Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1882-01-23 · Heft 4 (23.1.1882) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 4 (23.1.1882)
Date
1882-01-23
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/1304829-3452870-3452873--0032-3454027
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

in Cantorenkreisen, eingewurzelt sind, mit Stumpf und Stiel auszujäten suchen. Selbsterkenntniß ist Weisheit. Sind uns Fehler anhaftend, und wer wollte es leugnen, nun, so wollen wir uNZ bemühen, dieselben ruhig und objectiv bloßzulegen und gewiß, sie werden dann -auch aus unseren Kreisen verschwinden. Nur rüstig an's Werk! Aber auch Vorsicht! Wir wollen nicht mißverstanden werden. Vorsicht muß angewendet werden in der Weise, daß nicht das Kind mit dem Bade ausgeschüttet werde. Es ist die Rede von der Gründung einer Cantorenschule. Nun, wir haben aus der Erfahrung gelernt, ״Sorgen müssen der Reihe nach genommen werden". Und da meinen wir, daß die erste und größte Sorge die Sicherung der Existenz dieses Blattes und in Consequenz, des ״Cantorenvereines" ist. Es ist überhaupt fraglich, ob die Cantorenschule in unserem directen Interesse liegt. Vielmehr meinen wir, daß dies mehr Sache der Gemeinden ist und man wird uns doch nicht zumuthen, uns den Kopf derselben zu zerbrechen. Nichts Anderes darf heute unsere Sorge sein, als den Bestand der ״C.-Z." sicher zu stellen. Die Gemeinden selbst werden das Blatt unterstützen, indem sie ihre Concurse am richtigsten in einem Fachblatte inseriren. Und endlich wir selbst, durch Abonniren der ״C.-Z.", da uns hiedurch ein Verkehrsmittel geboten, dessen Wichtigkeit wir erst mit der Zeit vollkommen würdigen können. Bis wir das wohlthuende Gefühl in unserer Brust empfinden werden, anzugehören einer großen ־ Gemeinde von Gleichgesinnten, Gleichbedrängten und Gleichbeseelten! Mit diesem Ziele ist dann auch schon der Cantorenverein geschaffen, der sich mit den Details befassen mag. Dann ein Ruf an uns und wir wollen hineilen in die Metropole und das Gebäude krönen helfen, zu dem der Grund so fest gelegt wurde. Andeutungen über das Recitativ. (Von A. Kulka.) Da das Recitativ einen so wichtigen Theil des Satzes und der Gesangskunst ausmacht, sei es mir vergönnt, dasselbe etwas näher zu beleuchten, ohne eben die artistische Construction desselben zu berühren, welche nur in Lehrbüchern vollkommen an ihrem Platze ist. Das Recitativ steht inmitten zwischen dem eigentlichen Gesänge und der Declamation. Es ist ein zusammengesetztes, eine Verschmelzung dieser Beiden, um eine cigenthümliche Wirkung hervorzubringen, welche die Situation oder die Gemüthsstimmung der in dem musikalischen Werke vorkommenden Personen auf eine einfachere, den Naturlauten ähnlichere Weise malt, als dieses mittelst eines rhythmischen oder überhaupt mehr artistisch organisirten Gesanges der Fall ist. Es gibt verschiedene Arten von Recitativen oder, besser ausgedrückt, das Recitativ wird ans verschiedene Art angewendet. Einmal z. B. vorbereitend als Eingang zu einer Arie, Cavatine u. A., ein andermal, um die vorhergegangene oder nachfolgende instrumentalische Phrase zu erläutern, wie dies beispielsweise in Haydn's ״Schöpfung" der Fall ist; des Weiteren bedient man sich dieser Kunstform, um die dramatischen oder oratorischen Personen einzuführen; dann um etwas zu erzählen oder zu beschreiben und endlich schlechthin — um die Lücken zwischen den Gesangsstücken auszufüllen und dem ganzen Werke, sei es -nun Cantate, Oratorium oder Oper, den Ton musikalischer Einheit zu geben, welcher durch die Beimengung von gesprochenen Stellen gänzlich verloren ginge. Aber der schönste, höchste, gewöhnlich ganz verkannte Zweck des Recitatives ist der, jene Situation der Seele, jene Leidenschaften, welche wegen ihrer Gewalt und ihres stürmenden Wechsels zu groß sind, um in eine melodiöse Form gefaßt werden zu können, in ihrer ganzen Vollkommenheit zu zeigen, um die schrankenlosen Ausbrüche der entfesselten Empfindung in all' ihrer Mannigfaltigkeit und auf die naturgemäße Weise zu schildern. Das Recitativ auf seiner höchsten Stufe gleicht der Dythirambe, es ist ein Auflösen der Form, ein Wegwerfen der beengenden Regeln, ein Bezwingen der rhythmischen Normen, es ist ein Triumph der Kunst — über die Kunst. Der Sänger wende zwei Drittheile seiner Kraft und seines Wissens auf den Vortrag des Recitatives, er wird dann mit dem übrigbleibenden Drittheile für den melodischen Vortrag genügend ausrcichen; denn ein Lied singt sich bei guter Stimme, und diese-muß der Sänger doch haben, beinahe von selbst, weil die wohlklingenden Intervallen schon an und für sich interessiren, während bei dem Recitative einzig und allein der Ausdruck und hiemit die eigentliche Seele aller Kunstformen ohne irgend eine schmeichelnde Täuschung vorliegt. (Forts-tzwig folg!.) Die Judenverfolgungen in Rußland. In der Schilderung der, der jüdischen Bevölkerung in Rußland zugefügten Unbilden und Grausamkeiten zählt der ״Times"-Correspondent Beispiele von gegen dieselbe verübten Brandstiftungen auf, welche im Munde des Landvolkes die Bezeichnung ״Krähen des röthen Hahnes" führen. Während des vergangenen Jahres, schreibt derselbe, ist diese Methode, sich, an dem bemitleidenswerthen Judenvolk zu rächen, in großartigem Maßstab, besonders in Westrußland, ausgeübt worden. Bis zu Ende Juni hat ״der rothe Hahn" über 18 Städten des westlichen Rußlands ״gekräht". Jede Woche vermehrte die Zahl der Brandstiftungen, bis die Zahl am Ende des Monats September 41 Städte umfaßte mit einer dadurch heimatlos gewordenen jüdischen Bevölkerung von 20.000 Personen. Man kann annehmeu, daß in! Ganzen 100.000 jüdische Familien in Armuth gestürzt worden sind. In der Gegend von Perejaslaw ist nach dem ersten Aufruhr an diesem Orte die Judenschaft aus 17 umliegenden Dörfern zur Flucht gezwungen worden und während der Sommermonate campirten unter freiem Himmel bei Podwoloczyska nicht weniger als 1000 solchcr verjagten Flüchtlinge, einschließlich Kinder zartesten Alters. Von 5000, welche ihre Flucht über die Grenze zu nehmen beabsichtigten und in einem hilf- und mittellosen Zustande Brody erreichten, befinden sich noch an 2000 in Kellern zusammengedrängt. Aber welche Schrecken und was für Noth den Tausenden und aber Tausenden bevorsteht, welche, der Strenge eines russischen Winters preisgegeben, mittellos zurückgeblieben find, davon -kann sich Niemand eine Vorstellung machen. Die Gemeinden und die Localbehörden haben das Elend der Armen noch vergrößert, indem sie mit der casuistischen Logik: ״Die Juden sind die Ursache aller dieser Aufruhrscenen, gegen welche dieselben gerichtet sind; wären keine Juden vor- Händen, so würde es auch keine solche Ruhestörungen geben",

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.