Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1882-01-31 · Heft 5 (31.1.1882) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 5 (31.1.1882)
Date
1882-01-31
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/1304829-3452870-3452874--0045-3454041
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

euiLLeton. Die Tochter des Chasan. Original-Erzählung aus vergangenen Tagen von Ad. V. Zemtinszky. (Alle Rechte Vorbehalte>1.) 4. Fortsetzung. 5. Was NU«! Das Verschwinden des Kindes hatte gar verschiedenartige Wirkungen hervorgebracht. Rosa wurde von Tag zu Tag hinfälliger und schwächer; — die bleichen Wangen, — die tief eingesunkenen, blauumränderten Augen sprachen nur zu deutlich von dem Kummer, der sich ihrer bemächtiget. Ihr Gatte hat seit jenem geheimnißvollen Verschwinden des Kindes ihr Gemach nicht wieder betreten. — Er schien ganz darauf vergessen zu haben, daß sie überhaupt jemals existirt hatte — er lebte nur seinen Lustbarkeiten in Gemeinschaft mit wilden Gesellen, die den Tag zur Nacht, — die Nacht zum Tage machten. Nur die Mutter des Schloßherrn — sie war die Einzige, — die ihre Freude über den Verlust des Kindes kaum bemeistern konnte. — Sie brauchte jetzt nimmermehr zu heucheln — und zu lügen, es war ja nicht mehr nothwendig, — sie konnte jetzt all' ihren Haß, ihre Verachtung überdieFremde, über die Jüdin ergehen lassen, ohne befürchten zu müssen, hiedurch den Unwillen ihres Sohnes hervorzurufen — und sie that es auch mit einer Art Wollust. Ihre Jntriguen waren es auch hauptsächlich, welche diese Entfremdung zwischen den beiden Gatten immer größer machte' Wenn er tagelang in den Wäldern umhergestreift war, — dann brachte sie ihn zu dem Entschlüsse, — seine früheren Gefährten wieder einzuladen, mit ihnen, zu schwelgen. ״Deine Frau bedarf Deiner nicht," meinte sie immer, ״Du langweilst sie und Dich — sie braucht Ruhe — nichts weiter." Und er glaubte es, — glaubte es um so lieber, weil sich dies gerade seinen eigenen Lieblingsgewohnheiten anpaßte. — Rosa fühlte sich unglücklich, — sie glaubte, die Strafe des Himmels sei bereits über sie hereingebrochen, — und doch war dies nur der Anfang für weit größere Leiden. -- Wenige Wochen waren unter diesen unerträglichen Verhältniffen verflossen. Rosa saß, wie es ihre Lieblingsgewohnheit war, am offenen Fenster und.starrte in die Nacht hinaus. — Eine eigenthümliche Beklommenheit lastete auf ihr. — Sie schaute hinüber zu den Wipfeln der Waldwiesen — von dort kam allabendlich unter Geschrei und Gelärme ihr Gatte in Gesellfchaft seiner Gäste. Heute war es schon spät, — sehr spät. — Warum kam er nicht? — So lange war er noch niemals ausgeblieben! — Er war ihr gleichgiltig geworden durch seine Rohheit — durch sein empörendes Benehmen ihr gegenüber, — sie liebte ihn nicht mehr — und dennoch, — sie war seine Gattin. — ״Er kommt endlich," sagte Rosa, als sie am Saume des Waldes den Widerschein von Fackellichtern erblickte, der aus dem Gehölze hervordrang. Doch — was war das? Langsam, so unendlich langsam — kommen sie dem Schlosse näher, — schweigend, — ohne Lärmen, wie dies doch sonst ihre Gewohnheit war. . Rosa hielt es nicht länger in ihrem Gemache aus und ohne sich einen Grund für ihr Thun angeben zu können, — fast mechanisch — eilte sie hinab — den Ankommenden entgegen, — welche soeben vor dem Schloßthore Halt machten. Rosa stand auf der obersten Stufe der Haupttreppe und überschaute den Hof. — Ihre Gestalt schien plötzlich wie aus Marmor gemeißelt, — ihre Lippen öffneten sich, als wollte sie sprechen, — die Augen hefteten sich flammend aus die Gruppe im Hofe. Was sie sah? Dort unten lag auf einer aus rohem Holze mit Tannen- ,reisig überdeckten Bahre — die blutende Gestalt ihres Gatten, — lang ausgestreckt, mit offenen, verglasten Augen. — Und neben der Bahre stand die Mutter des Unglücklichen, Händeringend, — über das Gesicht des Todten gebeugt. — Was war das? — Er war todt. — Die Parze hatte seinen Lebensfaden plötzlich — mit scharfer Scheere durchschnitten. — Sein treues Pferd war ihm einen Moment, — nur einen einzigen Moment ungetreu worden — und hatte ihn mit gewaltigem Rucke an einen Felsen geschleudert — und ehe noch Hilfe geholt werden konnte, — hatte er sein Leben ausgehaucht. — Mechanisch — gleich einem Automaten begab sich Rosa nach ihrem Gemache zurück, — von Niemandem gesehen. Dort warf sie sich schluchzend auf ihr Lager und Niemand kümmerte sich um sie — und Niemand brachte ihr auch die traurige Nachricht.---- — Was nun? - - .... Der Schloßherr war seit zehn Tagen schon begraben. — Was nun? Sie stellte sich diese Frage immer und immer wieder, — eine Antwort hierauf fand sie nicht, — doch sollte ihr eine solche werden von einer anderen Seite, von der sie solch' eine Antwort denn doch nicht erwartete. Traurig und niedergeschlagen befand sich Rosa wie gewöhnlich in ihrem Schlafgemache, als die Thüre hastig geöffnet wurde und die Mutter ihres todten Gatten eintrat. ״Was gedenken Sie jetzt zu thun?" fragte sie, während ein stechender, boshafter Blick aus ihren grauen Augen blitzte. ״Weiß ich es denn selbst," antwortete Rosa, erstaunt die Fragerin anschauend. ״Sie wissen es nicht. — ich glaube es," meinte die gehäffige Frau — ״doch Sie sollen es wissen und darum bin ich gekommen — damit Sie einen Entschluß fassen, — doch bald — heute noch!" ״Heute noch? — Was soll dies — bin ich nicht Herrin hier? — bin ich nicht hier zu Haufe?" ״Zu Hause? — Nein! — Sie dürfen nicht länger hier mehr bleiben — Ihre Anwesenheit befleckt dieses Haus der Ehre!" ״Mein Gott!" schrie Rosa — ״wie können Sie es wagen, der Gattin Ihres Sohnes solche Worte zu sagen?" ״Ei doch," höhnte die Frau, — ״die von der Straß e aufgelesene Judendirne nennt sich die Frau meines Sohnes!" ״Ich verstehe nicht!"--

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.