Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 9 (4.3.1882)
- Date
- 1882-03-04
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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euilllleton. Die Tochter des Chasan. Original-Erzählung aus vergangenen Tagen von Ad. v. Zemlinszky. (Alle Rechre Vorbehalten.) 8. Fortsetzung. ״Und ich wanderte baarfuß, entblößten Hauptes, mit zerrissenen Kleidern durch der Wüste heißen Sand, unbeschützt vor den senkrecht auf mich niederfallenden Strahlen der Sonne. Gar oft fühlte ich das Blut in meinem Gehirne kreisen und toben und glaubte niemals mein Ziel erreichen zu können, gar oft sank ich zu Boden —und dennoch habe ich dieses Ziel erreicht; ja, ich war in Palästina, habe das heilige Land betreten, habe dort gelebt — gebetet. ״Und Jahre sind darüber vergangen. Was soll ich Euch all' das Elend, die Noth schildern, die ich gelitten, litt ich ja mit tausend Anderen, die dort lebten — genug davon. ״Das ganze heilige Land habe ich durchzogen, es trieb mich ruhelos immer weiter fort. ״Eines Tages begegnete ich einem alten, ehrwürdig aussehenden Mann, Rabbi Elchanan ben Abikur; ich faßte Vertrauen zu ihm, theilte ihm das Elend meines Lebens mit, erzählte ihm von meinen Seelenqualen, von meinen Leiden, meinem verlorenen Dasein. ״״Dein Vater isttodt!"" sagte der Rabbi in einem Tone, als wäre dies eine nicht abzusprechende Thatsache. — ״״Du hast sonst keine Verwandten?"" fragte er dann weiter. ״War es die liebreiche Stimme des heiligen Mannes oder war cs sonst irgend etwas — es wurde plötzlich hell in meinem Geiste und ein Gefühl der Freude bemächtigte sich meiner. ״Ob mein Vater todt ist? Weh' mir, daß ich diese Frage nicht zu beantworten vermag, doch, Gott wird vielleicht Mitleid gehabt haben und ließ ihn leben." ״״Wie!"" sagte der fromme Mann zürnend, ״״Du weißt es nicht, ob Dein Vater lebt und zogest hieher nach Palästina, durchziehst viele Jahre hindurch die Welt und eilst nicht zu ihm, um Dir seine Verzeihung, seinen Segen auf den Knieen zu erflehen? Kehre um, richte Deine Schritte der Heimat zu und Gott wird Dich schützen. Ich will für Dich beten."" ״Und ich verließ Palästina, wanderte wieder der Heimat zu. ״Zweiundzwanzig Jahre sind es, daß ich sie nicht wieder gesehen und jetzt, wo ich fast am Ziele angelangt, befiel mich diese Krankheit, der ich fast unterlegen wäre, wenn Gott mir nicht feine Engel zu Hilfe gesendet hätte." ״Seid Ihr noch weit von Eurer Heimat?" fragte Helene mit unendlich theilnahmsvoller Stimme. ״Weit — nein. In Prag war ich einstens zu Hause — jetzt habe ich keine Heimat." ״Verzeiht mir eine Frage?" sagte Helenens Mutter. ״Wie heißt Euer Vater? Vielleicht kann ich Euch sagen, ob er, was Gott geben wolle, noch unter den Lebenden weilt." ״Ich bin die Tochter des Chasan Schlome Meier in Prag." ״Der blinde Rabbi?" riefen Mutter und Tochter. 10. Ich bin die Aochter des GHasan. Und der Herbst war längst vorüber, der die Bäume entlaubt hatte und statt seiner war ihm sein böser Nachbar, der Winter, gefolgt, — hatte Millionen und Millionen Schneeflocken aus unergründlichen, kalten Höhen auf die Erde niederfallen gemacht. Und der Schnee bedeckte fußhoch aufgehäuft Weg und Steg im Walde und schnitt jede Verbindung zwischen den Bewohnern des Gebirgsdörfchens mit der übrigen Welt ab. Rosa, ״die Tochter des Chasan" war jetzt wieder gekräftigt und gesund, doch wollten Helene und ihre Mutter es nimmermehr zugeben, daß ihr Gast sie in dieser schlechten Jahreszeit verlasse und den vielen Bitten und Zureden war es endlich gelungen, sie zum Verbleiben zu vermögen. Ein einziges Schreiben war noch von Rafael eingelangt, in welchem nur kurze Mittheilung enthalten war, daß er in Northumberland eingetroffen sei. Im nächsten Schreiben wollte er ausführlichen Bericht erstatten, so versprach er, doch der starke Schneefall hatte es unmöglich gemacht, etwaig eingelangte Briefe hinauf in das Gebirgsdörfchen zu befördern und so waren denn die drei Frauen ohne alle Nachricht. Um so freudiger war jedoch die Ueberraschung, als sie durch die mit Eisblumen überzogenen Fenster hinüber nach dem Walde schauten und plötzlich einen dicht vermummten, mit Schnee bedeckten Mann erblickten, der sich nur mühsam durch den aufgethürmten Schnee hindurch arbeitete, dem Hause zu. Ahnenden Herzens war ihm Helene entgegen geeilt bis zur Thüre des Hauses. Und ein Freudenschrei hatte gar bald auch die beiden anderen Frauen herbeigerufen, welche Helene in den Armen Rafael's fanden. Und nun wurde der Angekommene eiligst in die warme Stube geführt, ihm seine Oberkleider abgenommen und Fragen stürmten auf Rafael ein, die dieser nicht schnell genug zu beantworten verstand. ״Wir glaubten Dich noch immer in Northumberland und hatten die Hoffnung bereits aufgegeben, Dich vor Beginn des Frühjahres wieder zu sehen," sagte Helene, nachdem sich der erste Freudenrausch gelegt hatte. ״Es wäre auch bald so gekommen, wie Du gesagt," entgegnete Rafael: ״bei meiner Ankunft in der Grafschaft fand ich die Baronin Marc Aurel vollkommen erblindet. Sie übergab sich mir vertrauensvoll in Behandlung und mit Gottes allmächtiger Hilfe war es mir gelungen, der alten Frau das Licht ihrer Augen wieder zu geben, aber . . . ." ״Aber? . . . ." fragten die Frauen. ״Der Frau war es nicht lange gegönnt, sich dieses Glückes zu freuen, ein schwerer Gram hatte sie gemüthskrank gemacht und wenige Wochen darnach, daß sie sehend geworden, — starb sie in meinen Armen." ״Gott möge ihr die Ruhe schenken und ihr die Sünden vergeben, wie ich ihr verzeihe," sagte Rosa wehmüthig. Jetzt erst gewahrte Rafael die Frau, die er in Obhut der Seinen gegeben und schnell eilte er auf die in einem Winkel der Stube Sitzende zu. ״Verzeihen Sie mir," sagte er, ״daß ich Sie nicht begrüßte." ״Nehmen Sie meinen wärmsten, innigsten Dank hiefür, daß Sie durch Ihre edle, menschenfreundliche That mir, der armen, unbekannten Frau, das Leben gerettet." — Rafael ergriff ihre beiden ihm entgegen gehaltenen Hände und drückte sie mit Wärme. ״Ich bin glücklich," sagte er, ״Sie wieder zu finden."