Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 8 (24.2.1882)
- Date
- 1882-02-24
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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״Wie — Du glaubst, Rafael, ich sollte diese Unglückliche, aus reinem Egoismus, dem Tode als leichte Beute überlassen und nicht Alles versuchen, um sie zu retten? Nein, Rafael, das kannst Du, darfst Du nicht wollen. Der Wille unseres allgütigen, gerechten Gottes ist es/ wenn auch ich erkranke. Nein, Rafael, ich bin die Pflegerin der Kranken." ״Und wenn Du erkranktest — was würden dann Deine Eltern sagen?" ״Was dann? Du müßtest sie trösten und ihnen sagen, daß es eine heilige Pflicht gewesen." ״Und ich? —" ״Und Du, Rafael, und Du —״ ״Ja, Helene, und ich? Was soll ich dann? In Deinen Händen ruht mein ganzes Sein, bei Dir finde ich den Tag, dem keine Nacht folgt; das Vertrauen, das keine Zweifel kennt; die Liebe, die nur Liebe will; die Seligkeit, die das Glück verschmähen darf, weil sie über das Unglück erhaben ist. Ja, Helene, und darum frag' ich Dich nochmals, was dann?" ״Reise noch heute ab von hier, Rafael," sagte Helene strahlenden Auges — ״dorthin, wohin Du mußt. Und kehrst Du dann wieder, — dann, ich verspreche es Dir, sollst Du mich am Leben finden, denn Gott wird unsere Liebe schützen." ״Dank Dir, Helene, Dank Dir," rief Rafael, sie an die Brust ziehend; ״ja ich will Deinen Rath befolgen und Du sollst die Pflegerin dieser Unglücklichen sein." 9. Z)ie Vergangenheit» ״Gott hat es nicht gewollt, daß ich meine Heimat wieder sehen sollte." Dies waren die ersten Worte, welche die Fremde nach monatelanger Krankheit sprach. Mit Gottes Hilfe und der aufopferndsten Pflege Helenens war die Kranke genesen. Und als sie zum Bewußtsein gelangt war, als sie erfuhr, was mit ihr geschehen, Wie liebevoll das schöne Mädchen sie gepflegt, da überströmten mit einem Male Thränen der Rührung, der Freude das Gesicht der Unglücklichen. ״Nur Gott allein'kann Ihnen für all' das Liebe und Gute danken, das Sie mir erwiesen, mein Dank, der Dank einer Unglücklichen, ist viel, viel zu gering. Doch, jetzt will ich fort, Monate lang bin ich hier, darf also nimmermehr im Wege stehen." ״Und doch," meinte die Hausfrau — ״Sie können ja gar nicht fort von hier, wer weiß wohin? Ihre Füße sind noch viel-zu schwach, bleiben Sie nur getrost hier, uns verursachen Sie keinerlei Beschwernisse und nur ungern würden wir Sie vermissen." Und so war sie geblieben. Und heute saßen sie Abends, die fremde Frau, Helene und deren Mutter (Reb Aron Mordechei war längst schon wieder auf der Wanderung) im Hausgarten beisammen, wie sie dies täglich zu thun gewohnt waren, mit kleinen Handarbeiten beschäftigt und plauderten. Ein Schreiben Rafael's war eingelangt und dieses bildete den alleinigen Gesprächsstoff für diesen Abend. Freudig geröthet waren die Wangen Helenens und ihr schönes, strahlendes Auge richtete sich immer wieder auf die zierlich geschriebenen Zeilen des Briefes. ״Als ich von Euch fortging, versprach ich recht bald wieder zu kommen." ״Und er ist noch immer nicht da," warf Helene schmollend ein. ״Monate sind schon vorbei und noch immer weiß ich nicht, wenn ich zurückkehre, Euch Wiedersehen werde. Schon haben sich die Blätter an den Bäumen braun gefärbt und beginnen abzufallen und ich fürchte, daß selbst der Winter . noch vorübergehen wird, bis es mir vergönnt sein wird, zu Euch zu kommen. ״Ihr Alle seid wahrscheinlich begierig, was ich denn gar so Dringendes hier in Venedig zu thun habe. Ich habe das Doctorendiplom hier erhalten und was noch mehr, ich habe schon einige glückliche Euren vollbracht. Ja, ich bin hier in Venedig sogar gerne gesehen und gesucht und nimmer kann ich selbst an mein Glück glauben. Ich, der junge Mann, aus dem kleinen Gebirgsdorfe, ich stehe gar hoch in Ehren. Die Leute in den Straßen grüßen mich, die Armen umdrängen mich, mir die Hände zu küssen. Und warum dies Alles? Gott allein sollen sie danken, ich bin ja nur sein Werkzeug. ״Die Ursache aber, weshalb ich so beliebt geworden, ist der glückliche Ausgang einer Operation, welche ich an einem seit Jahren erblindeten Mann ausführte. ״Gegenwärtig bin ich int Begriffe, nach Northnmberland zu reisen, wohin ich berufen wurde." Ein Aufschrei unterbrach plötzlich die Lesung des Briefes. Es war die fremde Frau, welche diese Störung verursacht hatte. ״Sie verzeihen die Unterbrechung," sagte sie. ״Die Erinnerung war plötzlich mächtig über mich gekommen bei dem Worte ״Northumberland". O! bitte, sagen Sie mir, wird auch der Name des Kranken in diesem Schreiben erwähnt?" ״Gewiß, hier steht er, ״Baronin Marc Aurel!" ״Baronin Marc Aurel! Und diese Frau ist blind?״ ״Sie kennen sie?" ״Ob ich sie kenne!" Die Frau versank in tiefes Nachdenken. ״O! kommen Sie — hören Sie! Sie haben mich, die Heimatlose, dem Hungertode nahe ausgenommen und jetzt will ich Ihnen sagen, wem Sie diese Wohlthaten erwiesen." ״Ob ich sie kenne diese Frau — diese Baronin M arc Aurel, haben Sie gefragt — ja wohl, ich habe sie gekannt — und jene Zeit war auch für mich die Nacht meines Lebens, der Beginn meines Elends." Und die Frau begann zu erzählen, wie sie als Pflichtvergessene Tochter das Haus ihres Vaters verlassen, wie sie von ihrem Geliebten getäuscht und betrogen worden, wie man ihr das Kind geraubt, wie man ihr den todten Gatten nach Hause gebracht. ״Und sie, diese Baronin Marc Aurel, die Mutter des Mannes, der mich um mein ganzes Leben betrogen," stieß sie jetzt leidenschaftlich hervor, — ״dieses Weib stieß mich Herz- und erbarmungslos auf die Straße hinaus — in die stürmische Nacht hinein." ״Ich eilte damals fort — schnell, nur fort wollte ich aus dieser Gegend. Und ich irrte umher, 1 ruhelos bettelnd. Mein Kind nur wollte ich wieder finden, — doch vergebens; trotz jahrelangen Suchens war keine Spur des Kindes zu entdecken. Da machte ich mich auf und wanderte weiter, immer weiter, das Ziel meiner Wanderung sollte Palästina sein, Palästina, das heilige Land unserer Vorfahren und auf ״Erez Jisroel" wollte ich sterben." (Fortsetzung folgt.)