Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 49 (6.12.1901)
- Article
- Die commerzielle Zukunft Palästinas
- Date
- 1901-12-06
- Page
- 7 (sequence 5)
- Language
- German
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nissen, denn alle rumänischen Juden sprechen etwas Deutsch, gemischt mit dem jüdischen Dialect." Die Juden versehen die meiste Arheit und den meisten Handel, sagt derselbe Verfasser am 12. November 1901. Schon im Jahre 1879 schrieb einl!öomite rumänischer Juden: „Unsere Erduldungskraft ist erschöpft Li— lasst uns da9 Land verlassen und nach Palästina wandern." Atiswanderung gen Zion. Das also ist die willige und geduldige Arbeitskraft, welche auf das magische Schlagwort „Auf nach Zion" wartet. Billiger als Kulis oder Chinesen — denn welch anderes Volk würde nach einem zugrunde gerichteten Lande hinströmen und einen Theil ihrer Löhne in religiöser Gefühlsbewegung annehmen? Und muht nur ist diese Arbeitskraft für Palästina dienstbar, sondern es wird ihr j-eder andere Ausweg alimählich verschlossen. Sogar jene berühmte Statue der Freiheit im Hafen von New-York beginnt über die jüdischen Einwanderer die Stirne zu runzeln, auch England, welches zu betreten frei sein bedeutet., wird bereits unruhig über die Ueberfüllung und die überspannten Mieten im Ost-Ende von London. Es ist als ob der Finger der Vorsehung nochmals nach Palästina deutete. Wie sollen die Juden Englands dieses neue Problem lösen, ausser dadurch, dass sie den Strom der Einwanderer zionwärts ablenken? Palästina ist zwar klein, doch — und ich glaube, dass das ein neuer Gesichtspunkt ist — es ist ein hügeliges Land, dessen Abhänge bebaut und bewohnt werden können, und ist daher wirklich viel grösser als sein nomineller Flächenraum, gerade so wie New-York mit seinen himmelragenden Gebäuden weit grösser als Manhattan Island. Ja, das Land ist gut genug. Ist auch die Arbeit gut genug? „Gebet ihr Lebenslauf.*' Die gegenwärtigen Juden Palästinas sind zufrieden, so lange sie sich nur mit Beten durchbringen können. Können Juden Landbebauer werden? Sind nicht die Colonien des Baron Rothschild und des Baron Hirsch misslungen? Wie werden, die Juden leben, wenn sie nach Palästina kommen? Diese und zahllose andere Bedenken werden von den sogenannten praktischen .Juden erhoben, die mich an eine bekannte alte Dame erinnern, welche seit Jahren auf der Wohnungssuche ist., und die nie etwas Passendes finden kann, weil, die Häuser stets so schmutzig und uneingerichtet sind, oder weil Arbeiter immer herumstehen. Sie kann sich die leeren Wohnungen nicht als ausgeputzt und eingerichtet, und nicht von Tapezierern sondern von ihrer eigenen Familie bevölkert vorstellen. Die betenden Jiiüen werden ..durch Juden ergänzt werden, denen die Arbeit Gebet bedeutet. Wenn die bisherigen landwirtschaftlichen Niederlasungen misslangen, so ist es, weil die Millionen in idealistisch unpraktischer Weise ausgegeben wurden. Es wurde der Versuch gemacht, ohne Bücksicht auf alles andere eine besondere Species, den jüdischen Bauer, zu erzeugen. Die Schaffung von Pfründnerthum ist keine 'Neu-Er Schaffung. Die Colonien des Baron Hirsch wurden weit von Eisenbahnen, Wasser und Märkten hin verlegt. Wie die landwirtschaftlichen Producte verkauft werden sollten, schien niemand zu erwägen. Baron Edmonü de Rothschild und Baron Hirsch haben mehr als hundert Millionen Francs ausgegeben bei ihren Versuchen, lebende Bilder von jüdischen Bauern hervorzuzaubern. Diese edelgesinnten Barone sind die grössten Kunstmäcene, welche die Welt je gesehen hat. Dann wurden sie natürlich rechts und links geplündert. Einige der Colonien hatten mehr Beamte als Arbeiter. Die Colonien brauchten sich nicht auf ihre eigenen Bemühungen zu verlassen. Die Schaffung von Pfründnern, wTie grossartig sie auch, immer durchgeführt ward, kann niemals eine Neu- Erschaffung sein. So ist plötzlich an alle Colonien der Befehl ergangenx Rosen anzubauen und Rosenöl zu produeieren. Die kostspieligsten Maschinen wurden sofort angeschafft, aber wo sind jetzt diese Rosen?. Wenn diese Parfum-Erzeuger so angefangen hätten, wie die bulgarischen Bauern, mit einem kleinen Kessel, der etwa 3 oder 4 Pf. St. kostet, so würden sie vielleicht allmählich Erfolg erzielt haben. Die Zionisten haben keinen so idyllischen Traum von einer jüdischen Bauernbevölkerung. Wenn es auch eine verhältnismässige Anzahl von. Landbebauern geben muss, und obgleich in vielen Theilen der Erde die Juden in der Agricultur Erfolg hatten, so wird dennoch die Zukunft der Juden nicht ausschliesslich die eines Hirtenvolkes sein. Der Bauer war stets die Zielscheibe des Spottes für den Städter. Jetzt wird der Jude, der seit Generationen ein Städter ist, aufgefordert, zu dem Niveau eines Bauern herabzusinken, dessen Poesie mehr das Auge des gebildeten Beobachters als ihn selbst berührt. Der Zionismus beabsichtigt, meiner Ansicht nach, weder Bauern noch Pfründner zu schaffen, sondern einem Volke als Ganzes durch die Regeneration des Landes und die Schaffung von Industrien und Eisenbahnen beizustehen, und dass diese auf die Dauer sich selbst bezahlen. In Aegypten haben die grossen technischen Werke Sir William Garetins die Baumwoll-Ernte bereits verdoppelt. Die Auslage war sieben Millionen Pfund Sterling, aber der jährliche Gewinn ist fünf Millionen. Finanzielles. Aber woher soll das Capital zur Schaffung solcher Dinge in Palästina kommen? Hier ist unsere letzte — leider nicht unsere geringste — Frage. Ich kann dem nicht-jüdischen Capitalisten nicht empfehlen, seine Millionen an dem gigantischen Unternehmen, Palästina zu exploitieren, festzurennen. Die einzig mögliche Methode ist die. einer riesigen Nationalsteuer der Kinder Israels. Denn gerade so wie Palästina nur durch jüdische Arbeitskraft nutzbar gemacht werden kann, so kann nur eine jüdische privilegierte Gesellschaft, die bereit ist, ihre Zinsen in religiösem und Rassen-Gefühl und in der Freude an dem Heile eines Volkes entgegenzunehmen, eine zufriedenstellende Dividende auf viele Jahre hinaus erklären. Diese Subscription. ist schon über das Stadium der Phantasie hinausgelangt. Gehen Sie die Walbrookstrasse entlang, an der Thür vorbei, durch welche sie zum Bankett beim Bürgermeister gelangen, und Sie werden ein Gebäude sehen, so solid und praktisch wie ein Stadtrathsherr, mit massiven Mahagoni-Tischen und tapezierten Thüren. Das ist das Bureau der Jüdischen Colonial-Bank, sicherlich die bemerkenswerteste finanzielle Bewegung, welche die Welt gesehen hat, eine Gesellschaft mit 120 000 jüdischen Actionären, herangezogen von jedem Lande der Erde; die letzten Actien wurden von Algier, Tunis, Marokko, CuBa und Indien in Anspruch genommen. Nach etwa vier- oder fünfjähriger Agitation seitens des grossen zionistischen Führers, des Dr. H e r z 1 in Wien, wurde eine Viertel Million Pfund Sterling angehäuft, wodurch es dem Trust ermöglicht wurde, sich bereit zu erklären, die Arbeit zu beginnen. Aber ach! Wie wenig ist es im Vergleich mit den zwei Millionen, die Dr. Herzl verlangte, oder den sieben Millionen,, welche die Hirsch-Curatoren verläppern; oder verglichen mit den Millionen, weiche die jüdische Millionär-Minorität wohl imstande wäre, herzugeben. Mr. E i - der Haggard, als er nämlich das Klagen der Juden an der Tempehnauer in Jerusalem hörte, fragte: „Warum klagt Ihr, wo doch einige Eurer Financiers das ganze Land aufkaufen könnten?" Mr. P i n e ]• o hat in seinem jüngsten Drama den Einander als einen „Pfandleiher mit Phantasie" geschildert. Leider haben unsere jüdischen Pfandleiher keine Phantasie. Und so überlassen sie es alles den Armen. 75 Percent von den Actionären befinden sich in Russland — denken Sie nur, in Kussland! — ein Dutzend dieser elenden Familie steuern zusammen um eine Pfand-Actie. Von den verbleibenden 25 Percent liefert Rumänien 10 Percent. Sie sehen, gerechtfertigt bin ich, wenn ich diese beiden Länder wähle als Lieferanten des künftigen Arbeitsmarktes. Der Mensch auf der Strasse., der nicht weiss, welche Rolle die Juden in der Weltgeschichte gespielt haben, bildet sich ein, dass die Welt den .Juden nichts schuldet als Geld. Jedenfalls spricht er immer davon, dass er „zum Juden geht''! Ich fürchte, dass wir Juden jetzt werden zu den Christen gehen müssen. Nicht so sehr um ihr Geld, als um ihre Sympathie. Wir müssen an sie appellieren, wahre Christen zu sein und uns zu helfen, diese Tragödie des ewigen Juden zu endeiu Der Sultan hält mit uns — ich sage es kühn — er ist bereit, mit uns zu verhandeln und uns zu helfen — hat er nicht dem Dr. Herzl eine längere Audienz gewährt? Aber selbst wenn er uns thatsächlich unser altes Land zurückgeben würde, würden wir doch nicht die Mittel haben, es neu zu schaffen, wenn sich unsere Millionäre abseitshalten, und wenn des Baron Hirsch riesiges Vermächtnis in hunderterlei verschiedenen Richtungen verläppert wird — ein Niagara zu einer Garten-Fontaine umgewandelt. Kein Wunder, dass sich die Curatoren scheuen, eine Bilanz zu veröffentlichen. Jüdischer Erd-Hunger. Die Legende sagt, dass der ewige Jude herumwandelt, weil er Christus, der unter der Last des Kreuzes gebeugt war, verweigerte, einen Augenblick vor seiner Thür zu ruhen. Nun wendet sich der Jude, der nach seinen langen Wanderungen der Ohnmacht nahe ist, sinkend unter der Last seines Kreuzes, zu den Nachfolgern Christi. Was er verlangt, ist doch so wenig. Er verlangt nur ein klein Stückchen Erde als sein eigen,, ein Land, nicht grösser als Wales, so klein, dass es in einem Schlupfwinkel der Vereinigten Staaten versteckt werden könnte. „Gebt zurück,'' bittet er, „gebt zurück das Land ohne Volk dem Volke ohne Land.'' Denn wir haben etwas zu geben, ebenso wie zu kriegen. Wir können den Räuber wegfegen, sei er Pascha oder Beduine, wir können die Wildnis erblülien machen wie die Rose, und im Herzen der Welt eine Civilisation aufbauen, welche Vermittlerin und Dolmetsch sei zwischen dem Morgenland und dem Abendland; denn wir haben jedes Land durchwandert und sind reich an menschlicher Erfahrung. „Helft uns daher," ruft er, „in einem Project, welches glänzt wie ein Sutern über dem Morast materialistischer Politik, helft uns zu unserer nationalen Erlösung, so dass das Gesetz wieder einmal hervorgehe aus Zion, und das Wort der Rechtschaffenheit und der Gerechtigkeit aus Jerusalem."