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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1882-02-16 · Heft 7 (16.2.1882) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 7 (16.2.1882)
Date
1882-02-16
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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6 Jeuib'Leton. Die Tochter des Chasan. Original-Erzählung aus vergangenen Tagen von Ad. v. Zemtinszkr). (Alle Rechte Vorbehalten.) 6. Fortsetzung. ״Was Gott in uns gelegt," fuhr Rafael fort, ״ist nie schlecht; wenn Du froh und lebenslustig bist. Helene, so denke, — daß es so Gottes Wille ist. — Wir stehen erst in der Knospenzeit unseres Lebens, — wie sollten wir in unserer Entwickelung weiter vorschreiten — wenn uns jetzt schon — die Sonne, die Luft und alle Nahrungsmittel entzogen würden; wir würden krüppelhaste Pflanzen/' Schweigend schritten sie weiter — bis sie endlich wieder das Haus erreicht hatten und in die Stube eintraten, welche sie vorher verlassen. ״Gute Nacht, Helene," sagte der junge Mann freundlich, — ״träume recht angenehm — und vergiß unsere düsteren Gespräche." ״Gute Nacht, Rafael," entgegnete Helene zögernd, — .,bitte — sage mir — ist es unrecht von mir gehandelt, wenn ich die Frau morgen anfsuche. — Vielleicht kann ihr Trost gespendet werden durch Etwas, was für uns vielleicht — ganz nichtssagend ist." ״Unrecht! — Gewiß nicht, Helene, folge nur immer dem Zuge Deines guten großmüthigen Herzens und Du wirst dabei niemals irre gehen. — Gute Nacht."-- Und noch immer lag die weinende Frau — drüben am Saume des Waldes. — Ja, die beiden jungen Leute mußten Recht haben, diese Frau hatte scknecklich zu leiden. ״Je näher ich der Heimat komme," sagte sie zu sich, ״je näher ich komme, desto ängstlicher wird mir zu Muthe. Was erwartet mich dort — in der Heimat, in welcher ich eine Fremde, eine Verstoßene bin. Ob ich ihn noch am Leben finde, ihn, den ich so schwer, so tief beleidigt und wird er mir verzeihen, mich ausnehmen als seine Magd, nur daß ich in seiner Nähe weilen kann? O, ja! ich fühle es, er wird mir verzeihen. Ich zeige ihm dieses mein Antlitz und er wird das Elend meines Lebens Zeile für Zeile, Blatt für Blatt darauf lesen. Werde ich denn aber auch das Ziel erreichen?" Zagenden Blickes schaute das junge, schöne Weib zum Himmel empor. Und eine Wolke huschte vorüber, verdeckte die Mondesscheibe und Finsterniß hüllte den Platz ein, ailf dem dieses unglückliche Wesen, in sich selbst zusammengesunken, kauerte. 7. Wo ist unsere Schwester? Durch die engen, düsteren Gassen des Prager Ghetto's ging langsamen Schrittes ein Mann mit langem, zur Brust niederwallenden silberweißen Barte zwischen zwei kräftig gebauten Jünglingen. Er war von hoher, imponirender Gestalt und ungeachtet sein schönes, ausdrucksvolles Gesicht von tiefen Runzeln durchfurcht war, so war es nicht schwer, zu errathen, daß weniger das Alter als Leiden und Sorgen diese Zeichen tief eingegraben hatten. Sie traten aus - dem Ghetto hinaus , durchschritten die Stadt, bis sie endlich durch das .Smichöwer Thor in's Freie gelangten. Es war der Chasan Schtome Meir mit seinen beiden Söhnen Israel und Jochanan. ״Befindet sich hier in der Nähe nicht irgend ein Ort, an dem wir ausruhen können," fragte der alte Mann stehen bleibend, ״meine Füße, sollt Ihr wissen, sind nicht mehr ganz jung, nicht gewohnt mehr zu gehen, haben es verlernt, werden mir vielleicht gar bald ganz den Dienst künden." ״O, sprich nicht so, Vater," bat Israel; ״weshalb so traurige Gedanken, heute am Sabbat. Sieh' doch, wie wunderbar dunkelblau der Himmel über unseren Häuptern, die׳ Sonne goldig strahlend auf uns niederschaut. Sieh doch, welch' wunderbare Pracht der Hochsommer jetzt auf Berg und Thal, auf Flur und Wald, ja selbst in unsere Herzen zaubert." ״Sieh doch," sagte Rebb Schlome wehmüthig lächelnd, während ein tiefer Schatten des Schmerzes sich auf seinem Gesichte zeigte, ״sieh doch,׳ sagst Du, mit was soll ich schauen, mit meinen erloschenen Augen etwa? Es ist besser, Du schaust für mich." ״Verzeih' mir, Vater." ״Nicht doch, Israel, ich weiß cs wohl, es war nicht Deine Absicht, mir wehe zu thun. Ich kenne das Herz meiner beiden Kinder, es ist brav und gut und tausendmal danke ich Gott dem Allmächtigen, daß er mir zwei solche Söhne geschenkt." Die beiden Jünglinge wechselten einen verständnißvollen Blick. ..Sage doch, Vater," begann der Aeltere, Johanan, zögernd, ״eine dunkle.Erinnerung ist es, die mir vorschwebt: Als unsere gute Mutter zu Gott abberufeu wurde, ich war ein kleiner, etwa, sechsjähriger Knabe, da — da erinnere ich mich ganz deutlich, daß außer uns Beiden noch ein Mädchen bei uns war, die wir Schwester nannten. Vater, Litte, nicht dieses schreckensvolle Gesicht, bitte, Vater, gib heute Antwort mir — uns. Lange haben wir gezögert, geforscht. Nur Bruchstücke kamen uns zu Gehör. Sage uns, Vater — bedenke, daß wir nicht mehr Kinder sind, sage, wo ist unsere Schwester?" ״Wo ist sie?! Gehe hin und frage Gott darum," antwortete der Chasan schmerzlichen Tones, — ״denn Niemand wird Auskunft Dir geben können. Ja, Du hast Recht, es war Eure Schwester — ein schönes, junges Mädchen. Sie war der Stolz meines Lebens, meine Augen, die heute blind sind, sie erfreuten sich an ihrem Anblicke. Ich Thor, ich glaubte, daß diese Wunde des Herzens sich schließen werde, daß der Schmerz meiner Seele jemals getödtet würde, doch umsonst, erst, wenn ich im Grabe liegen werde, erst daun werde ich Ruhe finden. ״Ihr habt mich gefragt, Ihr habt ein Recht dazu, ja wohl, ein gutes Recht, denn Ihr seid Männer und wollt das Schicksal Eurer Schwester wissen. ״Was mir bekannt, theile ich Euch mit, doch viel, viel ist es nicht." Und der blinde Greis erzählte. — Erzählte von der ersten Pessachnacht, in welcher Rosa entflohen war aus dem elterlichen Hause, erzählte von dem Wiedersehen in Gretna- Green, erzählte von ihrem getäuschten, betrogenen Herzen, von dem Tode ihres Verführers. ~

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