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Die Welt · 1901-12-06 · 49 (6.12.1901) · p. 22

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
49 (6.12.1901)
Article
Acher
Date
1901-12-06
Page
22 (sequence 2)
Language
German
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— 22 — strafte den Rabbi Liieren, die ganze Welt, und jauchzte an der Brust des Geliebten. So wählte sie zwei Scenen aus „Uriel". Sie glaubte, das Jüdische müsste doch alle fesseln. Und eines Abends füllte ihre Stube die junge Generation — Salomon Wildbachs Enkel und Enkelinnen, und es waren deren viele, denn die Familie war gross. Bertha las das ganze Stück vor, erklärte es, sprach über Charakter, dann über Glauben und Zweifel, und vergass zuletzt, dass sie zu jungen Gemüthern und Herzen sprach. Schnell und heiss kamen die Worte aus ihrem Munde, merkwürdige Sätze, die die Hörer sonst niemals vernommen. Unruhig, als ob sie die Last der Worte, denen sie nicht mehr folgen konnten, drücken würde, sahen sich die Mädchen und Knaben an, manche lächelten gelangweilt. Da geschah es, dass der Sohn Berthas, ein vierzehnjähriger Knabe, plötzlich auf die Mutter zueilte, sie umschlang und unter Küssen laut schrie: „Ich bin Uriel, Mutter!" Bertha erwachte. — .Stimmen wurden laut, in der Ecke kicherten zwei Mädchen.--Bertha streichelte das Haar des Sohnes, küsste ihn, legte zärtlich den Kopf des Knaben in ihren Schoss und sprach auf den leidenschaftlich Erregten leise ein. Eine Thräne schimmerte in ihrem Auge. Doch gleich stand sie auf, schickte die Knaben und Mädchen heim, ihren drei Töchtern befahl sie, schlafen zu gehen und schloss hinter den Weggehenden die Thür. Mutter und Sohn blieben allein. * Bald wussten fast alle von dem Vorfalle in Berthas Jozef Israels. Stube und stimmten darin überein, dass Bertha den Jungen furchtbar verziehe. Salomon müsste ihr auch sagen, dass das zu nichts Gutem führt. Da war doch in der Stadt einer, der sich für etwas Besseres hielt wie die anderen. Was führte der nicht für Reden, und zu wem sprach er — zu Leuten, die nichts hatten und nichts arbeiten wollten . . . Und es war kein guter Mensch, nein, kein guter — das konnte man schon an seinen Augen sehen, an seinem rothen Bart. Und er gehorchte auch nicht dem Bezirkshauptmann und grüsste nicht den Bürgermeister. Was geschah? Für seine hässlichen Reden wurde er eingesperrt. Er sollte zwar nächstens herauskommen, aber der erste Assessor hörte es selbst, wie der Gerichtspräsident sagte: „Wir werden schon mit diesem Manne fertig/---Dieser Mann, das war der Schandfleck der ganzen Stadt. „Dass Bertha nur nicht bereut, wenn es zu spät ist," sagte David, Rebekas Mann. Händel, seine Schwester, kniff die Lippen und zischelte „Bertha bereuen, die ist ja so schlecht, so schlecht.* Der fünfzehnjährige Chiel erzählte immer wieder. Er schrie: .Mutter, ich bin Uriel/ und dabei umarmte er seine Mutter Rebeka unter grosser Heiterkeit der Anwesenden. „Was ist das für ein Uriel?" fragte die älteste Tochter Händeis. Chiel und die Mädchen erzählten ein wenig verworren den Inhalt des Stückes. „Na," sagte David. „N—a!" „Was gibt's?" fragte Reoeka. „Das ist ja auch so ein Schandfleck," erklärte David. „Auf diese Vorstellung bin ich neugierig/ rief Händel. „Das kann Bertha noch bei Salomon schaden," sprach Rebeka und lachte Händel verständnisvoll an. Händel sah zu Boden, als wenn sie dort was suchen würde. Es folgte ein kurzes Schweigen. * Am fünfundzwanzigsten Tage des neunten Monates, der

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