Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 49 (6.12.1901)
- Article
- Zwei Junghebräer
- Date
- 1901-12-06
- Page
- 19 (sequence 2)
- Language
- German
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— 19 — stutzen" will. Naehman steüt sich von vornherein ausserhalb des Religionsgesetzes Er ist unglücklich, „einem Volke anzugehören, das nichts in der Welt hat, ausser dem Religionsgetze", er, der „darnach lechze, ein freier Mann zu sein, der andere Lebensziele hat, als für oder gegen das Religionsgesetz zu kämpfen". Für den Bet-Hamidrasch-Liberalismus, welcher glaubte, das Judenthum durch die „Erlaubnis für den Gebrauch von Erbsen am Osterfeiertage, oder mit der Bekämpfung des Teufelsurid Engelsaberglaubens" retten zu können, hat Naehman nur ein mitleidiges Lächeln. Sein Ziel ist unendlich höher. Nicht an die Auswüchse legt er Hand an, sondern an die Grundlagen : Der Neubau des Judenthums muss an den Fundamenten beginnen. Sein Hass gilt dem Buche — nicht irgendeinem bestimmten Buche, aber dem Buche an sich! — das unser Leben gemordet und uns zu Sclaven des Wortes gemacht, sein Hass gilt dem altjüdischen Lehrhaus, dem Bet-Hamidrasch, das ihm als Gefängnis des jüdischen Volkes erscheint. Er kann sich nicht damit begnügen, Erbsen am Os'erfeierlage efsen zu dürfen, er will leben, frei und froh und voll und ganz. „Ich will kein Grabhüter sein, kein Soldat dieser sonderbaren gesetzeshütenden Armee — leben will ich, leben wie alle Menschen, ich will nicht lebendig begraben sein, wie alle, die um mich herum." Und eines Morgens, da erwachte er ohne Gott. An diesem Tage hat er sein Gebet nicht verrichtet und die Gebetriemen nicht angelegt. Er fühlt, dass zwischen ihm und den Seinigen eine Kluft sich aufgethan, die unüberbrückbar ist. Und doch ist sein Platz drinnen, in ihrer Mitte, an ihrer Spitze. „Doch nein, er ist ein Verräther, er ist nicht foitgegangen, er ist davongelaufen. Nein, er ist nicht freigeworden, er ist aus dem Lager der Besiegten ins Lager des Siegers desertiert. Aber das ist nicht die wahre Freiheit! Jenes zusammengehaltene Jammerhaus, aus dem er geflohen — es ist sein Haus; die drin ihr unglückliches Dasein fristen — es sind seine Brüder; und dieses neue, reiche Haus, in das er eingebrochen — es ist ihm fremd. Nein, das kann nicht die Lösung der rage sein! . . . Ich will zurück zu meinem Volke, ich will sein Heerführer sein! Aber nicht, um Jozef Israels : David und Saul. die Trümmer zu bewachen, wie es mein Vater gewollt .. . Das Volk wird mit seiner grossen Kraft weitergehen und wird sich seinen eigenen Platz in der grossen Menschheitsfamilie wieder erobern.* „L'on" ist ein durchaus erlebtes Buch, es ist nichts von Literatur darin. Es spricht aus ihm eine menschliche Tragödie, die in dieser Form und in diesen Zusammenhängen nur in der Judengasse möglich ist. Es ist die Tragödie des fielen Gedankens, der sich in die unfreie Judengasse verirrt hat, und bisweilen ist es der ringende Menschei.geist selbst, der die Ketten zerreissen will und sich dabei selber in Stücke reisst. Es ist die alte Tragödie des Gedankens, die immer neu bleibt, die Tragödie Acostas und Achers. Und Naehman ist die neujüdische Verkörperung jener unglücklichen Gottsucher, die ihren alten Gott verloren und im wonnigen Beben der Götterdämmerung die Offenbarung des neuen Gottes erwarten, dieweil ein gottloses Leben finster ist und leer und ärger als der Tod. Und wie aus „l/on", so spricht auch aus den anderen wenigen kleinen Arbeiten, die uns Feierberg in den zwei Jahren seines literarischen Schaffens geschenkt, stets dieselbe ganze, einheitliche, sich immer gleichbleibende Persönlichkeit, derselbe ringende, suchende Geist Feierbergs: ob er unser Mitleid für sein Lieblingskalo mit erquickender Frische wachruft („Haegel"), oder ob er mit dem Schatten des Beth-Hamidraseh in den Dämmerstunden, die seine Wonne sind, trauliche Zwiesprache hält („Zil'Ie Lail"). Was er geschrieben, ist nicht literarisch gemacht, nicht diesem oder jenem abgeguckt — es sind Bekenntnisse einer grossen, wachsenden Seele, es ist er, Feierberg, selbst, Leben von seinem Leben und das rothe, warme Blut, das durch seine Adern rinnt; es ist seine grosse schöne Seele selbst, die, entblösst von ihrer Hülle, nackt und rein vor uns dasteht. Und über allem, was er geschrieben, ist ein tiefer, echter Weltschmerz ausgegossen und etwas wie ein Hauch der Ewigkeit. Und aus seinen einfachen Sätzen erwächst langsam eine grosse, traurige Schönheit, eine weiche, süsse Melancholie, die uns anmuthet wie ein fernes Märchen und wie die Vorahnung jener grossen, reichen, ausgewachsenen Kunst, die uns Feierberg noch hätte schenken können ... ' III. Und von diesem frischen Grabhügel weg wendet sich unser Auge dem überlebenden Zwillingsbruder zu, dem Zukunftsreichen, in dessen Seele auch ein gut Stück von der Seele Feierbergs fortlebt, dem vielgeliebten und vielgehassten Micha Josef Berdyc z e w s k i. Sein Erscheinen in unserer Literatur war nicht ein plötzliches, meteorartiges Aufleuchten, wie wir es bei Feierberg gesehen: nur allmählich, durch kampfreiche innere und äussere Wandlungen hindurch, brach er sich seine Bahn, deren Ziel er noch nicht erreicht hat. Noch immer ringt er leidenschaftlich und heftig, einer gegen viele, mit der Kraft und Beharrlichkeit des Einsamen. Ich habe Berdyczewski vor mehr als acht Jahren in Berlin in einer Versammlung russisch-jüdischer Studenten zum treten-