulegen, die ihm Zeit und Verhältnisse mit ihren Vorurtheilen aufdrängten. Was nützt es auch, den Gefangenen freizusprechen und ihn zugleich verurtheilen, die Sclavenkette mit sich zu schleppen. Lasset dem Juden die Freiheit zu Theil werden, die Ihr für Euch beansprucht und damit werdet Ihr beweisen, selbst der Freiheit würdig zu sein. Kleine GHronik. Algier. Der in den nordafrikanischen jüdischen Ge- -meinden allgemein hochgeschätzte und berühmte Rabbiner David Moatti ist jüngst im Alter von 92 Jahren gestorben. Er galt als der religiöse Führer aller algerischen Israeliten. Mehr als 10.000 Personen wohnten seinem Leichenbegängnisse bei. Nicht nur in Algier, sondern in allen größeren Städten Al- »geriens waren am Tage des Leichenbegängnisses alle jüdischen ׳Läden geschlossen. 'Cottbus, 2. März. Ein schönes und herzerhebendes Fest war es, welches unsere חברה קדישא am verflossenen Sonntag (26. Februar) unter zahlreicher Betheiligung begangen hat. Fünf Jahre sind es nämlich, seitdem dieser segensreich und wohlthätig wirkende Verein in's Leben gerufen wurde und wir können zu unserer Freude constatircn, daß seine finanziellen und sonstigen Verhältnisse sehr zufriedenstellend sind. In diesem Jahre wurde in der Comitositzung zum ersten Mate der mit Beifall aufgenommene Beschluß gefaßt, das Stiftungsfest vom 18. Jänner ans den 7. Adar zu verlegen und dasselbe nicht nur durch Todtenfeier in der Synagoge, wie bisher, sondern auch durch ein großartiges Festessen, welches in den schön decorirten Räumen des Hotels ״zum Baer" auf's Prächtigste arrangirt war, am Abend des 7. Adar zu verherrlichen. Nach dem Minchagebet bestieg unser Rabbiner Herr Doctor Dienstfertig die Kanzel und hielt eine tief ergreifende Rede, die auf alle Zuhörer einen mächtigen Eindruck machte. Vor Beginn des eigentlichen הזכרת בשמות, welches vom Cantor A. Zadek mit dem üblichen Gesang ״ה' מה ארב״ eingeleitet wurde, sprach der Prediger ein warmes, inbrünstiges Gebet für das Seelenheil des verewigten großen Dichters, des muthigen und wackeren Kämpfers für Wahrheit und Recht: Berthold Auerbach, seligen Andenkens. Sodann hielten die Herren: Vorsteher M. Freund, Hoflieferant Lichrenstein, W. Löwenstein, I. Schack und Andere ausgezeichnete Tischreden. — Der ersten, weihevollen Feier im Gotteshause folgte dann die gesellige Vereinigung im ״Baer". Zunächst hielt unser allverehrter Gemeindevorsteher Herr Ad. Kempner, als ältestes Mitglied des Collegiums, eine sehr schöne, wahrhaft geistreiche, würdevolle Ansprache, worin derselbe die Versammlung Namens des Festcomito's auf's Herzlichste begrüßte. Hierauf sprach Herr C. Simke als erster Vorsteher des Kranken- und Beerdigung»- Vereines innige, wohldurchdachte und tiefempfundene Worte, die mit allseitigem Jubel erwidert wurden. Ter köstliche Wein verfehlte seine bewährte Wirkung nicht; Alles war froh und vergnügt. Es wurde viel gesungen und gescherzt. — Erst spät nach Mitternacht trennten wir uns in der heitersten Stimmung mit dem beseligenden Bewußtsein und dem beglückenden Gefühl: הנה מה טוב ומה נעים שבת אחים בם יהד• Am Wesentlichsten trug das von Herrn Obercantor Winkler in Gleiwitz eigens zu diesem Zwecke verfaßte, höchst gelungene Lied (Semer), welches nach der bekannten Jigdalmelodie unisono executirt wurde, zur Hebung und Belebung der Festfreude und zur Erhöhung des Frohsinns bei. Frankfurt a. M. Bor etwa 6 Monaten wurde im Haag der Ober-stN Herr Simon nach Kopenhagen berufen. Als die Stelle ausgeschrieben wurde, meldeten sich, wie man uns mittheilt, ca. 100 Candidaten. Es wurde hierauf eine Commission gewählt, welche von den angemeldeten Candidaten einige zur Probe berufen hat. Als dritter Candidat kam Herr S. Münz חזן von hier nach dem Haag und hat derselbe seine Probe am ש״ק 2, שק^ים zu großer Zufriedenheit der Gemeinde abgelegt. Auch christliche musikalische Autoritäten sprachen sich sehr anerkennend über seine Leistungen aus. Die ״Haager Zeitung" schrieb, daß Herr Münz durch seine außerordentlich klangvollen Stimmmittel, sowie durch fein sonores, sympathisches Organ bei der gesammten Zuhörerschaft einen tiefen Eindruck hervorgerufen habe. Der Vortrag habe sich als verständlich und angemessen erwiesen und sei des ungetheilten Beifalls würdig gewesen. Die Ehrengeschenke, welche Herr Münz erhielt, gaben Beweis von der Wertschätzung, welche sich derselbe während seines kurzen Verweilens im Haag errungen hat.