Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 47 (22.11.1901)
- Article
- Die Repräsentantenwahlen in der Berliner jüdischen Gemeinde
- Date
- 1901-11-22
- Page
- 5 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 47 „Die 2& Welt40 Seite 5 Es war klar, dass wir nur mit jener Partei uns verbinden könnten, die die Erhaltung unseres Judenthums zu ihrem Programm gemacht hatte. Mit den Liberalen haben wir nichts gemein. Zu ihnen führt aus unserem Lager keine Brücke. Vollends noch jetzt, da sie dem Sonntagapostelehen Levinstein ihr Ehrenwort verpfändet haben, die jüdischen Seelen mit sonntäglicher Weihe zu besorgen. Zwischen ihnen und uns kann es keinen Frieden geben. Aber sie sind uns — das müssen wir offen gestehen — liebe und werte Gegner, die wir bekämpfen, aber wegen der £>ffentheit und Geradheit verehren können, mit der sie zielbewusst das Judenthum auf eine unnationale, jetzt freilich auf eine deutsch-nationale Grundlage zu stellen als ihr Programm aufstellen. In ihrem Aufruf zeigen sie sich diesmal nicht in Fechteipositur. Das passt sehr wenig zu ihnen, wie ja auch die senile Echolalie des in ihrem Aufruf immerwiederkehrenden „Wir wollen den Frieden" nicht angethan sein kann, ihnen Sympathien zu erwerben. Was aber stellten die sogenannten Conservativen als ihr Programm auf? Nichts, denn wie hochbedeutend auch der Sabbath für uns ist, der Kampf gegen den Sonntagsgottesdienst ist doch ein etwas sehr mageres Menu. Zumal männiglich weiss, dass die Sonntagsfeier-Idee nicht einmal ein todtgeborenes Kind, sondern ein kaum embryonales Gebilde ist. Die Repräsentanten mögen die feinsten Beschlüsse fassen, der Vorstand ist stricte dagegen, und das Rabbinat hat in seiner Gesammtheit für den Fall der Annahme des Antrages Levinstein mit s°iner Demission gedroht. Und Dr. Kellermann, der seinen Posten als Rabbiner in Könitz mit dem eines Religionsschuldirectors in Berlin vertauscht, dürfte es kaum wagen, sich mit dem Rabbinat zu überwerfen. Die Liberalen, die seine Berufung nach Berlin durchgesetzt hatten, in der Hoffnung, diesen feindlich ausserhalb des Judenthums lauernden Lehrer der jüdischen Religion als Sonntagspfäfflein benützen zu können, dürften sich vielleicht doch verspeculiert haben. Das aber sind doch Thatsachen, die in Berlin jeder kennt, der nur eine Ahnung von dem Strömungen in den höheren Regionen unserer Gemeinde hat. Mit der Progrämmlosigkeit kann nichts erreicht we:den. Sollte somit unser Bündnis mit den Conservativen nicht ein kolossale Dummheit sein, wie es doch jedes Zusammengehen mit einer dem Tode entgegenkeuchenden Partei ist, so war es nöthig, mit festen, durch die Nothlage des jüdischen Mittelstandes und die zunehmende Entfremdung vom Judonthum dictierten Forderungen in den Wahlkampf zu gehen. Wenn die Conservativen sich zur Annahme unseres oder eines in dieser Richtung laufenden Programmes bereit erklärt hätten, so würden sie gezeigt haben, dass sie ihres Namens würdig sind. Unsere Wahlversammlung — die am besten besuchte von allen ähnlichen Veranstaltungen — hätte sie lehren können, dass wir mit unserem Wahlaufruf das Rechte getroffen haben. Das hat die jubelnde Zustimmung aus den Handwerkerkreisen bewifsen, die den Verzweiflungskampf um ihre materielle und sittliche Existenz fahren gegen den Antisemitismus auf der einen Seite und den Niedergang des Handwerks auf der anderen. Man lese unser Programm, das in glücklicher Weise die local bedingten Forderungen im Geiste unserer Regenerationsbewegung wiedergibt. Es lautet: Die jüdische Gemeinde ist nicht nur ein W o h 11 h ä t i g k e i t s - I n s t i t u t für die zufällig in Berlin lebenden Juden, sondern ein organisierter Theil der grossen jüdischen V olksgemein schaft. Als solcher hat sie L z w a r in erster Linie religiöse Aufgaben zu erfüllen und für dieso bedingten Bedürfnisse der Berliner Judenheit zu sorgen, IL a b e r auch die V e r p fl i c h t u n g zu u Ulfas sende r socialer und volkserzieherischer Thätigkeit, und III. die Pflicht, zur Abstellung der Leiden der Gesammtheit des Jüdischen Volkes rege Beihilfe zu leisten. In Ausführung vorbezeichneter Leitsätze stellen wir für die diesjährigen Wahlen nachfolgende Forderungen auf. Zu 1. 1. a) Da wir eine rein äusserliche Reform des altüberlieferten jüdischen Gottesdienstes als schwächliche Anpassung an fremde Glaubensformen verwerfen, verlangen wir die Ablehnung des Sonntagsgottesdienstes, b) Aufrechterhaltung des hebräischen Gottesdienstes. 2. Alljährliche Veröffentlichung eines eingehenden Verwaltungsberichtes, der zugleich ausführliche Auskunft über alle Gemeindeeinrichtungen gibt. V II. 1. In socialer Beziehung a) Errichtung einer jüdischen Volkshalle nach dem Muster der englischen Toynbee-Hallen. b) Begründung einer Vorschusseasse zur Erhaltung der bedrohten jüdischen Kleinexistenzen. c) Uebernahme des schon vorhandenen Stellen- und Arbeitsnachweises auf die Gemeinde. d) Begründung eines Vereines jüdischer junger Leute nach dem Muster der bestehenden christlichen Vereine. e) Errichtung jüdischer Lehrlingsheime. 2. In Bezug auf Volkserziehung a) Vermehrung der Schulen, insbesondere der Volksschulen. b) Verstärkung des hebräischen Unterrichts in den Schulen. c) Uebernahme und Ausbau der jüdischen Lesehalle. d) Begründung einer jüdischen V o 1 k s bibliothek. e) Errichtung öffentlicher, unentgeltlich zugänglicher Curse für jüdische Religion, Geschichte, Literatur und Sprache. f) Förderung jüdischer Turn- und Gesangvereine. Zu III. a) Stärkung des jüdischen S e 1 b s t b ew u s s t s e i n s d u r c h mannhaftes Eintreten bei allen Angriffen auf die jüdische Gesammtheit, b) Förderung der jüdischen Colonisation in Palästina durch entsprechende Einflussnahme auf die Ica. c) Förderung der Judentags-Idee. Diese Sätze dürften doch wohl mehr werbende Kraft haben, als die „Verteidigung des Sabbath", denn darüber dürfen wir keinen Moment im Zweifel sein, dass dem Sabbath durch den eisernen Zwang der Gesetze nun einmal seine Weihe, seine Hoheit, seine stille Schönheit genommen wurde und dass es nur ein Mittel gibt, ihn zu erhalten: die Aufhebung der gesetzlichen Sonntagsheiligung für die Juden. In dieser Richtung aber könnten die Gemein!en kaum thätig sein, weil das Gesetz ja nicht die Sabbathheiligung verbietet (wenn es sie auch durch die ökonomische Lage zu einer enormen, fast unüberwindlichen Schwierigkeit gemacht hat). Da sollte man doch zunächst dahin wirken, dass neue Stützen für das Judenthum geschaffen werden, wo die alten wanken. Das haben die Conservativen nicht begriffen. Sie haben sich durch allerlei diplomatische Hinhaltungen unserer MU¬ RI beit versichern wollen, ohne ehrlich und offen unser Programm anzuerkennen. Das Judenthum ist uns aber