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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1882-02-24 · Heft 8 (24.2.1882) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 8 (24.2.1882)
Date
1882-02-24
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3 Eifer und Kunstfertigkeit sich verbanden und es ist zu hoffen, daß die Folgen davon bald auch — was höchst wünschenswerth wäre — im Tempelgesang merkbar werden. An vielen Orten, namentlich in Deutschland, ist es bereits geschehen. Die Lehrart hat bereits so viele geschickte Bearbeiter gefunden, daß kaum etwas Neues und Besseres darüber gesagt werden kann. Nur das möchte ich schließlich bemerken, daß die Herren Lehrer nicht zu viele Zeit daraus verwenden und nicht ihrer Leidenschaft dabei huldigen sollen. Denn wie früher in sehr vielen Schulen beinahe die halbe Zeit dem Schönschreiben geopfert wurde, so jetzt dem Singen. Man halte in allen Dingen Maß und Ziel. An trefflichen Anleitungen oder Gesangschulen, sowie an guten Liedersammlungen für die Jugend fehlt es nicht. Sie sind auch meinen Fachgenossen zur Genüge bekannt. Die sociale Stellung des Juden in der Gegenwart. Bon Adolf Rot t er. H. Allein, wir wissen nur zu gut, daß es Eulen nach Athen tragen hieße, wenn wir Denen etwas beweisen wollten, die sich nichts beweisen lassen. Juden hat es immer gegeben und wird es immer geben, sowie Judenverfolgungen. Nur haben sie nicht immer und überall die gleichen Namen. Einst hießen sie Nazarener, später nannte man sie Christen, wie noch heute im Oriente. Ein andermal waren es die Protestanten, die um ihres Glaubens willen Verfolgungen erleiden mußten: heute sind es wieder einmal die Juden; nun, vielleicht erhalten sie später wieder einen anderen Namen. Uebrigens wollen wir zum eigentlichen Zwecke dieser Zeilen zurückkehren und den Grund der modernen Krankheit darzulegen suchen, um dann das Mittel zur Heilung derselben zu finden. Wir wollen ruhig und objectiv, wie der vorsichtige Arzt bei der Untersuchung der Wunde zu Werke gehen, ohne Rücksicht darauf, hüben oder drüben wehe zu thun; denn uns leitet nicht nur die Absicht, die Gründe darzulegen, welche von nichtjüdischer Seite Veranlassung zu den heutigen unleidlichen Verhältnissen geben, sondern wir müssen und wollen auch im eigenen Hause Nachsehen, ob nicht unter dem Firnisse moderner Halbbildung verdeckt, mancher Holzwurm nagt. Und darum können wir nicht genug oft unsere Objectivität betonen, da es uns heiliger Ernst ist um die Sache und wir gern unser Scherflein beitragen, UebelständH zu beseitigen, welche Tausende guter Bürger in ihrem guten Rechte verkürze n, wie nicht minder in der Erfüllung ihrer Pflichten dem Staate und der Gesellschaft gegenüber geradezu verhindern. Die Stellung des Juden wurde, wie bereits erwähnt, durch die Bewegungen in Frankreich zu Ende des vorigen Jahrhunderts eine freiere, die Behandlung, die ihm nun zu Theil werden sollte, eine humane. Man fing an, ״Toleranz" an ihm zu üben. Und diese Toleranz, sie hat sich bis heute erhalten, nur hat man sie schandenhalber ״Gleichberechtigung" getauft. Allein in Wahrheit ist diese Gleichberechtigung des Juden mit den christlichen Confessionen eine papierene Lüge. Wir finden leider keinen sanfteren Namen, denn was mit Absicht Unwahres behauptet wird, ist Lüge, Toleranz ist es, nichts Anderes, was der Jude unter dem schön klingenden Namen ״Gleichberechtigung." erleidet. Toleranz! Welch' bitterer Stachel liegt in diesem Worte! Kann man ein Gnadenbrod gelten lassen, zu dem der Geber nicht die mindeste Berechtigung besitzt? Und ein Gnadenbrod ist es in Wahrheit, was in dem Begriffe ״Toleranz" verstanden wird, obwohl der Jude die volle Gleichberechtigung nur als eine wohlverdiente Gegenleistung ansehen kann und darf. Warum also, fragen wir, wird ihm sein gutes Recht j vorenthatten. ein Recht, zu dem er alle Vorbedingungen erfüllt, j ohne daß ihm die Consequenzen dieser seiner Pflichterfüllung 1 zugestanden werden? Und daß dem in der Thar so ist, könnten! mir mit unzähligen Erscheinungen aus dem täglichen Leben zur Evidenz bekräftigen. Wenn man aus den Lchrstand Hinweisen wollte, wo dem Juden der Zugang ziemlich erleichtert ist, so bestätigt diese Thatsache nur unsere obige Ansicht, daß eben der Jude den von Freund und Feind anerkannten Vorzug hat, nicht nur selbst Wissensdurst zu besitzen, sondern daß er auch sein Hauptaugenmerk daraus richtet, seinen Kindern, selbst wenn er in den dürftigsten Verhältnissen lebt, reges Interesse für Bildung einzuslößen und kein Opfer ist ihm zu groß, wenn! es gilt, für die geistige Ausbildung seiner Kinder zu sorgen.! Es ist also schließlich nur die Macht des Wissens und geistigen! Könnens, die dem Juden den Zutritt zur Lehrkanzel erzwingt. Man müßte also billigerweise sagen, der Jude hat den Fehler — Wissensdrang, ergo auch Wissen zu besitzen. Und wie hat ferner der Jude die ihm zugestandene Toteranz für sich verwerthet? Um diese Frage zu beantworten, wollen wir uns früher die Lage der Juden vergegenwärtigen, in der er sich in der vormärzlichen Zeit befand. Wir werden uns hiebei nur an das Nöthigste halten und Verhältnisse ganzlich übergehen, die in ihrer Widernatürlichkeit dem aufgeklärten oder zum mindesten humanen Menschen die Schamröthe in's Gesicht jagen müßten. Oder ist es Uebertreibung, wenn wir beispielsweise nur erwähnen, daß der vormärzliche Staat sich bemüssigt fand, der — Vermehrung der Juden Schranken zu setzen? Eingeengt in einem nur für Juden bestimmten Stadtviertel (Ghetto), war sein öffentlicher oder, besser gesagt, socialer Wirkungskreis ebenfalls ein sehr beschränkter. Als Paria der Gesellschaft sah er sich von dieser nicht nur in jeder Hinsicht zurückgesetzt und verstoßen, sondern geradezu als Verabscheuter gezeichnet. Und warum? Worin bestand seine Schuld? Was hatte er an dieser Gesellschaft verbrochen? Daß. er Jude war? War das seine Schuld? Die nächste Folge dieser Zustände war die sehr natürliche, weil zunächst liegende, daß er sich an seine Glaubens- und Leidensgenossen enge anschloß und hier Entschädigung suchte für die Unbill, die ihm von seinen Mitmenschen zugefügt ward. Und hier in diesem enggeschlossenen Kreise wurden keine weltstürzenden Pläne geschmiedet, keine Mittel bedacht, wie wenigstens der Druck zu mildern. Resignirt und ergeben trugen sie das Joch, ohne Rachegeschrei, nur verstohlen erpreßte ihnen ihr Elend einen Seufzer aus beengter Brust. Und war das Tagewerk vollbracht, so suchten sie ihren alten Gott auf, der diese ״Prüfung" über sie gesendet. Vor ihm schütteten sie ihr volles Herz aus, denn er kannte ihr Leid, ihm nur konnten sie sich anvertrauen. Waren sie doch sein ״auserwähltes" Volk. (Fortsetzung folgt.)

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