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Die Welt · 1901-12-06 · 49 (6.12.1901) · p. 21

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
49 (6.12.1901)
Article
Zwei Junghebräer
Date
1901-12-06
Page
21 (sequence 4)
Language
German
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— äi — Vialzuvielen ■durch seine unmotivierten Paradoxe zu ärgern. Das kann ich ihm nicht verzeihen. Er übertreibt wissentlich., er kokettiert mit Originalität, er ziert sich wie ein literarischer Geck. Wenn ich ihn lese, habe ich oft das Gefühl, einen Menschen vor mir zu sehen, der sich mit Absicht seine Cravatte nach hinten bindet, um seine Mitmenschen zu reizen. Dazu aber sind wir und er zu gut. Ich habe ja nichts dagegen, dass er Götzen stürzt und Legenden zerstört — aber er soll es mit Ernst und Pietät thun und mit der tiefen Wehnrath, die uns alle erfüllen muss, wenn wir Altgeheiligtes zusammenstürzen sehen. IV. Berdyczewski und Feierberg gehören zusammen, weil ihre Tragik und ihr Zorn, ihr Schmerz und ihre Melancholie aus demselben Boden herauswachsen. Wir haben sie — Avenn auch nur flüchtig — in ihren Werkstätten aufgesucht, haben sie bei der Arbeit gesehen und ihre Triebkräfte und Liebe erkannt. Und wir konnten auch die Elemente wahrnehmen, durch die sie sich voneinander unterscheiden. Feierbergs Seele ist einheitlicher, ausgeglichener, sein Ziel bestimmter; Berdyczewski ist zerrissen, compliciert, mit einer vagen, undefinierbaren Sehnsucht. Aus Feierberg spricht Wohlwollen, aus Berdyczewski Zorn. Feierberg leidet am Judenthum und mit zärtlicher Hand will er es in hellere, freiere, glücklichere Bahnen hinausführen; Berdyczewski wirft seinem Volke den Fehdehandschuh hin, voll Gram und Un: willen. Feierberg sagt zu seinem Volke: Kommt, Brüder, wir wollen hinaus, so kann es nicht weiter gehen. Berdyczewski aber sagt zu ihm: Hier bin ich. einer gegen alle, und erkläre Euch den Krieg. Und noch eines, das ich sehr hoch anschlage: Feierberg ist, was er ist, aus sich selbst heraus; aus der Urtiefe seines Wesens heraus quellen seine Klagen und seine Fragen, seine Bejahungen und seine Verneinungen. Berdyczewski hat zu viel gelesen; die fremden Einflüsse haben seiner Eigenentwicklung merklichen Schaden zugefügt. Diesen Gegenseiten ihrer Natur gab Feierberg in einem scharfen Manifeste öffentlichen Ausdruck, das er einige Wochen vor seinem Tode, mit der Geberde eines Heerführers, die er sich stets gewünscht, in die Welt schleuderte. Feierberg erklärt hier im Namen der ostjüdischen Jugend Berdyczewski und seinen Tendenzen den Krieg bis aufs Messer. Er stellt sich an die Spitze einer kämpfenden Schar, um der von Berdyczewski und mir in jenen Tagen angekündigten literarischen „Revolution" den Garaus zu machen. Er und die Seinigen wollen das Ziel durch natürliche Wefterentwickelung erreichen. Also: Jugend gegen Jugend, Evolution gegen Revolution! Aber der diese Kriegserklärung geschrieben, war ein sterbender Mann, und der angekündigte Waffengang hat nicht stattgefunden. Dieser Waffen gang aber kann nicht ausbleiben. Er wird und muss kommen. Und es wird ein spannender, schöpferischer Kampf sein, dieser Kampf zweier Jugenden, die beide mit dem Gestern gebrochen und beide, auf vorgeschriebenen Wegen, mit geschwellter Brust dem neuen Morgen entgegengehen. Stimmen in der Herbstnacht. Stimme des Unsichtbaren an J e s c Ii u r u n : Ich lasse die gestirnte Nacht Glückstrahlend Dir zu Füssen fallen Und Deiner Dämmergluten Heimweh Mit traumverzückten Zungen lallen. Ich lasse leuchten diese Nacht Den Säulenbrand im fernen Osten, Dein Banner flattern zu dem Lichtsee Der Paradiesesfeuerpfosten.--- Stimme des Sehers zu den Scharen: So spricht der Herr: Mein Jugendtrau m Sprüht aus der Nacht des Sterne nfa lies! — Entblössst den Fuss, bedeckt die Häupter, Legt an die Tfillin und den Talles . . . Und neigt Euch, wie sich neigt die Steppe, Wenn Er mit lauer Meeresbrise Den Blütensamen schwärmen lässt Nach dem verlorenen Paradiese! — — Stimme der untergehenden Welt: Wie wenn die Todten aufersteh'n, Hallt es von tief versunkenen Glocken — Wie wenn ich müsste untergeh'n, Wimmelts von Sternenschimmerflocken . . . Es slockt des Blutes Wirbelgang Von diesen Wundern, die mich trafen, Ich bin erschüttert, wirr und krank — 0, dass ich ruhig könnte schlafen! Stimme der aufgehenden Welt: Erwache, Zeit! Erwache, Raum! Es schallen längst verscholl'ne Hörner — Es ist erträumt der Herbstnachtlraum Vom Erdenheil der Samenkörner! Entblödst den Fuss in Morgenroth Und werft Euch hin am Sonnenherde — Es fliesse Milch, es spriesse Brot Aus brennend heiss geküsster Erde! . . . Dem Freunde Oswald Klugmann — Wien. Anselm Lutwak, Acher. (Skizze zu einem Romancapitel.) Von Ignaz Jezower. Es wurde von allen Acher genannt. Und das kam so. — — — Man wollte die kränkelnde Basche L^ie zerstreuen. Es wurden Pläne entworfen, man dachte an Ueberraschungen. „Vielleicht spielen wir Theater?" meinte Bertha, die ihrer Schwiegermutter Neigungen kannte, und der alte Salomon — obwohl er diese Art Vergnügungen nicht gerne sah — gab seine Zustimmung. „Basche Leie soll ihre Freude haben," sagte er. Rebeka, die andere Schwiegertochter, erbot sich, Costüme zu nähen. Ein weisses Gaze-Kleidchen mit einem rothen Unterrock. Halbärmeln, und das ganze mit weissrothen Bändern und goldener Borte geschmückt. Sie habe ein ähnliches Kleid im letzten Modejournal gesehen, sehr einfach und billig. „Alles Zubehör ist ja doch da," schwatzte sie, und war ganz entzückt, wieder etwas zu nähen, denn Kleider liebte sie über alles, und die Gelegenheit konnte sie sich nicht entgehen lassen. Man wusste zwar nicht, was man spielen wei de, aber sie hatte schon ein anderes Kleid, das sie noch machen würde, fast ohne jede Kosten und noch schöner. Wer aber von Costümen nichts wissen wollte, das war Salomon, und man musste sich fügen.-- Bertha, von der Salomon immer sagte, sie habe Bildung in die Familie gebracht, die. man in den ersten Jahren der Ehe „das Grossstadtfräulein" höhnte und sie nicht ohne Ironie auch später „die Krakauerin" nannte, sollte ein Stück wählen, die Rollen mit den Kindern lernen und alles in Scene setzen. Wenn sie jetzt spät abends aus dem Geschäfte kam, las sie öfter als früher, manchmal trotz ihrer Müdigkeit bis in die tiefe Nacht hinein, denn sie nahm alles ernst, gewichtig und ganz. Bei einer Theatervorstellung kann man erzieherisch wirken, dachte sie, und das war für sie bestimmender als das Vergnügen der Schwiegermutter. Sie hatte nicht ohne Nutzen Schillers Prosa gelesen . . . Und was hatte sie selbst nicht im Theater gelernt. Dort hörte sie Shakespeare. Schiller, Kotzebue, Fredro und die neuen Stücke: „Die Tochter Rolands", „Das besiegte Rom", „Les Fourchambaults". Die besten Schauspieler gaben ihre Rollen in wohlklingender Modulation, schöner Bewegung, der Rychter, Ladnowski, Benda, Davisohn, die Halpert, Aszperger, Ecker; sie kannte sie alle, wie oft hatten sie sie entzückt, sie hingerissen, sie zu Thränen gerührt . . , Dann kamen in der kleinen Stadt mit der Ehe Pflichten und Arbeit, und nur die Erinnerungen blieben. Sie musste bei der Wahl des Stückes mit ihrem Publicum rechnen. Basche Leie verstand nicht viel, aber sie liebte die „Komödie", grosse, rührselige Worte gefielen ihr, Gegensätze, die ein Auge nass machten, aber sich bald zu komischen Situationen zuspitzten und Lachen weckten. Die anderen wollten Gesang, vielleicht würde Salomon bei dieser Gelegenheit sogar den Tanz erlauben, sagten sie zu Bertha, und das war für sie das Höchste . . . Jugendeindrücke stürmten auf Bertha ein, als sie den „Uriel Acosta" wieder las. Davisohn hatte sie einst als Uriel gesehen. Und wie Judith hielt sie selbst zum Lehrer, znm Mann-Bekenner, der widerrufen sollte, auch in ihre Lippen jagte der Zorn die Welle des Blutes heisser, sie

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