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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1882-02-16 · Heft 7 (16.2.1882) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 7 (16.2.1882)
Date
1882-02-16
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 setzten Felsen und Bäume in Bewegung, auch Menschen von sonst steinhartem Herzen horchen den Sängern zu und zarte Gefühle werden in ihnen rege: der Klagegesang erfüllt sie mit Wehmuth, der fröhliche mit Vergnügen, der sanfte mit geheimer Sehnsucht, der Schlachtgesang gibt ihnen Muth in Todesgefahr. 2. Der Gesang ist das Band der edleren Geselligkeit; wenn Scherz und Witz, .wenn Schwatzhaftigkeit und ernste Gelehrsamkeit versiegen, so belebt jener die Unterhaltung und hält, Wie die verschiedenen Töne in der Melodie sich zu einem schönen Ganzen vereinen, die Herzen zusammen und beflügelt die Stunden. 3. Endlich, wer ermißt die Macht des Gesanges in der gemeinschaftlichen Andacht, wie er die Herzen über Erde und Welt erhebt, wie er sie mit Ehrfurcht vor dem Höchsten beugt, mit Gefühlen der Liebe, des Trostes und der Hoffnung belebt. Man ist in der That gegen Göttliches und Menschliches gleichgiltig, wenn man sich von einem schönen Tempelgesang noch nie ergriffen fühlte. (Fortsetzung folgt.) Kleine KHroniL. Zu den Vereinsstatuten. Im Nachfolgenden bringen wir die Ansicht eines werthen Collegen betreffs Gründung des Cantorenvereines: ״Der Verein soll, wie ersichtlich, eine kleine corporatorische Assecuration, resp. Lebensversicherung sein, soll demnach auf die Lebensjahre, mithin Functionsfähigkeit bezugnehmend, eine Classificirung dem Alter nach vorgemerkt und bestimmt werden. Voraussichtlich sollte ja der 50jährige und aufwärts höhere Prämien einzahlen, als der 25-oder 30jährige; ferner werden viele der Landcantoren sich darum eines Anschlusses entziehen müssen, weil, schlecht situirt, sie kaum den Betrag zur Fondanlegung entbehren, geschweige beschaffen können. Um solchen die Wohlthat des Vereines nicht von vorherein zu verschließen, geht mein Antrag dahin: Den sich diesbezüglich Meldenden möge eine Ratenzahlung mit den entfallenden Zinsen zur Begleichung der Beitrittsumme bewilligt werden, denn eben die stiefmütterlich Bedachten fungiren in solchen Gemeinden, die weder einen Beitrag zur Einkaufsumme, noch eine Tafel zum Spendensatz bewilligen werden, da Letztere so oft ihre Beamten wechseln, daß diese im Falle einer Leistungsunfähigkeit nie eine Pension, ihre zurückbleibende Familie nicht eine Unterstützung beanspruchen darf. Möge dieser mein Hinweis berücksichtigt werden und der Segen Gottes wird auf Die, die wie die Morgenröthe uns einen neuen, schönen Tag verkünden, herabströmen." Der Tag -er Butze. Man schreibt uns aus Petersbürg: Der große Trauer-, Buß- und Fasttag der Juden ganz Rußlands anläßlich des über dieselben hereingebrochenen Elends, herbeigeführt durch die Mißhandlung, Schändung und Beraubung Seitens des Pöbels, wurde im ganzen Reiche am 19./31. Jänner abgehalten. In St. Petersburg fand die Trauerkundgebung Dienstag Vormittags zwischen 9—12 Uhr in allen Synagogen statt. Während dieser Stunden sah man keinen Juden auf den Straßen, die Synagogen waren so überfüllt, daß selbst auf den Treppen noch Andächtige ihr Gebet stehend verrichteten. Die Stimmung in der Synagoge war wie am Versöhnungstage und die stille, trauervolle Demonstration mußte Jedem imponiren. Gegen 10 Uhr bestieg Rabbi Phil. Dr. Drapkin die Kanzel und predigte über die Wohlthaten der Regierung; die Zuhörer waren hievon wenig befriedigt, als aber der gelehrte Rabbi in seiner Devotion so weit ging, zu erklären, die Judenverfolgungen wären nur eine vollkommen gerechte Strafe dafür, daß die Juden, ihren Glauben schnöde vergessend, sich weltlichen Genüssen hingeben anstatt Gott und dem Czaren treu dienend, an ihren Satzungen festzuhalten, und ausführte, diese Unbill, welche ihnen angethan worden, sei noch eine viel zu geringe Strafe Gottes, da kannte die allgemeine Erbitterung keine Grenzen mehr und 300 Studenten riefen unisono: ״Herab von der Kanzel, Heuchler, wir wollen unsere Unglücklichen Religionsgenossen unterstützen, nicht aber noch über ihr Elend triumphiren!" Der Rabbi mußte eilends aus der Synagoge flüchten. Dann fand, weil keine Polizei anwesend war, eine ruhige und sehr feierliche Berathung statt und viele der Anwesenden schworen vor der Thora, ihren Glaubensgenossen stets hilfreich beizustehen und zu befehlen, das Gedächtniß dieses Tages durch Kinder und Kindeskinder unter Kasteiung und Fasten als historischen Tag für die Juden Rußlands feiern zu lassen. Die Abwesenheit der Führer der Juden, des Barons Günzbürg, des Directors Sack rc., wurde als Wohldienerei der Reichen aufgefaßt, welche immer bestrebt sind, die an den Juden verübten Greuel zu vertuschen, um bei der Regierung als loyal angeschrieben zu sein. Betrüger. In Ungarn treibt sich gegenwärtig ein Jndividuum herum, welches vorgibt, der Vater des Obercantors Ignaz Weiß in VäsLrhely zu sein und unter dieser Vorspiegelung den Leuten Geld entlockt. — Wir warnen hiemit auf das Nachdrücklichste vor diesem Schwindler. Wien. Von dem ungarischen und österreichischen Cultusminister ist die Entscheidung getroffen, daß Kinder confessioneller Eltern Religionsunterricht genießen müssen, und zwar in demjenigen Religionsbekenntnisse, welchem die Eltern vor der Erklärung der Confessionslosigkeit angehört. Ems. Die bevorstehende staatliche Berufs st atistik .wird nicht, wie die verleumderischen Antisemiten erwarten, die jüdische Bevölkerung im Reiche als arbeitsscheu documentiren, sondern auch nachahmungswerthe Berufsarten unter den Israeliten Deutschlands aufzuweisen haben , und zwar nicht nur auf dem Gebiete der Kunst und Wissenschaft, sondern auch unter den allgemeinen Gewerben und namentlich auch im Handwerksbetrieb. So befindet sich hier ein jüdischer Familienkreis (Bernstein), deren Gewerbsthätigkeit für den ganzen äußeren Menschen sorgt; denn 1. der eine Bruder ist Bäcker (Brod), 2. der andere Bruder ist Metz ger (Fleisch), 3. der dritte Bruder ist Hut mach er, 4. der vierte ist Schneider, 5. der Schwager derselben ist Schuhmacher (also die gesammte Bekleidung) und damit auch für den Luxus gesorgt wird, ist 6. der fünfte Bruder Goldarbeiter. Berlin. Die Altersversorgungsa'nstalt der jüdischen Gemeinde (gegründet 1829) ist im Laufe der Zeit so erweitert worden, daß jetzt 100 Hospitanten darin Platz finden können. In der Anstalt ist auch eine Synagoge, in welcher seit 11 Jahren als Prediger und Vorbeter Herr Joachim Mendelssohn fungirt. Derselbe steht bereits in seinem 93. Lebensjahre und hat noch an den verflossenen hohen Festtagen gepredigt und vorgebetet. Breslau. Wiederum sind 360 russische Juden eingctroffen, meistens in großer Hilfslosigkeit, so daß Sammlungen für sie angestellt wurden. Dieselben reisen nach Amerika. Pest. Der Abgeordnete Jstoczy überreichte eine Petition der katholischen Pfarrer des Vasvarer Bezirkes um Ablehnung des Gesetzentwurfes über die Ehe zwischen Juden und Christen und eine zweite um Aufhebung der Judenemancipation. Nach neueren Nachrichten aus dem Lande sind wieder in verschiedenen Ortschaften ekelerregende Judenhetzen vorgekommen.

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