Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 47 (22.11.1901)
- Article
- Die Repräsentantenwahlen in der Berliner jüdischen Gemeinde
- Date
- 1901-11-22
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4 „Die £ Welt Nr. 47 getragen wurde, so waren vor allem die Synagogenverhältnisse durchaus unhaltbare. An der Stadtperipherie, wohin die einst im Stadtcentrum wohnende Judenheit gedrängt wurde, bildeten sich Sondergemeinden, zumeist auf dem traditionellen Boden des Judenthums stehend. Allein auch sie waren — besonders an den hohen Festtagen! — nicht imstande, die religiösen Bedürfnisse der Tausende zu befriedigen. So drängte sich denn bald die geradezu ekle Erscheinung der geschäftlich betriebenen „Festgottesdienste" vor. die oft in den gemeinsten und verrufensten Kneipen und Tanzsälen abgehalten wurden. Es hiesse den ganzen Schmerz erneuern, der jedem anständigen Juden damals die Brust zerdrückte, wollten wir die schmachvollen, unter den Augen und durch die planmässige Unthätigkeit des Gemeindevorstandes sich abspielenden Zustände schildern. Ein Schrei des Entsetzens gieng durch die ihrer Würde noch vollbewusste Berliner Judenheit. Da hiess es denn die Getreuen zu sammeln und zu organisieren, um das geradezu verbrecherische System endlich über den Haufen zu rennen. Besonders that sich M. A. Klausner hervor — der ebenso sehr ein Feind des Zionismus, wie ein Freund der Zionisten ist. Man hatte von ihm bisher nur seine unermüdliche Hilfsbereitschaft für ausgewiesene Juden gekannt, denen sein Einfluss bei den höchsten Behörden Aufenthaltserlaubnis und Staatsbürgerrechte erwirkte. Jetzt stellte er seine scharfe Feder in den Dienst der jüdischen Sache, mit unerhörter Wucht, vernichtendem Spott, blendendem Witz die himmelschreienden Missstände beleuchtend, zertrümmernd. Die „75er-Commission", die sich bislang vollkommen ohnmächtig um die conservative Sache bei den Repräsentanten-Wahlen bemühte, entfaltete eine rege Agitation. Zum erstenmale brachten die Wahlen, um die sich bisher kein Mensch gekümmert hatte, eine bislang unbekannte Bewegung in die jüdischen Kreise. Die Empörung und die Wuth über die Verständnislosigkeit für die Bedürfnisse der Gemeindemitglieder trieb an die Wahlurne. Die Liste des Centraivereines für die conservativen Interessen der jüdischen Gemeinde — wie sich die 75er-Commission jetzt nannte — gelangte vollkommen zum Siege. Sie verfügten über eine Zweidrittel-Majorität, hatten also die Macht in^Händen, die Verhältnisse zu sanieren oder besser von Grund auf neu zu gestalten. Denn ihre Aufgabe musste es sein, die Berliner jüdische Gemeinde aus einem Verwaltungsinstitute, das kosmopolitisch-ethischen Idealen zusteuerte, wieder zu — einer jüdischen Gemeinde zu machen. Leider haben die „conservativen" Repräsentanten das Vertrauen ihrer Wähler nicht gelohnt. Nur wenige von ihnen haben in die Versammlung einen Hauch der Begeisterung getragen, die sie zu Vertretern bestimmt hatte. Sollen wir ihnen Vorwürfe machen, dass sie fast nichts von dem gehalten haben, was sie versprachen, dass sie selbst nicht einmal zu versuchen wagten, was ihnen bei ernstem Willen sicher hätte gelingen müssen? Auf ihr Haben-Conto kommt im Grunde nur die Sorge für einen würdigen Fest- Gottesdienst, der jedem Juden die Gelegenheit zum Gebete gibt. Sonst haben sie nichts gethan. Sie haben den alten Vorstand, der das Judenthum ruiniert hatte, wieder gewählt und an die Stelle ausscheidender Mitglieder wiederum zielbewusste Liberale gesetzt. Der Religionsunterricht, den sie jedem jüdischen Kinde wollten zugute kommen lassen,musste ihnen aufgedrängt werden durch den Minister Bosse. Denn auch unter den „Conservativen" gab es noch Schwarmgeister des politischen Liberalismus mit seiner Angst vor allem Zwange, mit seinem jammerbaren Stolz auf seine J,nsst'sgehen"~Theorie. Gegen das Freigeben der Synagogen haben sie sich gesträubt. Die Unentgeltlichkeit des Unterrichtes in jüdischer Geschichte, Literatur und Ritus hat ein Theil von ihnen bekämpft. Mit der Anstellung eines jüdischen Rabbiners ist nichts geschehen. Für die Abhelfung der Synagogennoth haben sie nichts unternommen. Ja, sie haben ihre Stimme gegeben, dass in der neuen Prunksynagoge in der Lützowstrasse — die nicht dem leisesten Bedürfnisse nachkommt — das castrierte Gebetbuch wiedereingeführt wurde. Und was haben sie geleistet, um die Schmach wieder auszuwetzen, dass in dem Siddur alle Stellen, die von Zion und unserer nationalen Selbstständigkeit in Vergangenheit und Zukunft handeln, gestrichen sind? Sie haben eine Commission ernannt — die aber nie zusammengetreten ist. Was geschehen ist, hat der Vorstand durchgedrückt. Nicht aus Liebe und Treue für unsere Volksüberlieferung, sondern aus Politik, um durch kleine Concessiönchen (Unterstützung der Privatgemeinden, Förderung der mannigfachen Vereine zur Neubelebung des Judenthums etc.) den Unzufriedenen den Mund zu stopfen. Aber konnten denn die „Conservativen" etwas thun, machten sie sich nur des Unterlassungsfrevels schuldig, die „Conservativen"? So etwas gibt's ja gar nicht. Man darf eben nur von den Candidaten des Conservativen Wahlvereines sprechen. Von ihnen hatten aber die wenigsten etwas mit der beharrlichen Treue zum Judenthum zu thun. Wie leider immer bei uns Juden, waren für ihre Designierung mehr Titel und Mittel, als Ueberzeugung bestimmend. Man thut den conservativen Repräsentanten unrecht, wenn man ihnen Mangel an Ueberzeugungstreue vorwirft. - Wer kann überzeugungstreu sein, ohne eine Ueberzeugung zu besitzen. Da waren Juden aus Resignation, Juden aus Trotz, Juden aus innerer Verzweiflung, Juden aus Pietät, Juden aus Gewohnheit, Juden aus Trägheit, aber nur einige wenige waren Juden aus jüdischem Stolz, aus jüdischem Selbstbewusstsein, Juden aus jüdischer ZukunftshofTnungsfreude, kurz Juden aus Judenthum. Die conservativen Repräsentanten waren selbst in der moralischen Minderheit gegenüber den liberalen, als sie die erdrückende Mehrheit hatten. Denn die Liberalen hatten ein festes Programm, sie wussten, was sie wollten. Die Conservativen aber — verzeihe ihnen, Herr! — sie wussten nicht — was sie sind. Es war somit nur die selbstverständliche Folge, dass bei der nächsten Wahl — vor 3 Jahren — die Conservativen ihre Sitze und somit ihre Majorität verloren. Im gewissem Sinne war ihnen damit ein Gefallen erwiesen, denn sie hatten jetzt eine Entschuldigung für ihre Unthätigkeit, für die Unmöglichkeit, positive Leistungen zu fordern. So liegen die Dinge heute, wo wiederum die Hälfte der Repräsentanten ausscheidet. Was der ganzen Situation aber ihre Bedeutung gibt, ist die schwerwiegende Thatsache, dass unter den Ausscheidenden fast alle conservativen Repräsentanten sind. Von dieser Wahl hängt das Schicksal der conservativen Partei ab — nicht aber die Zukunft des Judenthums, wie es mit massloser Uebertreibnng die Wahlmacher der Conservativen in ihrer Verzweiflung behaupten. So schlimm steht es doch, wohl noch nicht um unser Judenthum. Wenn es auch ein undankbares Geschäft ist, die Zukunft vorauszusagen —- fast so undankbar wie die Arbeit für die jüdischen Zwecke — so kann man doch mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass die Repräsentantenwahlen die Conservativen aus der Gemeindestube herausfegen werden. Es wäre dieser Ausgang nur um einige wirklich brave und begeisterte Juden, unter ihnen z. B. der Geh. Sanitätsrath Dr. Blumenthal, zu bedauern. Der conservativen Sache aber kann kein grösserer Dienst geleistet werden, als wenn die Männer beseitigt werden, die unter dem Deckmantel des treuen Judenthums die conservative Sache entwerten. Als wir Zionisten beschlossen, in den Wahlkampf einzutreten, konnte für ur.s keinen Augenblick ein Zweifel darüber herrschen, auf welche Seite wir uns zu stellen hätten.