Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 49 (6.12.1901)
- Article
- Die commerzielle Zukunft Palästinas
- Date
- 1901-12-06
- Page
- 6 (sequence 4)
- Language
- German
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das Zuckerrohr könnte in das Jordanthal wieder zurückgeholt werden, und Kampher zu den Abhängen des Engedi. Zucker Hesse sich aus den Feigen des wilden Cactus bereiten. Die Ruinen von Zuckerfabriken zeigen, dass die kreuzfahrenden Christen denselben mit Erfolg cultivierten. Das Zuckerrohr gedieh im Jordanthale. Die Oliven, welche durch den rohen Process der Oelgewinnung hall) vergeudet werden, könnten wissenschaftlieh behandelt, und aus dem Abfall könnte Seife bereitet werden. Häute werden jetzt nach Frankreich ausgeführt und als Sattelzeug usw. Mieder eingeführt, wobei zweimal acht Percent für Zoll bezahlt werden. Dieses Leder könnte im Lande bereitet werden. Minerale. Dann gibt es Mineral schätze,, nämlich die von neu entdeckten Ablagerungen an beiden Ufern des Jordan und des Todten Meeres. „Die Salzablagerungen des Todten Meeres könnten zu einer Industrie entwickelt werden," sagt ein deutscher Ingenieur. Dann haben wir die Bitumenquellen von Nelic Musa, welche 30 bis 40 Percent Asphalt enthalten; wir haben grosse Mengen Petroleum; aber die wichtigste Ablagerung ist das Phosphat. „Das Todte Meer ist eine Fundgrube von unerforschtem Reichthum/' sagte Lawrence Oliphant vor 22 Jahren. Und jetzt entdeckt unser deutscher Ingenieur, dass die ungeheuren Phosphatfelder östlich und westlich vom Jordan nur besserer Verkehrswege und Mittel bedürfen, um deren Entwicklung zu sichern. Eandels-Hindemisse. Ach ja, hier ist des Pudels Kern. Die grossen Hindernisse der commerziellen Zukunft Palästinas sind der fast vollständige Mangel an Strassen, Eisenbahnen, Häfen und Wasserkraft. Aber auch hier bemerken wir eine sprungweise Entwicklung. Vor zehn Jahren waren noch thatsächlich keine Strassen. Jetzt gibt es deren ein halbes Dutzend. Die vielversprechendste Strasse, die jetzt im Baue begriffen ist, im Jahre 1900 erst begonnen, ist die zwischen Jerusalem und Nabulus, eine Verkehrsstrasse, welche trotz des riesigen Verkehrs seit Jahrhunderten bloss ein Kameelpfad gewesen ist. Sie wurde bereits bis Bireha circa &9 Meilen, bei einer äussersten Breite von i19 Fuss 6 Zoll, zum Vertragspreise von 500 Pfund ausgebaut. Es fanden sich bloss zwei Bietende, beide Armenier, was anzudeuten »cheint, dass der Armenier denn doch aus dem Türken etwas herauskriegt. Mohammedaner lassen sich nicht in solche Arbeiten ein. Eisenbahnen. Was Eisenbahnen anbelangt, haben wir die J a f f aJ e r. u - s a 1 e m - B a. h n , die französische Beyrut-Dämascus- L i n i e, während eine protegierte britische Linie, sofern nicht die opponierende französische Linie Erfolg hat, eine Verbindung mit dem Persischen Meerbusen herstellen wird^ indem sie das Thal des Euphrat und Tigris, das reichste der WTelt, erschliesst. Dann haben wir das Project des Sultans einer Eisenbahn von Damascus nach dem heiligen Mekka, für welche die Mohammedaner überall Beiträge zeichnen, und für welche eine belgische Firma bereits einen Vertrag für Lieferung von Schienen besitzt. Die russischen Bahnen, welche Nord-Persien beinahe tangieren und welche bereits durch Persien geplant sind, müssen zum Schlüsse Zweiglinien zum Anschlüsse an die asiatisch-türkischen aussenden. Mit zahlreichen internen Eisenbahnen in Palästina würden die zerstreuten Dörfer wieder Städte werden. Fruchtbarheit. Einige Theile Palästinas sind noch überraschend fruchtbar und haben ohne Hilfe dieselben Ernten seit 40 Jahrhunderten getragen. Canon Tristram . welcher für die Colonisation des reichen Brachlandes von Moab sich einsetzte, berichtete, dass die alten Eeservoirs und Wasserleitungen dort noch thatsächlich unheeinträchtigt sind. Laurence Oliphant, für dessen jüdische Colonisationspläne der damalige Prinz von \VTales, sowie auch die Prinzessin Christian sich interessierten, war entzückt von dem Lande Gilead, dem subtropischen Lande östlich vom Jordan, dessen heisse Quellen Callirrhoe und dessen romantische Scenerie einen Curort zieren würden. Die gesammte Ebene von Scharon scheint, nach Thompson, einen, riesigen unterirdischen Fluss zu überdecken und diese unerschöpfliche Quelle des Reicht-hums bildet der Grund für das ganze Territorium der Philistiner. Aber auch die kahleren Theile lassen sich exploitieren. Mit dem Aufforsten, mit dem Wiederbebauen der Hügelterrassen, der Anbauung von Eucalyptus-Bäumen in den morastigen Gegenden, um dem Fieber Einhalt zu thun, und der vollständigen Instandsetzung des Wasserleitungs- und Cysternensystems, mit dem Baue von Strassen, Eisenbahnen und Häfen — Jaffa kann man sich nur in kleinen Booten nähern — und endlich mit der Verbesserung der Gesetze und der Ordnung, würde Palästina seine alte Prosperität wiedererlangen und, Vortheil ziehend, aus seiner centralen Lage, wieder zum Hauptmarkte der Levante werden. Aber doch ist das verheissene Land noch ein Land der Verheissung. Denn zu dieser Entwicklung sind zwei Factoren nöthig, Arbeitekraft und Capital. Wo sollen diese herkommen? Mangel an Arbeitskraft. Selbst wenn das Capital vorhanden wäre, so wissen wir alle, wie der Mangel an Arbeitskraft die Entwicklung] selbst solcher Gebiete wie Canada oder Rhodesia hemmt. Palästina besitzt nur eine kleine Bevölkerung von Arabern und Fellajis und wandernden, gesetzlosen, räuberischen Beduinenstämmen. Ist es da wahrscheinlich, dass Arbeitskräfte in ausreichender Menge nach Palästina angezogen würden? Ja, es gibt ein Volk, für dessen Massen Palästina das einzige anziehende Land ist, ein Volk, so niedergebeugt durch jahrhundertelanges Leiden, dass es nur ein Gebiet verlangt, um darin zu arbeiten, um seine eigene Geschichte auszuarbeiten, bewahrt vor den fürchterlichen Verfolgungen, welche seit Jahrhunderten sein Los waren. Jetzt oder nie kann es wieder in den Besitz seines Eigenthums kommen, denn bald wh*cL Palästina, welches seit so vielen Jahrhunderten ,jzu vermieten" war, diese Ankündigtingstafel herabnehmen, und die Gelegenheit, das alte Land und das alte Volk durch einen und denselben Process zu regenerieren, wird für immer verloren sein. Ich habe den Zustand des Lndes skizziert, darf ich um Ihre Geduld bitten, um kurz den Zustand des Volkes zu beschreiben? Vergessen Sie die reichen Juden der grossen Städte, die Sie vielleicht kennen, und denken Sie an die jüdischen Massen. Die gesammte jüdische Bevölkerung der Welt ist II1/* Millionen. Von diesen befinden sich 6 Millionen in Russland, d. h. bedeutend mehr als die Hälfte. Der Schwerpunkt des jüdischen Volkes ist daher in. Russland. Das Grenzgebiet. Ich vermeide absichtlich jüdische Zeugen. Es befand sich aber als Gast Seiner Majestät in Sandringham Prinz Demi d off de San-Donato, der selbst, als grosser Arbeitgeber in Russland, ein Buch dem Studium der jüdischen Massen gewidmet hat. An unzähligen Stellen betont er die beklagenswerte wirtschaftliche Lage, in welche die Juden zufolge ihrer künstlichen Einschliessung innerhalb ihrer Grenzen gestellt sind. Der Jude ist in bedauerlicher Weise fruchtbar. Es ist dies ein Grundsatz seiner Religion. Und so vermehrt er sich vermöge eines unvorsichtigen Vertrauens an die Vorsehung, ohne dass dieser Vermehrung ein Ausweg gestattet würde. Russland, dieses weite Festland, hemmt unheilvoll die Circulation des besten industriellen Blutes im Lande. Mit der um 10 Percent herabgegangerien, rubelkaufenden Kraft vermehrte sich die hungerleidende Bevölkerung, welche sich von den Ernten nährt, um 10 Percent. Russland selbst ist ein Land von Pfründnern. Wie schrecklich also müss es sein, ein Pfründner der Pfründner zu;sein, ein Jude! Das Grenzgebiet ist schon das am meisten bevölkerte Gebiet. WÜhrend die durchschnittliche Bevölkerung per Quadratmeile in Russand fünfzehn Personen beträgt, gibt es in gewissen Provinzen des Grenzgebietes 2730 Juden auf die Quadratmeile. Nach den Maigesetzen des Ja*hres 18S2 wurden 50 000 Juden aus den Dörfern in die Städte zurückgetrieben und dort wird das Volk eingepfercht, wie Professor Mandelstamm sich ausdrückt, „wie das stumme Thier Mephistos, welches vom bösen Geiste m einem Kreise von unfruchtbarem Land herumgeführt wird, während ringsherum herrliche grüne Weiden blühen." Und dort verrostet die KörperbeschafTenheit der Rasse, und aus dem Juden wird nichts als „Haut, Knochen und Gehirn"'. Natürlich gibt es hingegen eine behagliche Minderzahl von Millionären, Fabrikanten und Berufs¬ und Handelsleuten^ aber die überwältigende Mehrzahl besteht aus kleinen Geschäftsleuten, deren Einnahmen kaum die Steuern decken, Handwerkern, Fabriksarbeitern und solchen, die alle erdenklichen kleinen Verrichtungen auszuführen suchen. Kurz, die hemmenden Gesetze, welche die wirtschaftliche und geistige Thätigkeit lähmen, der Fanatismus der Bevölkerung, die ihr eigenes Elend an den ärmeren Nachbarn rächen, die feindseligen Massnahmen, die Krisen des Müssiggangs, der Hungersnoth, machen das Leben der russischen Juden unerträglich. Daher die riesige Auswanderung nach den Vereinigten Staaten und anderen Ländern. Seit 19 Jahren haben 800 000 Juden Russland verlassen. Hier also ist eine unendliche Arbeitskraft, welche Pa* lästina regenerieren könnte. Lasst uns kurz ein anderes Beipsiel betrachten: Rumänien. Es sind künstliche Factoren, die fast ganz für die schrecklichen Zustände in Rumänien verantwortlich sind. Der Agent der ,;AUiance IsraeTite", gibt uns herzzerreissende Schilderungen. Erlauben Sie mir, etwas aus den Privatbriefen eines englischen Ingenieurs zu citieren: 1 „Unser Kutscher hatte viel von den rumänischen Bauern zu leiden, welche ihm weder Heu noch Korn für die Pferde verkaufen wollten, bis wir darauf bestanden. In der That lebte ein rumänisch-jüdischer Ingenieur eine volle Woche von Zwiebeln und Nüssen, da er nichts anderes im Pruth-Thale bekommen konnte, weil ihm die Bauern nichts verkaufen wollten. Wir verwendeten stets Juden, da sie die ehrenvollsten und arbeitsamsten der beiden waren, abgesehen von den Spraehkennt-