Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 49 (6.12.1901)
- Article
- Acher
- Date
- 1901-12-06
- Page
- 23 (sequence 3)
- Language
- German
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— 23 — Kislev heiest, am ersten Chanuka-Festtage sollte die Vorstellung stattfinden .. . Als schon die Sterne am Himmel glänzten, nahm Salomon ein Wachskerzlein und stellte es in einen silbernen Leuchter. Ein altes Familienstück war dieser Leuchter. Acht Knäufe wüchsen nebeneinander in die Höhe in der Form blühender Rosen, so dass man in die geöffneten Kelche Lichter setzen konnte. Um das Blumenwerk wand sich ein goldener Reifen und hielt es zusammen. An den beiden Seiten standen Cherubim mit ausgebreiteten Flügeln, und ihre Innenflügel begrenzten eine Fläche, die in drei Felder getheilt war. In ein jedes der Felder war eine Scene gegraben. Rechts tödtet der greise Matatjahu beim Altar den den Heidengötzen opfernden Abtrünnigen; links sah man Juda, freudig wie einen Löwen, der die Beute erjagt, mit Brüdern und Kriegsvolk gen Jerusalem ziehen; in der Mitte war die Tempelfeier. Das Volk ist auf das Angesicht gefallen und betet, die Priester singen, spielen Harfen und Cymbeln, legen Schaubrote auf den Tisch, räuchern am Altar und opfern darauf. . . . Salomon zündete das Licht an und begann zu beten. Er dankte Gott, dass er durch die Hand Judas den Feind schlug, dass er das ganze Haus Jakobs, das voll des Jammers war, wieder hob und die Schande von ihm nahm und ihm erlaubte, das verunreinigte Heiligthum herzustellen. Und im Gebete erneute Salomon den Bund mit dem Herrn und bat um seinen Schutz für sich und seine Familie und alle, die beständig im Gesetze geblieben waren. Basche Leie sass in einem hohen Stuhle bei Tisch und füllte die Düten, die vor ihr lagen, mit Feigen. Rosinen, Mandeln und Kuchen. Jede gefüllte Düte legte Chajuscha, Händeis jüngste Tochter, die bei den Grosseltern lebte, der Reihe nach auf den Tisch. „So, jetzt wären wir fertig," sagte Basche Leie und gab Chajuscha zwei Feigen und einige Mandeln, die geblieben waren. Sie zählte mit dem Blicke die Düten. „Es stimmt," sprach sie, und sich an Salomon wendend, fragte sie: „Wie viel Uhr ist es, Salomon?" „Halb sieben," antwortete Salomon, „sie werden wohl bald kommen." „Sie werden kommen, Salomon," — begann Basche Leie im weinerlichen Tone — „und wie sitze ich da, wie? Ich habe doch nichts anzuziehen;" Sie hatte nie was anzuziehen, sie hatte nie was zu essen. Das war ihre stete Klage. Salomon schien es oft zu hören, er antwortete nichts. Basche Leie wurde durch sein Schweigen gereizt. „Die drei Häuser werde ich mir ins Grab nehmen, was?" „Basche," sagte jetzt Salomon ganz ruhig; »Für alle hast Du Geld und für mich . .." Sie wollte weiter sprechen, aber Salomon fiel ihr ins Wort. „Basche, es ist heute Chanuka." Und milder fügte er hinzu: „Und Du darfst Dich nicht aufregen, das hat der Doctor streng verboten." Sie begann wieder: „Salomon, ich habe einen so schlechten Geschmack im Munde." „Chajuscha, bringe der Grossmutter Weintrauben," sagte er. „Die von Neugebauer," rief Basche. Chajuscha brachte aus dem anderen Zimmer ein Körbchen Weintrauben und stellte es vor Basche hin. Basche nahm vorsichtig jede Traube zwischen zwei Finger und führte sie langsam und feierlich in den Mund. Salomon gieng mit grossen Schritten im Zimmer auf und ab, Chajuscha nahm aus dem Glasschranke silberne Löffel und ein Theeservice heraus. So vergieng fast eine Viertelstunde. Man hörte draussen Schritte. „Stell* das Körbchen wieder hinein," sagte Basche Leie zu Chajuscha, „ich habe genug." David kam mit Rebeka und mit ihren drei Kindern. Sie waren festlich gekleidet, Rebeka steckte ganz in Bändern. Die Kinder gaben den Grosseltern einen Handkuss, Chilusch*) küsste Basches beide Hände. Salomon sprach mit David in der Ecke, Rebeka setzte sich zu Basche, fand heute die Schwiegermutter so gut aussehend, fast wieder jung. Basche Leie war geschmeichelt, die WTorte Rebekas thaten ihr wohl. *) Diminutivum von Chiel. „Grossmutter," sagte Chilusch, „ich habe für mein Beten diese Woche noch nichts bekommen." Basche Leie zog den Geldbeutel aus der Tasche und zahlte Chilusch langsam acht Kreuzer aus, für das tägliche Beten einen Kreuzer und für das Sabbath-Gebet zwei. „Hast Du auch fromm gebetet?" fragte sie. Chilusch nickte, küsste wieder Basche Leies Hände und steckte die acht Kreuzer ein . . . Jetzt kamen die Gäste. Bertha und Simon mit vier Kindern, Händel, dann zwei verheiratete Töchter Händeis mit ihren Männern und Kindern, der Thürnachbar Alter Printz mit seinem Weibe und zuletzt Zirl — eine Verwandte — mit ihrer Tochter. Man begrüsste sich, sprach laut durcheinander. Basche Leie gab jedem Kinde eine Düte. Die Kinder liefen in eine Ecke, um Basche gruppierten sich die Aelteren. „Was soll ich Euch vorsetzen?" fragte Basche Leie, „es ist fast nichts da, Ihr müsst vorlieb nehmen mit dem, was Ihr findet. Ich bin ja krank gewesen." E. M. Lilien in seinem Atelier. Bertha lächelte. Sie hatte durch zwei Tage für Basche Einkäufe machen müssen. Chajuscha brachte Wein, Gläser, Kuchen auf einem silbernen Untersatz und stellte Früchte auf den Tisch. Simon nahm Weintrauben, sagte zu Basche: „Mutter, die sind nicht so schön, wo hast Du die von Neugebauer?" Basche Leie lehnte sich im Stuhl zurück. „Nein, weisst Du, Simon, das sind meine Curtrauben, die gebe ich nicht." Sie lachte jetzt ein wenig gezwungen. „Na, aber ein klein wenig sollst Du bekommen" — und sie rief Chajuscha, dass sie von den Neugebauer'schen ein wenig bringe. „Vielleicht für Dich auch ein Stückchen, David?8 — wandte sie sich an den anderen Sohn. Aber Simon wollte mit David theilen. „Deine Curtrauben werden wir Dir doch nicht ganz aufessen. Mutter!" sagte er ironisch. „ Guter Sohn, guter Sohn" — sagte Basche und lachte.--—