Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 49 (6.12.1901)
- Article
- Die commerzielle Zukunft Palästinas
- Date
- 1901-12-06
- Page
- 3 (sequence 1)
- Language
- German
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WtLt WAtNTtt Die commerzielle Zukunft Palästinas, Von Israel Zangioill. (Vortrag, gehalten beim Meeting des Article Club zu London am 20. November 1901.*) Mylord Suffield, Eure Excellenzen, meine Herren! Ungeachtet der freundlichen Worte, unter welchen ich soeben erröthete, bin ich dessen sicher,, dass manchen unter Ihnen ebenso der Gedanke unangenehm berührt, dass die commerzielle Zukunft Palästinas zum Gegenstand einer Debatte erhoben wird, wie andere die Erwägung, dieses Thema von einem berufsmässigen Lieferanten geistiger Ware angeschlagen zu hören. Der Handel ist aber nicht nothwendigerweise von der Einbildungskraft geschieden. Ich denke hierbei keineswegs an die geschäftlichen Reclamen in Wort und Bild. Zweifellos nimmt die gewöhnliche Geschäftsroutine in ganz geringem Grade die Fähigkeit der Phantasie in Anspruch, aber die Schaffung neuer Geschäftsgebiete erfordert eine solche ganz entschieden. „Die commerzielle Zukunft Palästinas," schreibt *) Vergl. in voriger Nummer „Die englische Gesellschaft und der Zionismus". Wir tragen daraus über den Club und die Versammlung Folgendes nach: Im Londoner Article Club fand am 20. November ein Diner statt, nach dem Israel Zangwill über die commerzielle Zukunft Palästinas und den Zionismus sprach. Lord Suffield, Präsident des Clubs, leitete die Versammlung. Der Article Club gehört zu den vornehmsten neugegründeten Vereinigungen Londons. Er umfasst die Spitzen der englischen Colonial- und Finanzwelt. Seine Meetings beschäftigen sich mit den brennenden Fragen des öffentlichen Lebens auf commerziellem und insbesondere colonialem Gebiete. Oft gehen von hier die ersten Kundgebungen neuer Gedanken aus. Manche Rede wird sogleich in die ganze Welt hinausgecabelt und weckt ein tausendfältiges Echo. Englands Politiker ergreifen oft die Gelegenheit, hier ihre Ideen zum erstenmale einem Forum von Berufenen vorzulegen. Es zeugt von der tiefgreifenden Wirkung unserer Bewegung, dass diese Vereinigung Israel Zangwill einlud, an dem ersten Abend, den sie in dieser Saison veranstalte, über die Zukunft Palästinas zu sprechen, welche die Zukunft des jüdischen Volkes ist. Es weist wieder einmal darauf hin, dass die Spitzen der englischen Gesellschaft dem Zionismus die Stellung einräumen, die ihm gebtirt. Das Meeting gestaltete sich zu einem glänzenden Triumphe unserer Idee. Anwesend waren u. a.: Lord Suffield, Präsident des Article Clubs, der den Vorsitz führte, ferner Admiral Freemantie, General Charles W. Wilson, Archidiaconus Sinclair, Schriftsteller Hall Caine, Sir William Robinson, Ex-Gouverneur von Hongkong, J. H. Turner, Generalagent für British-Columbien, A. Dohson, Generalagent für Tasmanien, H. B. Lefroy, Generalagent für West-Australien, Se. Excellenz Dr. Milicevic, königl. serb. Staatsminister, Chevalier G. ShacFdik, Generalagent für Venezuela, Major Thirlewall, Vicomte de la CTiapelle, Baronet Sir George Cornwall, Capitän Melyille Boynton, George Bernard Shaw (eines der hervorragendsten Mitglieder des socialpolitischen Fabier-Clubs), Laurence Cowen, Schriftführer des Article Club, Sir Henry Morton Stanley (der berühmte Afrikareisende), F. A. Dunsford, Mayor von Southampton, Sir Philipp Magnus, Colonel Goldsmid, Chief- Rabbi Dr. M. Gaster, Salomon I. Solomon, Herbert Bentwich, Arthur Cohen, Beirath der Cambridge-Universität, John Cutler, Professor am Kings College in London, Alderman Sir George Hussey. Lord Suffields einleitende Worte. Bevor der Vorsitzende Mr. Zangwill das Wort ertheilte, sagte er: „Nicht allein unsere Session und die Räume, in denen wir diesmal tagen, sind neu, sondern neu ist auch der Gegenstand unserer heutigen Discussion, und ich bin überzeugt, dass er die Mitglieder dieses commerziellen Clubs interessieren wird. Mr. Zangwill hat es gewiss nicht nöthig, einer Zuhörerschaft von Engländern erst vorgestellt zu werden, wohl aber erscheint es mir nothwendig, zu begründen, warum gerade er mit dem Referat über mir Mr. Augustine Birell; „ich hoffe, dass Palästina keine solche hat." Ohne Zweifel hegen viele von ihnen eine innere Sympathie mit dieser Gesinnung Mr. B i r e 11 s , und da ich persönlich den Reiz des Zeltlebens gekostet, da ich Laban seine Schafe ins Feld treiben sah., wie er es vor viertausend Jahren gethan, da ich Rebecca belauschte, wie" sie mit dem Kruge auf der Schulter vom Brunnen trippelte, da ich den auf Kameelen oder Pferden langsam dahinziehenden arabischen Seheiks die orientalische Begrüssung auf Brust und Stirn entgegenbrachte, da ich die verfallenen Städte durchwandert und die Wüste, die so todt ist wie der Mond, so kann ich das Verlangen begreifen, dieses primitive historische Werk, die WTiege der Religion, unverändert erhalten zu sehen. Mr. B i - r e 11 fürchtet ohne Zweifel, dass Jeremia von seinen Lamentationen ablassen und sich mit dem Baue billiger Zinshäuser befassen wird. Das müssen wir riskieren, denn wenn, wie die halbe Welt glaubt, Palästina einer glorreichen Zukunft entgegengeht, so kann diese Zukunft unmöglich einer industriellen Basis entbehren. Elija wurde von den Raben gespeist, aber das Brot, das sie ihm brachten, muss doch von jemandem gebacken worden sein, und wir kennen ja die Gewohnheiten der Raben. Nichts in der heiligen Schrift rechtfertigt die Annahme, dass das heilige Land gleichbedeutend wTäre mit einem faulen Lande. Der heilige Sabbath selbst ist ja von den sechs Arbeitstagen abhängig. Und Palästina ist nicht nur ein Traumland. In diesen malerischen Ruinen müssen die Leute wohnen. Und diese Ruinen sind nicht, wie man sich vorstellt, die Ruinen einer primitiven Hirtengegend, sondern die Ruinen eines grossen Culturstaates. Die Strassen wieder herzustellen, hiesse die grossen römischen Strassen des zweiten Jahrhunderts n. Chr. wiederherstellen. Die Forschungen der Gesellschaft zur Erforschung Palästinas haben uns das alte Jerusalem gezeigt, „prächtig mit seinen Palästen, seinen Gürten, seiner Citadelle, seiner Festung, seinen Höfen und seineu Landhäusern", wie es beim Passahfeste zwei Millionen Gäste willkommen heisst. Und es ist nicht nur das römische Jerusalem, das unter der jetzigen Scholle liegt; es gibt drei jüdische Jerusalem ausser dem herodianisehen, dem byzantinischen, dem saracenischen und dem Jerusalem der Ritter des Johanniter-Ordens. Die Gesellschaft hat durch ihre Forschungen und Ausgrabungen Beweise erbracht von der riesigen Bevölkerung, von der Fruchtbarkeit und dem Reichthum Palästinas und von der Grösse der Städte, welche bis dahin als ltlein und unbedeutend angesehen wurden. Als Jesus über die Hügel und Thäler Galiläas wanderte, da zog er nicht durch eine ländliche Welt. „Das Land," sagt der verstorbene Walter Besant,. „war dicht bevölkert, es befanden sich Schulen in jeder Stadt; es gab da eine wohlhabende Gesellschaft, es gab eine romanisierende Gruppe; es gab eine judäisierende Gruppe; überall gab es Rabbiner, Kaufleute, Vorsteher der Hundertgaue, Legionäre, Städter und Bauern." Es war ein Land, das selbst von Rom nicht leicht zu halten war. Der grosse jüdische Anführer Bar Kochba hat das Königreich eine Zeitlang thatsächlich zurückgewonnen, und um seinen Aufstand zu unterdrücken* wurde der römische Oberbefehlshaber (der Kitchener) Julius Severus durch Hadrian von der Unterdrückung des weniger gefährlichen Aufstandes der wilden, mit Waid bemalten Briten abberufen. Aber viele Jahrhunderte früher, als Rom selbst ein obscures Dorf war, klagte Jesaia sein Volk ob seiner Ueppigkeit an. Es ist kein primitives Hirtenvolk, dessen Damen von Jesaia gegeisselt werden, weil sie „mit ausgestrecktem Halse und lüsternen Augen einhergehen, mit gezierten Schritten und klirrenden Füssen." Bauern haben keine solchen veränderliehen Anzüge, die Mäntel und Ueberwürfe, die Haarnadeln, Spiegel und feine Wäsche, Kapuzen und Schleier. Selbst vom Standpunkte eines Hirtenvolkes ist Palästina nicht mehr das Land, „wo Milch und Honig fliessen". „Betrachtet nur die Lilien," sagte Jesus, und in der That, es gibt noch wundervolle wilde Blumen und Strecken von merkwürdiger Fruchtbarkeit. Aber wo sind die wunderschönen Obstgärten, die Josephus um Caesarea herum erwähnt? Begraben liegen sie dreihundert Fuss tief unter den Sand-Dünen. Wo sind die Olivenbäume vom Oelberge? Jericho, das Land der Palmen, hat keine einzige Palme mehr, und es gibt keinen Balsam mehr in Gilead. Die künstlichen Bewässerungsanlagen, denn Palästina mit seinen wenigen Flüssen ist grösstentheils von der Bediesen Gegenstand betraut worden ist. Es ist ein Thema, von dem ich nicht viel weiss, obgleich es ohne Zweifel mit der zionistischen Bewegung in Zusammenhang steht, von der wir alle gehört haben, einer Bewegung, die auf eine Wiederbelebung des heiligen Landes durch das alte Volk abzielt, welches neunzehn Jahrhunderte lang den Traum bewahrt hat, in dieses Land zurückzukehren. Mit diesem königlichen Traume habe ich immer sympathisiert (obgleich ich ihn eigentlich nur in seinen Umrissen kenne), ohne dass ich mich bisher mit den praktischen Mitteln genügend vertraut gemacht hätte, die zur Umwandlung dieser Vision in Wirklichkeit nothwendig sind. Mr. Zangwill wird uns über diesen Punkt ohne Zweifel vollständig aufklären, und ich lade ihn hiermit vertrauensvoll ein, die Debatte zu eröffnen."