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Die Welt · 1901-12-06 · 49 (6.12.1901) · p. 24

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
49 (6.12.1901)
Article
Acher
Date
1901-12-06
Page
24 (sequence 4)
Language
German
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„Die Musik kommt!" rieten Kinderstirnmen. Man rückte zusammen, machte Platz für die Musikanten. Sechs Männer mit Instrumenten unter dem Arme boten einen lauten Gruss. Hinter ihnen schleppte sich keuchend der Bassist, das Instrument auf dem Rücken tragend. Chajuscha brachte den Musikanten eine Flasche Brantwein. Sie gieng zweimal die Runde. Dann trug sie Kuchen umher. Sie assen ihn in grossen Bissen, nur der Bassist steckte immer den Kuchen in die Taschen. Jetzt stellten sie sich in einen Halbkreis, der Bassist setzte sich in die Ecke, in der Nähe des Ofens. Sie spielten zuerst einen Marsch, dann Melodien aus jüdischen Opern . . . Die Geigen schluchzten: Wie bang' ich nach Dir —; zwei Flöten seufzten: Oj, oj, oj; sehnsuchtsvoller setzten die Geigen ein: Wie bang' ich nach Dir, wieder klagten die Flöten: O— j; sie wurden aber vom Bass übertönt, der im asthmatischen Bm—emm. Bm—emm verzweifelte, bis sich alle in einem Schrei vereinigten : Je-ru-scho-la-i-m! Zuletzt wurde noch eine Polka gespielt. Der ßrantwein und der Ofen machten den Bassisten schläfrig, aber er öffnete die Augen weiter hinter der Brille, die nach unten gegangen war. Er kämpfte gegen die warme Müdigkeit in den Gliedern, wie nur ein Mann kämpfen kann, dem das Amt ein so grosses Instrument in die Hand gab. Gewohnheitsmässig neigte er aber ein wenig den Kopf, als er einsetzen musste — und da war es schon über ihn gekommen. Er machte noch einen schwachen Versuch - vergebens — die Müdigkeit überwältigte ihn. Sein Kopf fiel auf die Brust, und als er einsetzen sollte — begann er laut zu schnarchen. Allgemeines Lachen weckte ihn, er wurde ganz roth, setzte jetzt mit aller Gewalt ein, leider an falscher Stelle. Man schüttelte sich vor Lachen. Salomon gab den Musikanten drei Gulden. Dankend zogen sie ab, der Bassist trottete müde hinter ihnen mit seiner Last.---- Es wurde Thee aufgetragen mit Quittengelee. Bertha gieng mit den Kindern ins andere Zimmer, jetzt sollte gleich die Vorstellung beginnen. Basche Leie wollte es kaum glauben, als sie das hörte. „Nein, nein, eine Vorstellung und für mich? Wie soll ich Euch denn danken!" rief sie in einemfort. Berthas Sohn und Rebekas Tochter traten ins Zimmer, Uriel und Judith. Es wurde still. Sie waren ein wenig verlegen, sprachen die ersten Worte still in sich hinein, dann begegneten sie den aufmunternden Blicken Berthas, die in der Thür stand, und wurden sicherer. Sie wandelten im Zimmer von einer Thür zur anderen, als ob sie wirklieh in Manasses Garten auf seiner Villa wären, zwischen Bäumen und Blumenbeeten; und ruhten aus, giengen weiter und sprachen zuletzt so natürlich, dass Bertha ganz vergnügt zuhörte. Auch die anderen wurden durch ihr Spiel interessiert. Im Nebenzimmer ertönte ein Widderhorn, eine junge Schar, Vanderstraatens Gäste, stürzte aufgeregt herein, gleich erschienen auch die Rabbiner und Chilusch als de Santos sprach laut über Uriel den Fluch. Mit gebeugtem Haupte stand Berthas Sohn, und als der Schoss, der ihn geboren, verflucht wurde, da rief er, die Augen verhüllend, so erschütternd : „Mutterdass die Anwesenden erschrocken in die Höhe fuhren. Sie glaubten, er wäre lcrank geworden. Bertha war lebhaft bewegt. Mit pochendem Herzen sah sie auf den Knaben, der wirklich zu leiden schien. Fast bedauerte sie jetzt ihre Wahl. Sie war froh, als die Scene zu Ende gieng. Es wurde eine längere Pause gemacht. Man unterhielt sich lärmend. „Nicht wahr, Baltschia sah reizend aus?" fragte Rebeka. Es wurde bejaht. Sie konnte es aber nicht oft genug hören, sie war überall mit derselben Frage. Von der Tochter kam sie auf den Sohn. „Und Chilusch, mein Chilusch?" fragte sie strahlend, „er war doch gut, sehr gut." Unterdessen sprach Bertha mit ihrem Sohne, der nach der Pause allein Uriels Verhör vor den Rabbinen declamieren sollte. Es wurde wieder still. Fanatisch, hart, aufbrausend, sprach er die ersten Worte des Santos. Er klagte sich an. Dann senkte sich seine Stimme, wurde matt wie die eines alten Mannes, und langsam kamen die weisen Worte Akibas. Er entschuldigte sich. Aber die Zweifel stiegen auf, peinigten ihn, frugen ungestüm : woher, wohin? —- Wieder höhnte ihn Santos* forderte Beweise. Altklug klang es in ihm:.„Nur Thatsächlichkeiten gibt es, beweisen kann man nicht. Brennend öffneten sich Wunden/ In sich gehen, in sich gehen — mahnte die Erfahrung. Die Sinnesstimme wollte ihm Beruhigung bringen, lehrte ihn, bat zu folgen auf den langen Weg der Reue. Trotzig verlangte seine Jugend den kurzen Weg, den kürzesten. Väterliche Vorwürfe, neue Mahnungen, alte Beispiele folgten. Da war ein grosser Denker, namens Elischa ben Abuja, ein Acher, ein anderer,, wie Du — raunte es. In ihm flammte es wieder auf, sein Stolz erwachte, er wurde ganz bewusst des anderejn. So gieng Berthas Sohn die ganze Scala der Empfindungen durch. „Ach, wie traurig ist das!" sagte Basche Leie. „Dein Sohn ist ein kleiner Acher,u sprach Salomon halb ernst zu Bertha. Jetzt lachten alle. — Man fragte nach dem Ende. Bertha erzählte. „Nein, so ein trauriges Stück!" wiederholte Basche. Die Kinder liefen ins andere Zimmer, in das Berthas Sohn geflüchtet war. Sie riefen: „Acher! Acher!" Er stand auf. Sie umkreisten ihn. Chilusch sagte: „Grossvater hat gesagt, Du bist ein Acher," und lachend ergriff er seine Hand. Erjiess sie gleich fallen. Ernst und blass stand der Junge in der fröhlichen Schar. „Was ist Dir, Brüderchen?" fragte besorgt die kleine Schwester. Er antwortete nicht. „Komm', komm'!" riefen die Kinder. Eine Stimme fügte lachend hinzu: „Acher!u Kaum konnte er die Thränen verhalten.--- Seit diesem Abend wurde er „Acher" genannt. Der Ackersmann. Ich sah einst einen Ackersmann Still über schwarze Felder schreiten, Er liess das gold'ne Weizenkorn In tragbereite Schollen gleiten, Er gieng so hoch, er gieng so fest: Ein Herr, der Zukunft wachsen lässt. Da ward ich reiner Demuth voll Und sprach zu mir: „Was soll Dein Leben? Kannst Du, wie dieser, Deiner Welt Zu neuen Formen Keime geben? Hast Du, wie dieser, eine Kraft, Die grüne Werdenstriebe schafft? Du hast sie nicht, Du weisst es wohl, Du kannst Dein Hoffen nur erträumen. So bist Du denn das Samenkorn Und reifet in dunklen Zeugungsräumen? Ragst morgen schon in vollem Licht, Ein Drang, der seine Fesseln bricht? Du wirst es nicht, Du weisst es wohl, Bleibst an Dein enges Hier gebunden. So bist Du denn das Ackerland Und ahnst die heil'gen Mutterstunden? Und ahnst in stummer Seligkeit Ein tiefes, lebensschwang'res Leid'? 0 meine Seele, unfruchtbar War stets Dein Schoss und wird es bleiben, Nie wirst Du gelber Sommersaat Beglänzte Fülle selig treiben, Du bist ein Lied, das niemand singt, Das keinem Trost und Frieden bringt!" Da sah ich, wie der Wirbelwind, Der keck des Sä'manns Thun belachte, In seinen weichen Furchengrund Viel hundert graue Körnchen brachte. In jedem glüht ein Seelchen schon: Kornblume, Rade, wilder Mohn.

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