Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 49 (6.12.1901)
- Article
- Die commerzielle Zukunft Palästinas
- Date
- 1901-12-06
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3315905-3315956-3315955-3401709--29475-3401822- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
_ 4 — Wässerung abhängig, sind verfallen, die Quellen sind versiegt, die Bäume gefällt. Araber-Weiber reissen die wenigen noch verbleibenden Aeste ab, während die Ziegen, deren Zuhaltung einige Rabbiner für ebenso ruchlos erachten als das Verbergen bewaffneter Räuber, überall herumirren und die Vegetation wegfressen; Entwaldungen haben die Regenmengen vermindert: „Denn Jehova, der Weltenherrscher, hat einen Tag über alles Stolze und Uebermüthige, und über alles Hohe, dass es erniedrigt werde; über alle hohen und erhabenen Cedern des Libanon; und über alle Eichen Basans, und über alle, hohen Berge und über alle erhabenen Hügel. Vernichten wird er die Pracht seines Waldes und seinen Karmel, und es wird sein., wie wenn ein Kranker hinstirbt. Und der Rest der Bäume seines Waldes wird gering sein, so dass ein Knabe sie aufzeichnen kann." Unter diesem Fluche hat Palästina jahrhundertelang geschlummert. Jetzt aber muss sein Schlaf enden. Die Grossmächte wachen — niefit nur Russland und Deutschland, sondern die noch grösseren Mächte des Dampfes und der Elektricität. Vor hundert Jahren konnte die „Times" mit lauter Stimme berichten: „Man beabsichtigt eine Eisenbahn durch die ganze Grafschaft Surrey zu bauen." Jetzt gibt es eine Bahn durch ganz Sibirien, und wir haben soeben das Jubiläum des unterseeischen Cabels erreicht. Kann da Palästina seinem Schicksal entgehen? Palästina, der Mittelpunkt der Erde, um welches sich Europa, Asien und Afrika gruppieren! Es bildet die östliche Küste des Mittelländischen. Meeres. Es liegt nahe am Suez-Canal, es führt zum fetten Lande von Kleinasien und zum vielumworbenen Persischen Meerbusen. Seltsamerweise scheint es bisher im asiatischen Problem übergangen zu sein. Niemals wird davon in den Annalen der Staatsmänner oder in den Leitartikeln der Zeitungen oder in Feuille-; tons Erwähnung gethan. Es ist dies umso seitsamer, als vom geschichtliehen Standpunkt Palästina stets ein begehrtes Land wrar. „Die allerersten monumentalen Nachrichten, die wir besitzen," sagt Major Conder, „zeigen uns, wie die Mächte Aegyptens und Chaldäas sich um dessen Besitz stritten." . . . Und dieser Streit zwischen den Mächten des Nordens und des Südens um den Besitz Palästinas hat seither fortgedauert, mit Intervallen der Unabhängigkeit, nachdem die Kämpfenden sich eine Zeitlang zugrunde gerichtet hatten. Von einem solchen Ereignis waren auch wir Zeuge, als es Napoleon nicht gelang, Palästina zu erobern. Wir können sicher sein, dass die Politiker sehr bald wieder zur Erkenntnis der Wichtigkeit Palästinas gelangen werden, und abermals wird dann der Kampf aufleben. Denn „die Zukunft," sagte die zweite Mrs. Tanqueray*),'„ist nur die durch, eine andere Thür eintretende Vergangenhet*t7'r Politische Complicat Ionen. Die Thatsaehe, dass die schreckliche orientalische' Frage nicht todt ist., wurde uns erst neulich durch die französisch-türkische Episode sehr lebhaft vor Augen geführt. Ich habe mich eifrig bemüht., ein klares Bild der Situation, wie sie jetzt liegt, zu gewinnen, denn mit dem Schicksal der Türkei ist die Zukunft Palästinas natürlich verquickt. Aber die Diplomaten sind im Zwiespalt und man kann sich nicht einmal auf deren Lügen verlassen. Es hat den Anschein., als ob Russland, wo nun sein schwerbeweglicher Körper endlich durch die sibirische und die transkaspische Balm vereint ist, dazu bestimmt wäre, nicht nur die Mandschurei, sondern auch den grössten Theil Mittelasiens zu absorbieren. Sobald es Persien verschlungen hat3 und Iran ist bereits für Eisenbahnen ausgemessen, wird die Türkei in sehr gefährliche Nähe gerückt sein, und die Türkei ist ihm bereits vermöge der noch unbezahlten Kriegsschuld im Pfand. Frankreich und Russland küssen einander auf beide Wangen, dennoch collidieren ihre Interessen in der Levante, wo Frankreich ein uraltes Interesse an Syrien hat, welches Land es als seinen Antheil erwartet, wenn die Zeit kommt, wo die Türkei zerlegt und zertheilt wird. Hier stehen die katholischen Missionäre und die russischen einander im Wege, und durch den russischen Einfluss sind die französischen Schulen und Institute arg mitgenommen worden. Daher rühren die jüngsten Forderungen Frankreichs an die Pforte. Deutschland, welches dem britischen Consul zufolge das einzige Land ist, das einen ernsten Versuch macht, seinen Handel in Palästina und im Persischen Meerbusen zu urgieren, hat bereits dem Anspruch Frankreichs, der Beschützer der Christen im*' Orient zu sein, erfolgreich die Spitze geboten. England ist ihm als Gegengewicht gegenüber Russland nothwendig. Deutschland versuchte aus den jüngsten Wirrnissen Capital zu schlagen, und durch die Anleihe von vier Millionen die Concession der Bagdad- Eisenbahn den Händen Frankreichs zu entwinden Oesterreich, selbst vom Panslavismus bedroht, droht seinerseits auf der Autonomie Macedoniens zu bestehen, wo die Herrschaft des Sultans eine bloss nominelle sein soll; inzwischen er- *) Die Hauptperson eines Schauspiels des englischen Dramatikers Pinero. (Anm. d. Red.) hebt Oesterreich grosse Anforderungen bezüglich Compcnsätionen und Gründung von Schulen und Instituten. Der Sultan hat aber eine grosse Achtung für den Kaiser von Oesterreich und kommt ihm nach besten Kräften entgegen. Das aus dem Spiel gelassene Italien verfünffacht ruhig seine Sehifffahrt nach Palästina'1 und führt eine Danipferlinie ein, während Belgien das Monopol der persischen Zölle übernimmt und seine Beamten in den Haupthäfen des Persischen . Meerbusens einsetzt. England würde thatsächlich der beste Verbündete der Türkei gegen das allumfassende Vorrücken Russlands sein, denn sollten die heiligen Städte des Islams jemals in die Hände. Russlands fallen, so würden Indien und Aegypten von dem Einflüsse bedroht werden, den Russland auf diese Weise über die fünfzig Millionen Muselmänner Indiens und die zehn Millionen Aegyptens erlangen würde. England liebäugelt daher mit der Türkei; aber Abdul Hamid hegt einen unvernünftigen Hass gegen England und zieht vor, passiv zu bleiben und nichts dreinzureden. Was mich betrifft, kann ich als englischer Mitbürger sagen, dass es kein Land gibt, unter dessen Einflusssphäre ich Palästina lieber fallen sehen möchte als unter die Englands, und die Warnung des Laurence Oliphant vom Jahre 1880 ist noch zeitgemäss: „Die politischen Ereignisse im Orient haben sich derart gestaltet, dass Palästina und insbesondere die Provinzen östlich vom Jordan jetzt, zufolge ihrer geographischen Lage, zum Angelpunkt geworden sind, um welchen sie sich schliesslich notwendigerweise drehen müssen. Zwischen den heiligen Plätzen zu Jerusalem und der asiatischen Grenze Russlands gelegen, zwischen dem Mittelländischen und dem Rothen Meere, zwischen Syrien und Aegypten, muss ihre strategische und ihre politische Bedeutung auf den ersten Blick ersichtlich sein; und der Tag ist wahrscheinlich nicht mehr fern, wo man einsehen wird, dass die wichtigsten Interessen des britischen Reiches dadurch gefährdet werden, dass man es verabsäumt, sich rechtzeitig gegen die Möglichkeiten vorzusehen, welche jetzt in der mittelbaren Zukunft auftauchen.'* Kann jemand, der das grosse Spiel verfolgt, daran zweifeln, dass, wer auch immer gewinnt und wer auch immer der Oberherrscher Palästinas wird, es eine Einflusssphäre gibt, welcher Palästina nicht entrinnen kann? Das ist die Sphäre moderner industrieller Cultur. Und bezüglich der Frage, wer die oberste politische Macht wird, geht meine Ansicht dahin, dass das türkische Reich noch lange den Türken verbleiben wird, denn bevor die heiligen Plätze des Islams in die Hände der Ungläubigen fallen könnten, würden die zahllosen Millionen des Islam, schwarze, weisse; %ödef" iiegeraftige, in Nord-Afrika, in Indien, in China, in der Sahara, im Sudan, welche bereits im Geheimen organisiert sind, sich zu einem der blutigsten heiligen Kriege in der Geschichte vereinigen. Der Sultan wird stets wenigstens der Suzerän Palästinas bleiben, und ich kann bestimmt behaupten, dass der jetzige Sultan mit Palästinas unvermeidlicher Entwicklung in sympathischem Einvernehmen steht. Wir haben die politischen Zeichen dieser Entwicklung gesehen. Gibt es auch commerzielle Symptome? Die commerzwlle Gegenwart. Mr. Andrew Lang schreibt mir: „Ist Oel in Ephraim entdeckt worden, oder liefert die Nachlese der Trauben Esehkols einen kräftigen Burgunder?" Nein, man hat kein Oel in Ephraim, entdeckt, aber es wurde solches aus Oliven gepresst, und der Wert des Exports stieg von 1350 auf 91.10 Pfund im Jahre 1900, eine Erhöhung an Gewicht von über einer halben Million Pfund. Manches Oel ist sehr rauh, aber es"* geht nach Frankreich, wo es mit dem französischen Gele vermischt wird; und unter dem Namen „Französisches Olivenöl" geht es"über die ganze Welt. Was die Trauben von Eschkol betrifft, so liefern sie zwar vielleicht keinen kräftigen Burgunder, aber sie geben einen ausgezeichneten Sauterne, der im vorigen Jahre die goldene Medaille bei der Pariser Ausstellung erhielt. Diese Trauben werden auch als Malaga Muscatels in Kisten versandt, welche mit Stiergefechten und bezaubernden Sennoritas bemalt sind. Der grösste Export Palästinas ist seltsamerweise Seife, welche im Jahre 1899 mehr als ein Drittel der gesammten Exportartikel ausmachte, 125 750 Pfund von einer Gesammtsumme von 316 158 Pfund, während er im Jahre 1900 auf 44 550 Pfund fiel. Hierüber gibt der Consular-Berieht keine Aufklärung. Die einzige Möglichkeit ist die, dass die Anzahl der Juden im Lande zugenommen hatte, und dass sie die Seife selbst verwendeten. Diese Seife wird grösstenteils in Nabulus erzeugt, das alte Schechen!, die fanatistischeste mohammedanische Stadt Palästinas, welches die Verbindung zwischen Reinlichkeit und Gottesfürchtigkeit aufrecht erhält. Neben der unaufgeklärten Unstetigkeit der Seife bilden Orangen den Hauptausfuhrartikel aus Palästina, im Werte von 75 000 Pfund per Jahr, JafCa- Orangen, welche zuweilen so gross sind wie Strausseneier, den spanischen überlegen sind und einen höheren Preis erzielen, aber die jüngste Ueberproduction hat zu einer Preisverminderung geführt. Die 'Gärten haben auch durch Hagelschauer gelitten, und der Wert der Orangen-Gärten ist im Sinken begriffen} dennoch