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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1882-03-04 · Heft 9 (4.3.1882) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 9 (4.3.1882)
Date
1882-03-04
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Serthold Auervach. Für Jeden von uns, wenn er im Leben vorschreitet und ein gewisses Alter erreicht hat, kommt ein Tag, wo er plötzlich an das Ende gemahnt wird, wo er Männer, die eine Zierde der Wissenschaft, ein leuchtend Gestirn am Himmel des sich weit ausdehnenden Forschens waren, zur Rechten und zur Linken fallen sieht und die Welt um ihn her allmälig zu vereinsamen scheint. Vor dem Blicke des Jünglings, wenn er in die Bahn eintritt, dehnt sie sich unabsehbar aus und sein Thatendrang stürmt dahin, als ob es in Ewigkeit so fortgehen könne; und wohl ihm, wohl uns, daß dem so ist. Denn ohne dies Vertrauen zum Morgen, welches Werk würde vollbracht, ja unternommen werden? Aber' auch für ihn kommt einmal der Tag, an welchem er mit Schreck oder Wehmuth empfindet, wie vergänglich das Einzeldasein. Wenn uns auf einmal und für immer genommen, was uns theuer war, wenn wir Demjenigen nicht länger begegnen, dessen Erscheinung uns so lieb war, wenn sein Platz leer, seine Stimme verklungen, dann wandelt uns jenes Gefühl der Unsicherheit an und wir messen wohl mit den Augen, wie weit die Sonne noch über dem Horizonte steht! Die Sonne? Sie wird auf- und sie wird niedergehen für Millionen nach uns, wie sie für Millionen vor uns auf- und niedergegangen ist. Unablässig weiter rauschen wird die Fluth der Zeit und neue Menschen werden konlmen zu neuen Freuden, neuen Leiden. Aber was uns gehört hat, nimmt sie mit sich und in unaufhaltsamem Laufe folgt, was wir gewesen. Ich glaube, daß der gegenwärtigen Generation kein bebäuerlicherer Verlust hätte zu Theil werden können, als der — Auervach's. Seinem Wirken wenige Worte, seiner wollen wir gedenken in Liebe und Verehrung. B. Auerbach ist von jüdischen Eltern in Nordstetten im Schwarzwalde' am 28. Februar 1812 geboren; von zehn Geschwistern umgeben, verlebte er seine Kinderjahre in der trauten Heimat. Er besuchte die christliche Schule, wurde aber von einem jüdischen Lehrer unterrichtet, bis er im zwölften oder dreizehnten Jahre die Talmudschule in Hechingen besuchte; zwei Jahre später ging er nach Carlsruhe, um seine theologischen Studien fortzusetzen. Die größeren Verhältnisse, die ihn umgaben, das Studium der lateinischen und griechischen Sprache, auch persönliche Umstände gestalteten seine Anschauungsweise um; er besuchte das Gymnasium in Stuttgart, studirte Jus und dann Philosophie in Tübingen, anfangs unter David Strauß, später unter Schelling in München; auch der Historiker Schlosser beeinflußte ihn. Wegen Theilnahme an der Burschenschaft wurde er 1839 zu Festungsstrafe auf dem Hohenasperg verurtheilt; seit 1838 lebte er in Frankfurt, Breslau, Berlin und, in Südfrankreich Heilung suchend, wurde er in Cannes vom Tode ereilt. Bei Beurtheilung der poetischen Leistungen sind weder die früheren Romane — er hatte ja in ihnen sein Element noch nicht gefunden — noch die späteren — in ihnen hatte er es schon mit anderen Elementen vermengt — in Betracht zu ziehen. Man erkennt in seinen Werken das Streben, für Aufklärung, wahre Religiösität und Humanität zu wirken; Mitgefühl für Arme und Unterdrückte, sei es, daß der Staat, die Kirche oder sociale Verhältnisse die Ursache der Bedrückung waren, spricht aus seine:! Schriften. Unter seinen Werken find hervorzuheben: ״Spinoza. Ein historischer Roman". Er führt uns hier mitten in den Kampf der Vernunft gegen den verjährten Aberglauben, in den Conflict freier Forschung mit ererbter Satzung, mit den beengenden Fesseln religiöser, politischer und socialer Verhältnisse. ״Dichter und Kaufmann. Ein Lebensgemälde". ״Frau Professorin" von Charlotte Birch - Pf eiffer dramatisch bearbeitet; die Romane: ״Auf der Höhe" und ״Landhaus am Rhein". Am bekanntesten sind die ״Schwarzwälder Dorfgeschichten", eine Schilderung der Sitten und des Lebens der Bewohner des Schmarzwaldes. Lebensvolle Wahrheit durchzieht das Ganze, aber veredelte, idealisirte Wahrheit; keine Photographien, sondern künstlerisch aufgeführte und durchgeführte Gemälde treten uns da entgegen- Man erhob den Vorwurf, Auerbach habe sich angemaßt, christliches Leben und christliche Sitten zu schildern, ohne Christ zu sein; das ist ja eben der echte Dichter, der ihm fremde Verhältnisse mit Wahrheit und Treue aufzufassen und darzustellen vermag; er fand auch Anerkennung, denn es gibt wenige europäische Sprachen, in die seine Dorfgeschichten nicht übersetzt wären. Sein Andenken zu ehren, wollen wir recht oft seinen Geist uns in seinen Werken vergegenwärtigen, nachahmen wollen wir seine Milde, als Beispiel unserer Zeit vorführen seine Toleranz, zur Nachahmung unseren Jünglingen empfehlen seine Bescheidenheit. ״Er hat gelebt als ein Mann und als ein vollkommener Mann ist er von hinnen gegangen. Nun genießt er im Andenk-n der Nachwelt den Vortheil, als ein ewig Tüchtiger und Kräftiger zu erscheinen, denn in der Gestalt, wie der Mensch die Erde verläßt, wandelt er unter den Schatten und so bleibt uns Achill als ewig strebender Jüngling gegenwärtig." Wien, 1. Februar 1882. Professor M. W e i l. Kleine AHronik. Judenverfolgungen in Rußland. Kürzlich langte wieder ein Transport von 27 Kindern aus Brody in Wien an, welche sofort vom Bahnhofe in eine Restauration geführt wurden, um von den Strapazen der langen Fahrt durch ein Nachtmahl gekräftigt zu werden. Die Kinder, meistens Knaben, sahen durch die ausgezeichnete Fürsorge der löblichen ״Alliance" vortrefflich aus und sind bereits auch sehr anständig gekleidet. Wer aber die Kinder so an der langen Tafel beim Nachtmahl mit den traurigen und furchtsamen Gesichtern sitzen sah, der mußte sich tief ergriffen abwenden, denn die Eltern jener so hübschen Kinder sind größtenteils eines gewaltsamen, barbarischen Todes umgekommen. Darunter befindet sich auch ein aum zweijähriges Mädchen, welchem ein Arm gebrochen wurde. Dasselbe wurde durch einen ״civilisirten" Russen in einen Sack gesteckt und durch's Fenster auf die Straße geworfen, welcher Spaß sehr viel Vergnügen verursacht haben soll. Die nächsten Tage trifft wieder ein Transport von 70 Mädchen ein. Sämmtliche Kinder werden hier einige Monate verpflegt werden und dann nach Jaffa weiter gesendet. Wie man sieht, ist das humane Wirken der löblichen Alliance ein so außerordentliches und nimmt so viel Geld in

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