Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1882)
- Date
- 1882-02-16
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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׳7׳ ו• ״Und in Sturm und Nacht hat mansie, die Unglückliche, hinausgcjagt und dann — mein Gott, mein Gott," jammerte der Greis Plötzlich laut auf, während einen Thränenstrom seinen blinden Augen entstürzte, ״hinausgejagt, wie einen Hund hat man -sie ohn' alles Erbarmen, ohn' alles Mitleid. — Israel, Jochan an, Ihr wollt wissen, wo Eure Schwester ist, — geht nach No rthumberland und sucht im See, tief unten am Grunde, tief unten — dort möget Ihr die Gebeine Eurer Schwester wieder finden. ״Verloren, verloren für Zeit und Ewigkeit," schluchzte der unglückliche Vater, sein Gesicht mit beiden Händen bedeckend. Die beiden jungen Männer senkten über diese schreckliche Mittheilung betroffen ihr Haupt. ״Versteht mich recht, Kinder," begann der Blinde nach einer Weile wieder, ״nicht der Tod ist es, der mir so fürchterlich scheint, nicht doch, Kinder, der Mensch, — der gute, fromme Mensch muß ohne jegliches Zagen diesem letzten Gaste des Lebens entgegengehen. Ihn jedoch herbeiholen, sich selbst das Leben nehmen, das Leben, welches nur anvertrautes, heiliges Gut ist, dieses Leben gewaltsam enden, ist der größte Frevel an Gottes Schöpfung." ״Sage, Vater," begann jetzt Israel schüchtern, ״bist Du auch überzeugt davon, daß unsere Schwester todt?" ״Ja. Kinder — sie ist tobt, denn nicht ein einzig Lebenszeichen konnte ich mehr von Ihr entdecken. Ja, sie ist tobt!" ״Verzeihe, Vater, Du wolltest uns Alles erzählen und doch —״ ״Was meint Ihr?" ״Was geschah mit dem Kinde unserer Schwester?" ״Seht mich an, Kinder — und Ihr seht in mir einen Zweifler, .Viele lange, endlose Nächte habe ich darüber zugebracht, um eine That in meinem Leben zu ergründen. Ich habe Zweifel, ungelöste Zweifel und ich kann nicht unterscheiden, ob Das, was ich gethan, recht oder unrecht sei. Als ich in jener Unglücksnacht fühlte, daß ich machtlos sei, hört Ihr, der Vater machtlos über sein eigen Kind, da war mein ganzes Denken und Sinnen darauf gerichtet, wie ich es vermeiden oder, besser gesagt, verhindern könne, daß dieses Kind Eurer Schwester in jenen! Glauben auscrzogen würde, dem der Vater augehörte. ״Ich hatte mich in der Nähe des Schlosses verborgen gehalten, Wochen hindurch, — ich konnte beobachten, wie die Wangen meines armen Kindes, immer bleicher, ihre Augen immer trüber wurden, wie Gran! und Kummer sie verzehrten. — Und eines Tages erfuhr ich, daß sie eines Knäbleins genesen. Mein Plan war bald gefaßt, unbemerkt kam ich in's Schloß, bemächtigte mich.des Kindes — ich hatte ein Recht dazu, es war ja mein Enkel — und verließ mit der theueren Bürde die Grafschaft und kehrte hieher zurück. ,,Und bis heute bin ich im Zweifel, ob ich damals recht gethan. — Mein Herz fagt ״ja" und selbst wenn ich vor dem strahlenden Antlitze Gottes stehen würde, ich würde rufen: Ja — ja, ich hab's gethan, Hab' das Kind meines Kindes mir angeeignet, — ließ es erziehen in der frommen, wahren, heiligen Gotteslehre, ließ es erziehen in unserem Glauben. ״Seht, Kinder, jetzt, wo ich zu Euch spreche, — glaube ich alle Zweifel gelöst, glaube, daß ich ein großes, heiliges Werk vollbracht. Nicht anders konnte, durfte ich handeln. ״Mein Enkel mußte — Jude sein! 7 jryg- ״Kehren wir heim, Kinder, denn bald ist es Zeit zu ״Maires" und nicht die Letzten dürfen wir im Hause Gottes erscheinen." ״Noch Eines, Vater! Wir haben Dich heute mit. unseren Fragen genugsam gequält, Dein armes Herz gefoltert und dennoch bitte sage, uns nur noch, —wo ist Dein Enkel?" ״Ein Jüngling ist aus ihm geworden mit feurigem Geiste, mit großer Lern- und Wißbegierde — und ich bin stolz auf ihn. Fragt ihn über irgend eine Stelle aus dem großen heiligen Werke des ״Talmud", er wird sie Euch erklären können, sprecht mit ihm über das große Werk, das sich unter dem einen Namen ״Perukim" einiget und Ihr werdet Euren Meister ffnden. ״Doch nicht allein die heilige Gotteslehre ist es, welche er liebt. Trotz seiner Jugend Pflegt er auch mit Eifer die schönen weltlichen Wissenschaften und diese sind ihm hold. Ich sehe Euch, trotz meiner blinden Augen, Ihr seid erstaunt, daß ich so erregt bin. — Soll s ich denn aber nicht sein bei dem Gedanken, daß solch' ein großer Geist gar leicht zu Grunde gegangen wäre, hätte mir Gott nicht den Gedanken eingegeben, ihn zu retten. Mich kennt er nicht, d. h. ja, — er kennt den blinden Chasan, doch hat er keine Ahnung davon, daß er mein Enkelkind. — Doch jetzt genug, kehren wir zurück." — Vor dem Eingänge, welcher in das Innere des Ghetto's führte, hielt der Blinde plötzlich seine Schritte an. ״Ich habe Euch heute mein Herz geöffnet, Ihr konntet darinnen lesen, wie in einem aufgeschlagenen Buche, — doch sprecht mit Niemanden weiter darüber — die Vergangenheit sei auf immer todt!" 8. K u n g e r. In dem kleinen Häuschen des Hausirers Reb Aaron Mordechei im Gebirge ging es heute äußerst lebhaft zu. Der Hausvater war nach langer Abwesenheit endlich einmal wieder von seinen Reisen heimgekehrt, dagegen mußte Rafael das traute Heim verlassen, um einem ehrenvollen Rufe des Universitätsvorstandes in Venedig Folge zu leisten. Und darum gab es großen Durcheinand. Dort wurden Taschen und Säcke ausgcpackt, dort wieder für den Abreisenden Koffer und Kisten eingepackt. Rafael nahm Abschied von seinen Zieheltern und Helene. ״Auf baldiges Wiedersehen", ries man sich gegenseitig zu und dann bestieg der junge Mann eilig das leichte Bauernwägelchen,׳ welches seiner vor der Thüre bereits harrte und gar bald war er den Blicken der Zurückgebliebenen entschwunden. Die Straße führte nach abwärts und nur langsam konnte der Wagen vorwärts, wollte man nicht Gefahr laufen, den rechts am Wege gelegenen Abhang hinabzustürzen. Rafael war mit dieser langsamen Fahrweise zufrieden. Konnte er doch ungestört seinen. Gedanken nachhängen — die gleich einem Chaos — verworren in seinem Kopfe spukten. Plötzlich blieb der Wagen stehen. ״Hospodar," sagte der das Geführte lenkende Knecht in czechischer Mundart — ״das Pferd will nicht vorwärtsgehen." ״Und warum?" ״Weiß ich's. — Doch ja — seht einmal dort — an jener großen Tanne — seht Jhr's — die Gestatt." Rafael war vom Wagen abgesprungen. (Forts, folgt.)