Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 49 (6.12.1901)
- Article
- Zwei Junghebräer
- Date
- 1901-12-06
- Page
- 20 (sequence 3)
- Language
- German
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— 20 — male gesellen: er fiel mir sofort, mitten in dieser lebhaften Versammlung, durch sein beharrliches Schweigen und noch mehr durch seinen sonderbaren, unjtidischen Kopf auf. Er hatte einen trotzigen Gesichtsausdruck, dem das glattgescheitelte Kopfhaar und der starke blonde Schnurrbart ein durchaus arisches Gepräge verliehen. ich war erstaunt, zu hören, dass dieser Arier der hebräische Publicist Berdyczewski sei. dessen Name mir seit Jahren bekannt war. Es war nichts Besonderes an seinen damaligen Leistungen. Kr schrieb viel und schlecht und über alles. Er hatte sich durch eine kleine, in Gräbers Jahrbüchern veröffentlichte Streitschrift bemerkbar gemacht, an der nichts bemerkenswert war. als die unerhörte Kühnheit* mit der er. ein liomo novus in jedem Belang, über Mensehen und Dinge im Judenthum den Stab brach. Er hatte damals schon eine erlebte Tragödie hinter sich, die einen woniger Widerstandsfähigen vielleicht für immer gebrochen hätte: Seine glückliche Ehe — so glücklich, wie es nur Kinderehen sein können — gewaltsam aüseinandergerissen, alle Brücken zwischen ihm und den Seinigen für immer abgebrochen, seine sonderbaren Versuche in Breslau — er war nacheinander Buchbindergehilfe und Zögling der Kunstakademie — gänzlich gescheitert, so kam er nach Berlin, um hier alles von neuem anzufangen. Und hier in Berlin, war es, wo dieser kleinriissische Abkömmling eines alten Cliassidimgeschl echtes mit der europäischen Cultur zusammenstiess, Auge in Auge, gewissermassen Mann gegen Mann. Es gab einen kurzen, heftigen, wüthenden Kampf, die mitgebrachte Eigenart rang verzweifelt gegen das überlegene Fremde — und zuletzt streckte er die Waffen. Als er von neuem die Feder in die Hand nahm, war er ein Besiegter. Die Uebermacht des europäischen Gedankens hat der Einheit seines Geisteslebens ein Ende gemacht. Kr fand das Mittel nicht, wie das Mitgebrachte mit dem Neuerworbenen zu einer schönen Einheit umzuschaffen. Und seither ist Berdyczewski ein Zerrissener. Damit sind wir mit einem Sprunge mitten im Centraipunkte seines Wesens und Schaffens. Alles, was er schafft und denkt und will, seine Wahrheiten und seine Irrthümer, sein Eigensinn und seine Widersprüche, seine Grösse und seine Kleinheit, sind nur Folgeerscheinungen dieses Kampfes und dieser Niederlage, liier ist die Quelle seiner schmerzvollen, wehmüthigen Stimmungen, die wie scharfer Waldduft unsere Sinne berauschen: aber auch seiner Absurditäten und Abgeschmacktheiten, über die wir uns ärgern, weil wir über sie nicht lachen können. Dieser Kampf 4in& diese Niederlage! Noch zittert in jedem seiner Worte die Erregung des Kampfes, und noch erfüllt ihn der ohnmächtige Zorn, des Besiegten. Und alles, Avas er schreibt, sind nur Variationen dieses Grundmotivs. Es ist ein Weltenkampf, der in seinein Innern tobt, und er hat ihn meisterhaft geschildert. Es ist ein Menschenschicksal, sein persönliches Schicksal, von dem er uns immer wieder erzählt, und er erzählt es wahr und echt, wie alles Erlebte. Gross und ergreifend ist die Geschichte von seinem, ersten Erwachen, von der Kluft zwischen ihm und den. Seinigen, von seiner glücklich-unglücklichen Ehe („Meewer-Lanahar"). Es ist die Nachmantragödie, die wir soeben kennen gelernt, nur dass hier Menschenschicksale mit diesem Gedankenkampf verflochten sind und junges Leben dabei mitzittert. Es ist nicht nur der freie Gedanke, der seine Ketten zerreissen will, es ist ein ringender Mensch selbst, der Liobcsglück und Liebesfrieden und alle Behaglichkeiten der geordneten Bürgerliehkeit von sich wirft, weil er es nicht länger aushalten kann, dass seine Seele zehnmal am Tage gemordet werde. „Was wollt Ihr von mir? Warum habt Ihr unseren Gedanken Fesseln angelegt? Warum befehdet Ihr unsere Ideen und Meinungen und Handlungen? Warum habt Ihr uns das Leben verboten und das Geniessen und die Lebenslust? Warum habt Ihr das Weib aus unserem Leben vertrieben? Nur Bücher habt Ihr geschrieben, viele Bücher, in den vielen Jahrhunderten. Aber ich glaube an Euch nicht und an Eure Bücher!" Und wie Nachman, so will auch er gerade am Kol-Nidre-Abend allem ein Ende machen. In dem Augenblick, da die zwei Aeltesten der Gemeinde, mit den Thorarollen in der Hand, den Beginn des Gebetes ankündigen, da packt ihn eine wilde Lust, seinen Gebetmantel von sieh zu werfen und mit schallender Stimme in die Menge hineinznrufen: ..Erwache, mein Volk!'* Aber er thut es nicht. Er zieht es vor, Weib und Familie für immer zu verlassen, um draussen von neuem anzufangen. In ,,Meewer Lenahar'* hat Berdyczewski den Höhepunkt meines Könnens erreicht. Es ist das abgekärteste und Reifste, das er bis jetzt geschrieben. In „Machnajim", „Orba Porach*' und in seinen kleinen Novellen erzählt er uns die Geschichte seiner Irrfahrten in der neuen Welt, in die er sich geflüchtet: seine wonnevollen Erlebnisse und erschütternden Enttäuschungen, den beseligenden Rausch des Erkennens und die jammervolle Gedrücktheit des Alltags, und vor allem: seinen Zusammenstoss mit dem Weibe, das wie eine Schicksal smaoht in sein Leben eingetreten, das ihn beglückt und gepeinigt, das ihn bald namenlos reich und wieder bettelarm gemacht hat. Berdyczewski ist der Entdecker de» Weibes in der neuen hebräischen Literatur, Er ist der erste, der das sexuelle Element und das Weib als bestimmende Lebensmacht in die Literatur eingeführt und sie buchfähig gemacht hat: völlig frei von lebensfremder Prüderie und asketischem Augenverdrehen. Darin ist er menschlicher, ich möchte sagen irdischer als der völlig vergeistigte Feierberg, der sich im Grunde doch nur darnach sehnt, Gedanken gegen Gedanken einzutauschen. Bert\yezew>ski aber sehnt sich nach dem Leben selbst, er will sich vor keiner anderen Macht beugen als vor der ewigen Majestät des Lebens. In allem, was er schreibt, bebt es wie ein verhaltenes Schluchzen über die Jugend, die schwindet, und über die Lebensfreuden, die er nicht gemessen kann. Gierig möchte er nachholen, was er versäumt. Er möchte mit dreissig Jahren Kind werden, weil er es mit zehn Jahren nicht gewesen. Er steht nahe am reichgedeckten Tische des Lebens, aber er kann nicht mitgeniessen. Seine durstigen Si iic sind mit de-u Fluc. e seiner Herkunft behaftet- Es fehlt ihnen die Entschlossenheit der That. Er steht immer nur dicht „daneben'*. Es hilft nichts, dass er aus seiner kleinrussischen Judengasse fortgelaufen — sie läuft ihm nach, er trägt sie in sich, sie verfolgt ihn bis in die schweizerischen Berge und in das Gewühl der Weltstadt. Er ist selbst ein »Stück von ihr, er ist mit ihr zusammengewachsen. Das ist der unvereinbare tragische Riss, an dem er leidet. „Es war mir schrecklich, alle die Tage allein sein zu müssen. Da sitze ich in meinem kleinen Dachstübchen voll Liebesträumen und Liebessehnsucht, und dort draussen sind holde Mädchengeschöpfe ohne Zahl, voll Reiz und Anmuth. Warum kann mich eine von ihnen nicht lieben? Warum gehen sie achtlos an mir vorbei?" Und er träumt von einem neuen, freien Leben, fern von seinem Volke, fern von der Cultur, von einem Lehen zu zweien, er und sie., wie Adam und Eva vor dem Sündenfall. Ihm ist es, wie wenn er nie gelernt und nie gebetet hätte. Und der über allen thronende Gott offenbart sich ihm jetzt in greifbarer Unmittelbarkeit, in seinem eigenen Innern und in allem, was ihn umgibt. Die Baumzweige verrathen ihm das Geheimnis Gottes, und aus den Bächen und Wäldern erklingt ihm der Wiederhall der „Schechina" („Machnajim"'). Das sind die wesentlichsten Elemente, aus denen sich Berdyczewskis Dichtung zusammensetzt. Es ist Ichdichtung, lauter Erlebtes. Berdyczewskis Gestalten sind plastisch und greifbar, wie aus Marmor herausgemeisselt. Er hat einen sicheren, eindringenden Blick, der ohne Umwege das Wesentliche erfasst. Und er ist ein Plastiker der Seele. Er besitzt im hohen Grade die seltene Kunst, unbewusste und halbbewusste Seelenvorgänge mit somnambuler Sicherheit zu empfinden und zu zeichnen. Seine künstlerische. Domäne ist die Schwelle des Bewusstseins« die Dämmerungen der Seele. Aber seine Phantasie ist vorwiegend reproducierend, fast nie schöpferisch. Darin liegt seine Schwäche. Er ist kein intuitiver Künstler, der fremde Schicksale wiedererleben kann. Er kann nur sich selbst dichten. Auch sein „Sefer Chassidim", diese herrliche poetische Verlebendigung der chassidistischen Gefühlswelt, ist aus seinem Innern herausgewachsen, aus den tiefsten Erlebnissen seiner Jugend. Wo er es aber mit anderem versucht, scheitert er kläglich. Seine Novellensammlung „Meiri Haktanah" („Aus meiner kleinen Stadt") enthält unbeholfene Kriteleien eines Dilettanten, die ein Schriftsteller, der sich achtet, gar nicht hätte wagen sollen, seinem Publicum vorzusetzen. Hier ist eben die Grenze seines Könnens. Die Gedankenelemente, die wir in den Novellen gefunden, hat Bredyezewski in einer Reihe publicistischer Aufsätze theoretisch begründet und ausgebaut, welche sehr viel Lärm verursacht haben und welche ich in einem besonderen Aufsatze eingehend analysieren will. Schon deshalb, weil ich zu diesem Ideencomplex in einem gewissen persönlichen Verhältnisse stehe, das von vielen Seiten falsch gedeutet wurde. So viel muss ich an dieser Stelle sagen, dass der von uns ursprünglich als gemeinsames Programm der Junghebräer proclamierte Ideencomplex (der auch zur Gründung eines literarischen Centrums „Techija" hätte führen sollen) sich in der Folge als ein gegenseitiges Missverständnis erwiesen hat. Unsere Wege giengen in dem Momente auseinander, da ich wahrnahm, dass Berdyczewski der Denker, der Programmmensch, noch nicht mit sich im reinen ist und vielleicht nie mit sich im reinen sein wird. Er ist als Denker unbeständig, launisch, reizbar, widerspruchslustig und vor allem: unfrei: Er ist nicht er selbst, er hat sich noch nicht zu sich selbst durchdrungen, ein Fremdes redet aus ihm. Er copiert Nietzsche und Maeterlinck und Tolstoi — und es wäre für ihn doch so einfach, nur Berdyczewski zu Worte kommen zu lassen. Darum kann ich den Denker Berdyczewski noch nicht so blutig ernst nehmen. Er ist wie junger Wein, der noch nicht ausgegohren. Man soll ihn doch gähren lassen! Bis er vielleicht eines Tages sich frei macht von den fremden Redensarten, die ihn heute beherrschen und er uns in seiner eigenen Sprache sagen kann, was er will. Ich für meinen Theil kann ihn heute nur als Künstler gemessen. Ich finde, dass er mit seinem radicalen Kraftmeierthum wie mit Fangbällen spielt. Es bereitet ihm eine Teufelsfreude, die