Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 2 (7.1.1882)
- Date
- 1882-01-07
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/1304829-3452870-3452871--0014-3454007- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Pflicht es sein soll, für das Wohl der Collegen und das deren Hinterbliebenen zu sorgen. Dieser Verein soll für A l l e geschaffen sein und daher müssen,, auch Alle siA für dieses , große Werk der Exrstenz und der- Humanität interessircn, mit uns gemeinsam arbeiten — uns mit ihren besten Rath an die Hand gehen, damit das Werk gelinge. Gar ernst und wichtig ist die Frage, die wir Heute erörtern, und wenn nicht allgemeine rege Theilnahme unserer Collegen und Freunde dieses Werk fördern hilft, dann wird es niemals zu Stande kommen, durch ihr eigenes Verschulden durch chre eigene Theilnahmslosigkeit! In wenigen Tagen schon soll ein Comite aus Cantoren bestehend zusammengesetzt werden, . welches den Entwurf der Statuten für den Cantoren-Verein ausarbeiten soll. — Ist dies geschehen, dann ist auch ein großer Theil unserer Ausgäbe gelöst, — denn dann sind wir auch der Mitwirkung all' unserer Collegen sicher. ׳ tzme Iudenyetze im steözeHnte» Jahrhundert. Einem interessanten Feuilleton von O. v. Corvin in der ״N. Fr. Pr." entnehmen wir Folgendes: ״..... Die Leser werden selbst darüber urtheilen können, wenn ich ihnen die Geschichte einer solchen Juden- Verfolgung erzähle, die im Jahre 1614 in Frankfurt am Main stattfand, und die ich besonders deshalb wähle, weil wir. davon nicht nur die Berichte christlicher Zeitgenossen, sondern auch die eines jüdischen Augenzeugen haben, der jene traurige Geschichte in einem 103 Strophen langen, im Judendeutsch abgesaßten Liede erzählt Hai, das nach- Mr Melodie: ״Die Schlacht bei Pavia" gesungen werden soll, welches verloren gegangene Lied damals sehr populär gewesen sein muß. Der Verfasser nennt sich E l ch o n a n, ein Sohn Avroham ז״ל. Sein Lied macht aus poetischen Werth nicht den geringsten Anspruch, allein cs schildert die Vorgänge so lebendig, daß nur geringe Phantasie dazu gehört, sich die verschiedenen Szenen dieses Dramas vorzustellen. Hat man sich einmal an die komische, Ausdrucksweise gewöhnt, so machen einige Stellen dieses Liedes sogar einen hochtragischen Eindruck. Da das Gedicht so übermäßig lang ist, will ich nur einige Strophen wörtlich anführen: 9. Wo man im Mökom Jehüaim (im Judenviertel) einige Juden derwischt. Es sey groß oder kleine. Haben sie sich auf sie gerüst. Geschlagen, oder geworfen mit Steine. Ach noch geworffen Laim uud Koth. Und ohnnütze Wort uni) Kelölos (Flüche.) Und noch geruffen früh und spat. Kelövim (Hunde) und sonst Nevdlos (Rabenäser.) 10. Etliche Juden sind worden eingezogen. Ihres Mammon (Reichthums) haben sie wöllen geniesen. Mit Lellekorim (Unwahrheiten) haben sie sie belogen. Da niemand nicks hat, darum thun müssen. Auch keinem Jehiide (Juden) kein Geld zu geben. Kein Schuldmann keinen keins soll thun brengen. Zu Steyer wöllen sie es ankleben. Aus Mishclipat (Kammergericht) da wöllen sie es hengen. 15. Die . Bosheit ist erst worden groß. Uns zu fchmehen und zu schlagen. Das ist gwest sonder Umerlaß. Niemand haben mir können klagen. Sie haben geherrscht über uns mit ganzer Macht. Mir seyn gestanden in eitel Sorgen. Zu Morgens haben mir gewünscht, es wär Nacht. Und bei Nacht, es war Morgen. Unter diesen Verhältnissen kam nun das Pfingstfest 1614, welches noch heutigen Tages in Frankfurt ganz besonders als Feier- Und Jubeltag in Ehren steht. Vorzüglich am dritten Pfingsttage arbeitete Niemand, ja die Hauser standen fast leer, denn׳ Alles, was Beine hatte rannte nach dem ״Frankforter Wäldche", und der Tag heißt denn auch dort noch jetzt ״der Wäldchestag". Die Judengasse schien aber an jenem Pfingsttage für die geringere Classe größere Anziehungskraft zu haben, und unter den Juden verbreitete sich das Gerücht, daß die Judengasse gestürmt werden sollte. 16. Scllvuos 374 (Pfingsten 1614) sey mir erschrocken sehr. Sorg und Angst uns hat befunden. Man hat gesagt, die Moräiiu (Ausrührer), kommen daher. Sie haben sich ebbes unterwunden. Die Pforeen wollen sie einstösen. Und wöllen stürmen unser Kehilla (Judengasse). Lieber Gott, thu uns nit verlosen. So ist gewest immerdar unser Tfilla (Gebet.) (Fortsetzung folgt.) Offener SprechsaaL für Alle. Wir veröffentlichen nachstehendes uns zugekommenes Schreiben, um unseren geehrten Collegen zu zeigen, wie selbst im Auslande unser Unternehmen mit wahrhafter Sympathie und Freude begrüßt wird. Dasselbe, vom kgl. preußischen Musikdirektor, Herrn L. L e w a n d o w s k i in.!Berlin, lautet: ־ ." Hochgeehrter Herr! Für die freundliche Zusendung der ersten Nummer Ihrer neu gegründeten ״Cantoren-Zeitung" für Oesterreich- Ungarn, sage ich Ihnen meinen besten Dank und erlaube mir zugleich, meine besondere Freude auszusprechen, daß Sie mit Freimuth und Energie die Interessen eines Standes zu vertreten dre Absicht haben, dessen Mißverhältnisse zwar von Allen erkannt, aber leider von Niemanden bisher! beseitigt worden sind. Vereinte Kräfte vermögen allein den auf schwebendem Boden erbauten Existenzen eine Sicherheit zu schaffen. Wir im deutschen Vaterlande sind fortdaiiernd bemüht eine Basis zu finden, die geeignet ist, die, Cantoren den Gerneinden gegenüber zu schützen. Leider sind wir auch zu keinen ^erklecklichen Ergebnissen gekommen. Angebahnt ist 'Vieles und wir hoffen auch, daß uns Manches gelingen wird. Sie betonen mit Recht die nothwendige Betheiligung aller, auch der Cantoren in den allerkleinsten Dorfgemeinden; denn hier fehlt die Erkenntnis; und Einsicht am allermeisten. Diese Beamten-Categorie will es nicht erkennen daß wir eigentlich nur für sie eintreten. Freilich ist nicht zu verkennen, daß die Herren Prediger und Rabbiner uns nicht nur nicht unterstützen, im Gegentheil, sie sind oft ein unüberwindliches Hinderniß in unfern Bestrebungen, und wollen nicht begreifen, daß der erste Faktor im israelitischen Gottesdienst der C a n t o r ist. Die Gemeinden können auf Alles eher verzichten, als auf den Cantor.