Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1882)
- Date
- 1882-01-31
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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׳7 ״Sie wollen nicht verstehen und ich habe doch — so deutlich gesprochen. — Sie sind nicht berechtiget, in diesem Hause zu wohnen — und ich habe Sie nur geduldet, — meines Sohnes wegen." ״Geduldet? — Nein, ich bin berechtiget. Ich bin die Gattin Ihres Sohnes, — getraut zu Gretna-Green vom dortigen Friedensrichter, nach dem Gesetze des Landes." ״Dieses Gesetz hat zwar Giltigkeit für ganz Großbritannien. — doch nur für Christen — und Sie sind — — Jüdin!" ״Betrogen also — betrogen von diesem Unglücklichen selbst in jener Stunde, in der er vorgab, mich zu lieben. — Ja, Frau — Sie haben Recht — ich muß dieses Haus verlassen, — damit es von der Judendirne nicht befleckt werde. Und dennoch, wie glücklich — wie unendlich glücklich bin ich, -- wie macht es mich freier aufathmen, daß ich noch sagen kann ״ja, ich bin eine Jüdin". — Und diese Jüdin wird das Haus verlassen, noch in dieser Stunde, damit sie nicht länger mit der Christin unter einem Dache zu leben genöthigt ist." ״Ich will großmüthig sein und Ihnen die Geschenke belassen, die Sie von meinem Sohne erhalten haben, außerdem sollen Sie noch eine Summe Geldes erhalten, welche Sie vor Nahrungssorgen schützen wird." ״Ich danke Ihnen für diese außerordentliche Großmuth, jedoch ziehe ich es vor, dieselbe nicht anzunehmen. Behalten Sie Ihr Geld und Ihren Schmuck nur immerhin, — mit solchen Dingen. — erkauft, bezahlt man nicht geraubten Seelenfrieden, — zerstörtes Lebensglück. Arm, wie ich gekommen, werde ich auch wieder gehen, — werde in die Welt hinaus ziehen, um mein Kind zu suchen — und Gott wird es mich finden lassen."- Und Nachts war es — als Rosa, die verjagte Schloß- Herrin, ein ganz kleines Bündel in den Händen, leise über die Stiege hinab schlich, daß Niemand sie hören solle — und gebrochenen Herzens ihr bisheriges Heim verließ — als eine Verstoßene. Sie trat hinaus in die Nacht — achtete nicht des rasenden Sturmwindes, der ihr das Tuch, das um ihre Schultern gelegen, entführte und im tollen Wirbel dahintrieb — achtete nicht des holperigen, steinigen Weges — nur fort, — fort aus der Nähe dieses Hauses, wohin auch der Weg führte. -7!- Früh Morgens kamen Landleute in's Schloß und berichteten, daß sie auf dem Spiegel des See's einen Leichnam gesehen, der jedoch bei ihrem Näherkommen untergesunken sei und brachten gleichzeitig als Beweis ein Frauentuch, welches allgemein für das der jungen Schloßherrin erkannt wurde. Man suchte sie, doch ihre Gemächer standen leer und gar bald verbreitete sich das Gerücht, die junge Schloßherrin sei im See ertrunken und allnächtlich erscheine über dem See eine blaue Flamme, unruhig umherirrend. — dies sei ihre Seele. 6. Seelenleiden. Etwa eine Tagreise von Prag entfernt, tief drinnen im Gebirge, liegt das kleine, jedoch reizende Dorf ״Eule". Das Dorf, fast auf der Spitze des ringsum bewachsenen Berges, — ist vollständig von anderer menschlicher Behausung auf mehrere Stunden Entfernung isolirt. In dieser einsamen Ortschaft lebte bereits seit vielen Jahren Rebb Aron Mordechai mit seinem Weibe, — seiner Tochter Rachel und seinem Ziehsohne Rafael. Rebb Mordechai hatte sich vor vielen Jahren hier aufäfftg gemacht, — doch nur kurze Zeit war es ihm vergönnt, des Jahres über im Kreise seiner Familie zuzubriugen; den größten Theil des Jahres zog er in der Welt umher, um durch Hausierhandel seinen Angehörigen das Nöthige verschaffen zu können. — Er war arm, doch war seine Frömmigkeit fast zum Sprichworte geworden, — überall — namentlich in Prag. — woselbst er sehr häufig zu sein Pflegte — und deshalb war er selbstverständlich darauf bedacht, daß auch in seinem Hause Gottesfurcht und Frömmigkeit wohne. Seit den von uns erzählten Ereignissen waren nahezu zwanzig Jahre verstrichen. Auf dem sich durch den Wald schlängelnden, aufwärts nach dem Dorfe führenden Wege ging langsamen Schrittes ein hübscher, junger Mann, in tiefes Nachdenken versunken. Erst das laute, freudige Gebelle eines um ihn herumspringenden Hundes machte ihn aufschauen. — Er befand sich auf einem freien Platze am untersten Ende des Dorfes, woselbst sich, im Schutze dichter, schattiger Bäume fast verborgen, das kleine Häuschen Rebb Mordechai's befand, — reinlich und nett aussehend, die Thüre geschmackvoll mit Epheu umrankt, an der Seite des Häuschens ein kleines, hübsch arrangirtes Blumengärtchen, — das Ganze ein Bild des Glückes — des Friedens. Unter der Thüre stand ein schönes, liebliches Mädchen mit treuherzigen Augen, Rachel, die Tochter des Hauses, welche nun, freundlich lächelnd, dem Angekommenen die Hände entgegenstreckte. ״Warum so spät, Rafael?" fragte sie mit sanftem Vor- Wurf in der Stimme, — ״die Mutter war über Deine lange Abwesenheit schon sehr beunruhigt — und auch ich habe mich schon geängstiget.׳ ״Das sollt ihr eben nicht," meinte der Angesprochene, — ״warum ängstigen, bin ich denn noch ein Kind, — ich habe mich eben etwas verspätet, das ist Alles." Sie waren in's Zimmer eingetreten. Eine ältliche Frau saß vor einem Tische und las in einer vor ihr ausgcschlagenen Bibel. Beim Eintritte des jungen Mannes erhob sie sich aus ihrem Sorgenstuhle, faßte ihn an beiden Händen und führte ihn näher zum Lichte, so daß der Schein desselben voll sein Gesicht beleuchtete, — dann strich sie ihm wiederholt mit ihrer Hand über die Stirne, als wollte sie dort einen Zug verwischen, der nicht hingehörte. — ״Was soll schon wieder diese Falte, Rafael?" fragte sie, ihm ernst in's Auge schauend. ״Ganz ohne Bedeutung," lachte der junge Mann, — ״es werden wohl noch gar manche solche Falten kommen und sindsie einmal, dann lassen sie sich nicht mehr verwischen, — d'rum sei ohne Sorgen, Mutter." ״Du hast Recht, Rafael. Sind sie einmal da, — aber warum sollen sie sein. — warum sind sie gekommen? Nur Sorge und Kummer verursachen sie, fehlt Dir hier etwas?" ״Nicht immer kann man ihnen diese Deutung geben, — doch ja, Mutter, — Du magst Recht haben. — Als ich heute so allein durch den einsamen, grünen Wald ging, begegnete mir eine schöne, junge Dame, hoch zu Roß, mit glänzendem Gefolge. — Und sie Alle waren so freudig gestimmt, unterhielten sich lachend und plaudernd — und so trabten sie Alle an mir vorüber, — an mir, der ich im Schalten stand, mit weit aufgerissenen Augen — das nie Gesehene schaute." (Fortsetzung folgt.)