Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 47 (22.11.1901)
- Article
- Die Repräsentantenwahlen in der Berliner jüdischen Gemeinde
- Date
- 1901-11-22
- Page
- 6 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 6 „Die & WclV* Nr. 47 zu heilig, als dass man sein Spiel damit treibe. Vor allem haben sie unsere Forderung eines Candidaten abgelehnt mit den dummen Gründen des Schacherpolitikers. Wir wollten einen Candidaten, nicht um damit zu prunken, sondern um der conservativen Partei ein jüdisches Gewissen zu geben, um ihr einen dauernden Hinweis auf die öffentliche Verantwortlichkeit zu bieten. Sie haben unsere Hand von sich gewiesen. Wir werden darum keine Thräne weinen. Wir sind jung, frisch und arbeitsfröhlich und — haben auch nichts zu verlieren. So wollen wir denn allein in den Kampf ziehen. Und wenn wir auch nicht durchdringen sollten, siegen werden wir sicher. Denn ein Sieg wird es sein, den Verkappten ihre Narrenkappe vom Scheitel gerissen zu haben, die Angstmeier und Leisetreter thinter den Ofen gedrängt zu haben, wohin sie gehören. Und ein Sieg wird es sein, in dem uns noch neuen Kampfe unsere Kraft zu stählen und unsere Gewandtheit auszubilden. Unsere Devise wird aber sein : Nicht für Conservative und nicht für Liberale, sondern für das lebendige Judenthum. E 1 i S am gar. Der Zionismus im Londoner Makkabäerclub. Wie wir in unserer vorigen Nummer mitgetheilt haben, wvrde die durch Dr, M. Bernstein im Londoner Makkabäerclub eingeleitete Discussion über den Zionismus auf Antrag Mr. Herbert Bentwichs auf den 10. d. M. vertagt. Die Fortsetzung der Discussion fand nun unter dem Vorsitze des Mr. Felix A. D a v i s am festgesetzten Tage statt. Unter den Anwesenden befanden sich: Colonel Goldsmid, Mr. Solomon A. R. A., Rev. M. Adler, Rev,J. Harris, Mr. Heibert Bentwich, Mr. Herman J. Cohen, Mr. L. J. Greenberg, H. S. Q. H e n r i q u e s und Mr. J. Z a n g w i 11. Mr. Herbert Bentwich recapitulierte die Ausführungen Dr. Bernsteins und bemerkte zu dessen Conclusion („Die Stellung der jüdischen Gemeinschaft in England ist durch die Verfolgungen der Juden in Russland und Rumänien gefährdet"), Dr. Bernstein habe den Zionismus nicht von einem religiösen oder nationalen Gesichtspunkte, sondern von dem der blossen Nothwen digkeit betrachtet. Allein die jüdische Gemeinschaft sei nicht nur durch die Einwanderung, zu der die östlichen Juden gedrängt werden, bedroht, sondern auch durch die Verderbnis des jüdischen Charakters, die durch die Verfolgungen auch dann bewirkt wird, wenn die bedrückten Juden ihre Heimat nicht verlassen. Wenn die Judennoth ein Krebsgeschwür ist, so muss dieses entfernt werden, soll nicht der ganze Volkskörper in Mitleidenschaft gezogen werden. Heute bekämpfe man den Zionismus wegen seiner nationalen Bestrebungen. Aber noch bevor das nationale Moment in der zionistischen Bewegung betont worden ist, wurde ihr Opposition gemacht. Dies könne also nicht der einzige Einwand sein. Umso trauriger und beschämender für die Antizionisten. In der Frage der Heimstättenbegründung für die verfolgten Juden gebe es keine Collision zwischen den Pflichten des Engländers und denen des Juden. Es ist eine ausschliesslich jüdische Frage, mit der die englische Nation nichts zu schaffen hat. Es sei unmöglich, für die Judennoth in Russland selbst Abhilfe zu schaffen. Dies sei auch die Anschauung der „AngloJewish Association", wie sie in ihrem letzten Berichte über die Lage der Jud^n in Russland und Rumänien zum Ausdruck kommt. Es gebe daher kein anderes Rettungsmittel als den Zionismus. Mr. Ernst Lesser, der sich als „Englishman* bekennt, gibt zu, dass die Stellung der Juden in England durch die Verfolgungen der Juden in Russland und Rumänien gefährdet sei. Die englischen Juden stellten sich jedoch bei Beurtheilung dieser Frage nicht auf einen heidnischen (!) Standpunkt. Der durchschnittliche Engländer sei bei der Betrachtung der Einwanderungsfrage frei von Sentimentalität und fragt sich bloss, ob die eingewanderten Juden gute Bürger geworden sind und für die Vortheile, die ihnen geboten worden sind, entsprechende Gegendienste geleistet haben. Der Fremde entbehre die Eigenschaften, die am Engländer am meisten bewundert werden und weise dafür Eigenschaften auf, die am meisten verabscheut werden. Es sei schwer festzustellen, wo der Antisemitismus beginne und der Ausländerhass aufhöre.*) Wenn die Dinge sich so weiterentwickeln, so werde der Ausgang sehr traurig sein. Mr. Israel Zangwill führt aus, er sei immer der Ansicht gewesen, dass die Einwanderung der russischen und rumänischen Juden nach England für die Juden dieses Landes eine Gefahr sei. Man hat uns immer vorgeredet, England sei frei, edel und hochherzig. Wenn wir aber die Geschichte studieren, finden wir, dass es allezeit nur eine Minorität gewesen ist, die hochherzig war. Redner habe einem jüdischen Geistlichen einmal gesagt, die Verfolgungen und die Einwanderung der Juden seien das stärkste Argument für den Zionismus. Darauf habe sein Partner ihm erwidert, dies sei das unedelste Motiv, das er je gehört habe. Mr. Zangwill habe darauf versetzt, er passe seine Beweisgründe seinen jeweiligen Zuhörern an. (Heiterkeit.) Des Redners Freund, Mr. Solomon J. Solomon, habe gegen den Zionismus den Einwand erhoben, dass die englischen Juden im Falle der Begründung eines jüdischen Staatswesens ihre Nationalität einbüssen würden. Gleich seinem Namensvetter, dem König Salomon, wolle er eine scharfe Scheidung vornehmen — zwischen Nationalität und Colonisation. Allein wenn man das zionistische Kind so zerschneiden wollte, würde man es todten. (Beifall.) Es genüge nicht, den Juden eine Stätte in Palästina zu bereiten, wo sie weiter verfolgt würden. Mr. L. J. Greenberg findet es erstaunlich, dass in der Debatte der vorjährige Londoner Zionistencongress nicht erwähnt worden sei, auf dem Dr. Mandelstamm sich eingehend mit der Lage der Juden in Russland und Rumänien beschäftigt habe und zum Schlüsse gekommen sei, dass die Dinge sich immer schlimmer entwickeln. Die englischen Juden sollten etwas vorsichtiger über die jüdischen Einwanderer sprechen. Die Juden, die vor hundert Jahren nach England eingewandert sind, zählen jetzt zu der sogenannten Aristokratie des englischen Judenthums. Colonel Goldsmid bekennt sich als Zionist, er sei es aber nicht ganz im Sinne der gegenwärtigen Partei. Die erste Pflicht der Juden sei, ihren Kindern die besten Eigenschaften der Völker, in deren Mitte sie leben, einzuimpfen. DieJudennoth habe gegenwärtig einen solchen Gipfelpunkt erreicht, dass irgend eine Zufluchtsstätte gesucht werden müsse. Aber die Seele des Zionismus sei der Glaube. Der Glaube allein sei es, der die Boeren so lange in ihrem Kampfe aufrechterhalten hat. Mr. Herman Cohen beklagt die grosse Unkenntnis der Makkabäerclub-Mitglieder. Er selbst beispielsweise habe nie etwas von Dr. Mandelstamm gehört. Wenn der Zionismus eine vernünftige Colonisation will, so schliesse er sich ihm an. Schliesslich wurde dem Referenten Dr. Bernstein und dem Präsidenten auf Antrag des Mr. Henriques, dem sich Mr. Zangwill anschloss, der Dank ausgesprochen. Der Verlauf und die Ergebnisse der Discussion sind ein bemerkenswerter Erfolg der zionistischen Sache. *) Man sieht, unsere Herren Assimilanten gleichen sich in allen Ländern wie ein Ei dem anderen. (Anmerkung der Redaction.)