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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1882-02-24 · Heft 8 (24.2.1882) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 8 (24.2.1882)
Date
1882-02-24
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Ö extxZZet on. Die Tochter des Chasan. Original-Erzählung aus vergangenen Tagen von Ad. v. Zemkinszky. (Alte Rechte Vorbehalten.) 7. Fortsetzung. Die Sonne war bereits im Untergehen begriffen, vergoldete mit ihren letzten Strahlen die Gipfel der ferne liegenden, im Nebel gleich Riesen scheinenden Gebirge. Gar breite, ffnstere Schlagschatten warfen die alten Baumriesen aus den Weg, phantastischen Gestalten ähnlich.. ״Wo ist die Gestalt, die Du zu sehen glaubtest?" fragte Rafael, suchend umherblickend; ״wirst Dich wohl getäuscht haben." ״Ich sehe sie auch nicht mehr," antwortete der Knecht ' zögernd, — ״und hätte doch darauf schwören können, ein Weibsbild dort, gerade vor uns zu schauen." ״Fahre langsam vorwärts," befahl Rafael, ״ich werde neben dem Wagen gehen." Das Gefährte setzte sich in Bewegung — doch bald darauf scheute das Pferd abermals und bäumte sich hoch auf. . Wenige Schritte vom Wagen entfernt, in der Mitte der Straße, stand jenes Weib, welches Rafael und Helene tagsvorher am Saume des Waldes erblickt hatten. Mit leisen Schritten, um sie nicht zu erschrecken, näherte sich ihr Rafael. Doch das Weib hatte ihn gehört, sie schaute auf, wollte vorwärts eilen, um jedoch nur zu bald mit einem unterdrückten Schmerzensschrei in die Kniee zu stürzen. ״Was ist Euch, Frau, Ihr seid krank!" rief Rafael bestürzt. ״Was fehlt Euch? — ich bin Arzt, — vielleicht kann ich Euch Helsen." ״Helfen? Wer kann mir helfen? Seid so gut, reicht mir Eure Hand, damit ich mich vom Boden erheben kann, ich will Euch dafür danken, mehr — verlange ich nicht." Rafael that, wie ihm geheißen. Mühsam richtete sich das arme Geschöpf vom Boden empor, doch sogleich stürzte sie wieder in sich selbst zusammen. ״Mein Gott, mein Gott, ich kann nicht," wimmerte das Weib, ״ich kann nicht, — so nahe schon am Ziele, so nahe und — sterben zu müssen, jetzt"- ״Ihr sollt nicht sterben, gute Frau; sagt mir nur, wo es Euch schmerzt." ״So nahe am Ziele," wimmerte die Frau, ohne die Frage zu beantworten; sie schien selbe ganz überhört zu haben — ״nur einen einzigen׳ Tag noch und dieser elende Körper will nicht gehorchen." Rafael stand unschlüssig, was er thun sollte. Das Weib lag zusammengekauert auf der Erde und stöhnte. Plötzlich, als wäre sie von einem electrischen Schlage getroffen worden, schnellte das Weib empor und stand hochaufgerichtet vor Rafael. ״Gebt mir zu essen!" schrie sie heiseren Tones. ״Fünf Tage schon irre ich umher, ohne Nahrung — gebt mir zu essen, ich habe Hunger." Hunger! Wie ein Blitzstrahl fuhr es in die Seele Rasael's. Hunger! Dieses Weib hatte Hunger, das Ge- Wimmer, das sie ausgestoßen, ihre in so kläglichem Tone hervorgebrachte Bitte, ihr zu essen zu gehen, rührte von dem schrecklichen, sie jeden Gedankens unfähig machenden Schmerz her, der in ihren Eingeweiden wüthete. Dieses Weib hatte Hunger! Schnell eilte Rafael zum Wagen zurück und holte aus selbem eine Flasche Wein und einige Stücke Fleisch. Vorsichtig gab er ihr einige Tropfen Wein zu trinken, einige Bissen Fleisch zu essen. Das Weib verlangte gierig mehr. ״Genug für jetzt," sagte Rafael ernst, ״später sollt Ihr mehr bekommen." Das Weib war wieder zurückgesunken. — Die Augen -schlossen sich und sie verfiel in einen unruhigen Schlummer. ״Laßt sie da liegen," brummte der Knecht, ״hat sie ausgeschlafen, wird sie dann schon allein aufstehen und weiter gehen." ״Bist Du verrückt?" entgegnete Rafael strenge. ״Welche grausame Herzlosigkeit würde es sein, dieses arme Geschöpf ihrem Schicksale hier zu überlassen; nur Gott und schnelle׳ Hilfe können noch das Leben retten. Wir kehren um und nehmen dieses Weib mit uns." Brummend׳ gehorchte der Knecht dem Befehle Rafael's und bald fuhr der'Wagen denselben Weg wieder zurück, den er kurz vorher gekommen war. Die Frau lag sorgfältig gebettet auf demselben, während Rafael und der Knecht zur Seite des Gefährtes gingen. Und finstere Nacht war es bereits, als der Wagen endlich vor der Thüre des uns bekannten kleinen Häuschens anhielt. Erschrocken eilten die aus dem Schlafe geweckten Bewohner desselben herbei, um die Thüre zu öffnen und die Unerwarteten einzulassen. In wenigen Worten hatte ihnen Rafael die Ursache seiner Umkehr mitgetheilt und" gar bald waren Alle beschäftigt, der Fremden Hilfe zu bringen. Die ganze Nacht wachten sie am Bette der Bewußtlosen. Und Morgens, als die ersten Sonnenstrahlen durch die kleinen Fenster in das Gemach fielen, da bedeckte plötzlich ein dunkles Roth das Gesicht der Kranken, ein convulsivisches Zittern durchlief ihren Körper und mit weit aufgerissenen Augen starrte sie Alle an. ״Rührt mich nicht an," schrie sie mit heiserer Stimme, — ״ich bin dem bösen Geschicke verfallen, für mich gibt es keine Rettung, kein Erbarmen, ich bin verflucht — denn ich bin die Tochter des Chasan." ״Armes — armes Weib," sagte Rafael. ״Dein Wunsch, den Du vor wenigen Tagen so inbrünstig ausgesprochen, er wird nur zu bald in Erfüllung gehen. Du wirst mit den Deinen vereint werden. Ein Nervenfieber der schrecklichsten Art ist es,""sagte er, sich zu Helene wendend, ״und nur wenig vermag hier der Arzt zu thun. Nur Gott allein kann hier ein Wunder vollbringen, menschliche Hilfe ist vergeblich. Auch bedarf diese Frau der aufopferndsten Pflege — und woher eine solche nehmen? Wer soll sie warten?" ״Ich!" sagte Helene einfach. ״Du? Nein, Helene, das werde ich nimmer zugeben. Diese Krankheit ist gar schrecklich und bösartig und leicht könntest auch Du hievon befallen werden."

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