Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 9 (4.3.1882)
- Date
- 1882-03-04
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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— 7 ״Du wirst doch hoffentlich jetzt lange Zeit bei uns derbleiben?" fragte Helene. ״Schlecht gerathen," lachte Rafael, ״nur wenige Tage bleibe ich hier und dann heißt es wieder — fort!" ״Fort!?" ״Ja wohl, aber nicht sehr weit. Nur nach Prag, dort habe ich Wichtiges zu schaffen. — Doch, daß ich Euch weiter erzähle. ״Die Baronin Marc Aurel hatte Vertrauen zu mir gefaßt vom ersten Tage meines Verweilens auf dem Schlosse. Und als sie sehend geworden, da glaubte sie eine große Aehnlichkeit zwischen mir und ihrem auf der Jagd verunglückten Sohne zu entdecken. ״Sie erbarmte mir, diese arme reiche Frau, die so ganz allein, ohne Verwandte, ja selbst ohne Freunde ihr Leben einsam verbrachte und aus dieser Ursache willigte ich auch endlich ein, noch länger als nöthig gewesen, im Schlosse zu verweilen. ״Wenige Tage vor ihrem Ende theilte sie mir die Geschichte ihres Lebens mit. — Sie hat schwer gesündigt — doch auch schwer gebüßt. Ihren Reichthum hat sie mir vermacht, jedoch nur unter der Bedingung, daß ich, wenn jemals die Frau oder das Kind ihres Sohnes zum Vorschein kommen sollten, ich selben dann an diese auszufolgen haben würde. Für diesen Fall hat sie mir eine namhafte Summe testirt." Helene und ihre Mutter blickten verstohlen auf Rosa, die sich wieder in einen Winkel zurückgezogen hatte und von dort aus ununterbrochen Rafael beobachtete. ״Die Baronin Marc Aurel hatte Recht," sagte sie plötzlich, sich von ihrem Sitz erhebend und auf Rafael zugehend, ״Sie haben wirklich eine große Aehnlichkeit mit deren Sohn." ״Sie haben ihn gekannt?" fragte Rafael erstaunt. — ״Ja! — ich habe ihn gekannt." ״Rafael," sagte die Hausfrau ernst — ״ohne zu suchen, hast Du gefunden. Diese Frau ist Diejenige, welche Du finden sollst, die rechtmäßige Erbin der Baronin Marc Aurel." ״Wie — Sie sind?"- ״Ich bin die Tochter des Chasan — Schlome Meir — nichts weiter. Die Vergangenheit ist todt." Und gesenkten Hauptes verließ sie die Stube. 11. Aich t. Der blinde Chasan saß allein in seinem Gemache, sein Gesicht in beiden Händen vergraben. Plötzlich richtete er sich auf. ״Wer kommt da zu mir!" sagte er halblaut, als sich auf der Treppe Schritte vernehmen ließen, — ״das ist nicht der leichte Gang Jisraels und auch nicht der gemessene Schritt Jochanans, — wer mag es wohl sein?" — Die Thüre wurde geöffnet. ״Darf ich eintreten, Reb?" fragte eine jugendlich-frische Stimme. ״Jetzt weiß ich es, wer zu mir kommt," sagte der Blinde freudig, ohne die an ihn gestellte Frage zu beantworten. ״Du bist Rafael, nicht wahr? Ich habe Dich an Deiner Stimme erkannt, ungeachtet Du lange Zeit nicht bei mir gewesen." ״Ja wohl, Meister, ich bin Rafael, Euer dankbarer Schüler." ״Tritt näher, mein Sohn, noch näher, immer zu, bis ich Deine Hand in der meinen fühle, bis ich Deine Stirn mit meinen Lippen berühren kann." Rafael gehorchte freudig. ״Dank Euch, für diese große Liebe." ״Du mußt Deiner Mutter ähnlich sehen, nicht wahr? Hast wohl auch so rabenschwarzes Haar wie sie? Hast auch solch' eine breite weiße Stirn wie. sie und-" ״O! Meister, was höre ich da, Ihr habt meine Mutter gekannt? Und niemals spracht Ihr von ihr — meiner Mutter! Ihr fragt mich, ob ich ihr ähnlich sehe? Weiß ich es denn, habe ich denn jemals meine Mutter gesehen! Sagt mir, ich bitte Euch darum, sagt mir — habt Ihr sie gekannt — und wo finde ich sie?" ״Es ist wahr Rafael," sagte der Blinde, ״Du Haft Deine Mutter nicht gekannt, ich — ich ja, sie war schön, schön wie eine Maiennacht, gut und fromm, liebevoll und zärtlich. Und es kam plötzlich ein rauher, eisiger Nordwind — und Alles ist dahin — sie ist tobt.“ Den blinden Augen des Chasan entfielen große, schwere Thränen. ״Ihr weint, Meister, um Gott, sagt mir doch, stand Euch denn meine Mutrer so nahe, daß Ihr selbst heute, nach so langer Zeit, solch' großen Schmerz über ihren Verlust empfindet?" ״Ich habe sie geliebt, Rafael, wie — wie meine Tochter und all' diese Liebe, diese Zärtlichkeit habe ich aus Dich übertragen. — Doch genug davon, sage mir den Grund Deines Kommens, denn nicht Geringes, glaube ich, mag es wohl sein, was Dich aus Deiner Waldeseinsamkeit im tiefen Winter zu mir, dem Blinden, führt." ״Zum blinden Manne komme ich heute. Ihr habt recht, Meister, nicht Geringes ist es, was mich hieherführt. ״Seit meiner zarresten Jugend habt Ihr Euch meiner angenommen, meiner, des elternlosen Knaben. Ihr ließet mich erziehen, lehrtet mich unseren Glauben lieben und verehren, — Ihr seid es gewesen, der mich einsührte, mich, den wißbegierigen, aber unwissenden Knaben, in die Geheimnisse der alten, heiligen hebräischen Schriften. Doch nicht genug, Ihr ließet mich auch in anderem weltlichen Wissen unterrichten, scheutet keine Opfer, schicktet mich gar nach Venedig zu Eurem ehrwürdigen Freunde Räbbi Josua den Silvio und dort, unter seiner trefflichen Leitung, besuchte ich die Universität. Wie es Mtr da ergangen, Ihr wißt es ja, Meister und all' die Ehren, die mir dort zu Theil geworden — Euch gebühren sie, Euch allein, — denn mein Geist war Geist von Eurem Geiste. Heute komme ich reich und angesehen zurück und will Euch eine Bitte vortragen, deren Erfüllung mich glücklich machen würde. ״Einst sprach Gott zu Moses, als dieser sein auserwähltes Volk durch die Wüste führte: ״״Gehe hin, sprich den Namen Gottes, berühre mit Deinem Stabe den Fels und Wasser wird ihm enströmen, damit die Schmachtenden sich daran erlaben." — Mir, Meister, hat Gott die Wissenschaft gegeben, um in seinem heiligen Namen dort zu helfen, wo Hilfe möglich ist. Vertraut Euch mir an und ich will zu Gott flehen, daß er mir seinen allmächtigen Schutz und Beistand leihe, auf daß es mir gelinge, dem todten Auge das Leben wieder zu geben." ״Sehen!" Der Chasan lächelte wehmüthig. — ״Zehn Jahre bin ich schon — blind." ״Und ich hoffe zu Gott, daß Ihr noch mehr Juhre sehend sein sollt." (Fortsetzung folgt.)