Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1882)
- Date
- 1882-02-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/1304829-3452870-3452875--0050-3454047- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Wie lächerlich erscheint cs unserem Herrn Collegen in Pest, daß wir eine Verbrüderung sämmtlicher Cantoren anstreben, ja, der Gedanke selbst schon ist sür ihn ganz unfaßbar. Es scheint der Autor nicht die richtige Anschauung zu besitzen; er kann sich eine geistige Verbrüderung gar nicht. denken. Offen gestanden, wir finden diesen Ausdruck nicht so ungeheuerlich! Er ist eben im Geiste des Hebräischen gesprochen. Wenn König David bei feierlichcr Versammlung des Volkes seine Ansprache eröffnet:! 1 אחי יעב^'LD ״Hörtmich, Brüder! Hört mich, Volk!", warum sollte einem Cantor der Ausdruck der Brüderlichkeit verwehrt sein? — Waren etwa die um den König Versammelten Alle gleichen Ranges, gleicher Bildungsstufe, gleichen Alters mit ihm? Auch er nennt sich Cantor und wenn es zu jener Zeit Ob er cantoren gegeben hätte, er würde sich wahrscheinlich auch diesen Titel annectirt haben und dennoch, dennoch hat er Brüderlichkeit, Verbrüderung mit dem Volke angestrebt! Doch dies ist nebensächlich; auch große Geister fehlen, warum nicht auch Professor Fried mann. Wir haben zumindest doch erwartet, daß sich unser College in Budapest consequent in seinen Anschauungen und Meinungen bleiben würde, doch auch darin sahen wir uns getäuscht. ״Ein Verein für Cantoren ist eine Unmöglichkeit." ist sein Ausspruch, ״nachdem ein Verein in Deutschland, trotzdem seit bereits vier Jahren an der Gründung desselben gearbeitet wird, noch immer nicht zu Stande gekommen." Man wird uns zugestehen, daß dies doch eine cigenthümliche Logik ist. Wenn also das Streben unserer Collegen in Deutschland noch zu keinem günstigen Resultat geführt, sprich t man uns überhaupt die Möglichkeit ab, zu reussiren. Doch nicht das! Ungeachtet unser Budapester College meint, ein Verein sei eine Unmöglichkeit, schlägt er sich gleich darauf mit seiner eigenen Waffe, indem er für die Gründung dreier Cantorenvereine, nämlich für Ungarn, für Oesterreich sammt einigen anderen Provinzen und für Galizien plaidirt. Eigenthümliche Logik! Den Einwand, daß in Cis- und Transleithanien verschiedene Vereinsgesetze bestehen, was hinderlich auf die Gründung eines öster.-ungar. Cantorenvereins einwirkt, werden wir im Laufe dieses Artikels genügend widerlegen. Und nun schreiten wir zu den Thatsachen, die Herr Professor Fried mann anführt. Als wir die in dem früher genannten Artikel angeführten Facten, mit welchen er die günstige Stellung der Cuntoren Nachweisen will, lasen, fanden wir die Ansicht bestätigt, daß man oft in dem Spiegel der eigenen Verhältnisse die fremden widerstrahlen sieht. Herr Fried mann war so glücklich, ei ne glänzen de Stellung zu finden. Infolge dessen glaubt er, daß andere Cantoren, wenn auch nicht so glänzend, so doch wenigstens sorgenlos ihre Familie erhalten können. Aber ist dies auch der Fall? Wenn es den Cantoren gar so glänzend ginge, wie Herr Friedmann sagt, warum sind in dieser kurzen Zeit während des Bestandes dieses Blattes mehr als 500 Schmerzensrufc zu uns gedrungen? Wenn sich unser Herr College genau überzeugen wollte, so würde er finden, daß die meisten Cantoren — seltene Ausnahmen abgerechnet — kein höheres Jahresgehalt als 500 bis 800 fl. beziehen. Daß man mit solchen Gehalten sich keine Ersparnisse für die Zukunft, für' eintretend'e Ünglücksfalle rc. machen kann, Jeuil'l'eton. Obercantor Professor Friedmann »nd die ״Cantorenoereine". ״Diese Woche fängt wieder schön an", sagte einst ein Delinquent, den man am ersten Tage der Woche — zum Hängen führte. Unwillkürlich fiel mir dieser schon ziemlich altbackene Witz ein, als am verflossenen Sonntag Früh am Morgen Freund H. in mein Schlafzimmer ftürnitc und in der hocherhobenen Rechten ein ungarifches Wochenblatt schwang. Was mag nur meinen Freund so in Harnisch bringen? — Aha! Ich hab's schon — der Jstoczy hat wieder eine judenfeindliche Rede vom Stapel gelassen und es am Ende doch durchgesetzt, daß die Juden nach Palästina auswandern müssen. — Erschrocken richte ich mich im Bette auf, denn das geht schon über'n Spaß und umsonst geräth mein Freund nicht so außer Rand und Band, ziehe in der Verlegenheit meine Schlafmütze vom Haupte und — reibe mir mit derselben die schlaftrunkenen Augen. ״Da, da — lese nur — lese nur, Freunderl," rief er ein über das andere Mal aus, ״noch nicht dagewesen .... Jstoczy . . . will sagen Friedmann." ״Aber so beruhige Dich doch, lieber H.," sagte ich. indem ich dabei dreimal nacheinander — jedesmal in einer anderen Tonart — gähnte, ״so beruhige Dich nur, es wird noch Alles gut werden — Fried mann, der schon nahezu ein Vierteljahr . . . — hier übermannte mich schon wieder das miserable Gähnen — ein Vierteljahrhundert als Präsident, Rentant, Controlor, Kanzleichef, Director. Revisor, Ausschußmann, Statutenmacher u. s. w. u. s. w. — ahhhu ... verdammtes Gähnen! — kurz, in jeder nur denkbaren Eigenschaft und natürlich auch als Obercantor gewirkt hat, Fried mann, der es auch schon durchgesetzt hat, daß künftighin der Chasonim- und Meschorrerimmarkt vor •״ ו״־־־am Steinbruch" und nicht mehr wie svlfft in den Pester Kaffeehäusern abgehalten werden dürfe . . . Fried mann ist der rechte Mann, der den bösen Anschlag Jstoczy's zunichte machen wird. Er allein wird und muß es durchsetzen, daß die Juden nicht in das gelobte Land auswandern müssen. — Was sollte auch aus seiner von ihm ״unterhaltenen" Cantorenschule — der Pflanzstätte für künftige Chasonimmärkte — werden, wenn auch er,- selbstverständlich als der längste aller Cantoren, als Tambourmajor, an der Spitze derselben nach Palästina wanderte?" . . . ״Lächerlich, Freund, es wird nicht so heiß gegessen, als ..." — Aber so , lese doch, es handelt sich ja gar nicht um eine Judenvertreibung, sondern um eine . . . eine . .. wie sag.' ich nur gleich . . . eine Cantorenzertreibung!" unterbrach Freund H. meinen Redeeifer. ״Waas?! Also nicht Jstoczy, Fried mann ist es, der uns an den Leib rückt?" Ich breitete das ziemlich unsanft