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Die Welt · 1901-11-08 · 45 (8.11.1901) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
45 (8.11.1901)
Article
Achad-Haam als Historiosoph
Date
1901-11-08
Page
9 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 45 „Die # Welt" Seite 9 weisen, gemeinsamen InteTeasen dienen. Die häufigere Erscheinung aber ist Gegensatz, Collision, Kampf ... Zum Glücke für die Ruhe der Gesellschaft wird in der Regel der Boden des Traditionellen unterminiert, noch bevor es zum offenen Kampfe kommt. Die modernen Ideen vermochten, als sie noch in ihrem Verstecke weilten, unvermuthet, häufig ihnen selbst unbewusst, die Wurzeln des Vergangenen zu zernagen, ihm alle Lebenssäfte zu entziehen, so dass, nachdem die Minier arbeit ruchbar wird, es nichts mehr zu retten gibt, alles Traditionelle zerfällt in Trümmer, und die Gesellschaft fügt sich, wenn auch mit schmerzlichen Gefühlen, ins Unvermeidliche . . . Dies ist nach Achad-Haam der evolutive, regelrechte Lauf der Dinge. Allein zuweilen, fährt er fort, trägt es sich zu, dass die Vertreter der einen oder der anderen Richtung (des Ueberlieferten oder des Modernen) den Widerspruch zwischen beiden zu einer Zeit aufdecken, da das Neue noch nicht in der Lage war, durch sein Geheimwirken das Alte zu unterwühlen, da noch beide einander ungefähr das Gleichgewicht hielten. Die Gesellschaft geräth da in grosse Verlegenheit. Es wird die Frage aufgeworfen: Wie könnte beiden Gegnern zugleich gedient werden? Oder: Wer von beiden soll zurückgedrängt werden? Die führenden Geister der Gesellschaft legen sich ins Mittel, suchen den Widerspruch nach Möglichkeit zu mildern, statten das Alte mit modernen Gewändern aus, oder maskieren das Neue. Diese künstlichen Mittel fruchten zwar wenig. Allein was der Absicht der führenden Geister nicht ganz gelingt, das wird in der Zeitfolge von selbst zustande gebracht. Der Widerspruch bleibt in seiner logischen Stärke bestehen, aber die Gesellschaft gewöhnt sich infolge jener andauernden Vermittlung an ihn, er hört auf, sie aufzuregen. Die Macht der Gewohnheit lehrt sie (die Gesellschaft) endlich, die beiden entgegengesetzten Mächte auch ohne jede Maskierung und Bemäntelung als gleichberechtigt zu respectieren. Als Beleg führt Achad-Haam den Widerstreit zwischen der kopernikanischen Theorie und der Bibel an, ein Widerstreit, der einst die Gesellschaft in ihren Grundfesten erschüttert hat, an den sich aber die Gesellschaft so sehr gewöhnte, dass ein amerikanischer Priester, der zugleich ein berühmter Astronom war, zu sagen pflegte (so oft er befragt wurde, wie er den Widerspruch zwischen Kopernikanismus und Bibel in sich zu vereinigen vermöge) : „Wenn ich mich mit Astronomie befasse, vergesse ich .meine geistliche Würde, und wenn ich nieine geistliche Würde ausübe, vergesse ich die Astronomie." Die Moral, welche Achad-Haam aus diesem Ideengange zieht, ist die, dass es im Interesse der Vertreter des XJ eberlieferten ist, den WiderSpruch zwischen ihm und dem Modernen möglichst früh aufzudecken; dagegen erheischt es das ivohl verstandene Interesse der Neuerer, denselben Widerspruch möglichst lange geheim zu halten ... Wir wollen hier ein wenig Halt machen. Wir haben die Argumentation Achad-Haams treu wiedergegeben, weil sie für sein Denken überhaupt geradezu typisch ist. Dem unbefangenen Leser wird neben der Vorzüglichkeit einiger Gedanken das Constructive, Diabetische, Erkünstelte dieser ganzen Betrachtungsweise sofort auffallen. Die Kräfte, mit denen Achad-Haam hier operiert (Geheimwirken von neuen Ideen^ Unterminierung des Bodens der U eberlief erung, Gewöhnung an Widersprüchen), sind wohl im Leben wie in der Cultur wirksam (insbesondere ist die Macht der Gewohnheit bei den Denkfaulen sehr gross) , aber nicht sie sind es, die den Culturgang bestimmen, noch auch ihn beträchtlich alterieren. So erhielt beispielsweise die Neuzeit ihr geistiges Gepräge nicht durch die Minierarbeit von Philosophen, die durch Unterwürfigkeit unter die Botmässigkeit der Kirche deren Verdacht von sich abzulenken wussten (solche Minierer hat es auch im Frühmittelalter gegeben), sondern neben der Wirksamkeit der Humanistik wesentlich durch den Aufschwung der NaturAvissensehaften, die weder wegdisputiert, geheimgehalten werden konnten, noch Verstecken gespielt haben. So entstammen die Ideen des neunzehnten Jahrhunderts (Liberalismus, Socialismus) nicht allein der Wirksamkeit der Aufklärungsphilosophie (die von den Höfen begünstigt wurde und insofern als Minierarbeit betrachtet werden kann), sondern wesentlichen Umwälzungen im socialen Leben. Ebenso betrachten wir für grundverfehlt die Gegenüberstellung von Ideen der Vergangenheit und denen der Gegenwart, als ob die letzteren nur auf ihre Vergangenheit, auf ihr Alter pochten (Achad-Haam operiert bis zum Ueberdruss mit der unbestimmten und unbestimmbaren Grösse der Vererbung). Bei Lichte betrachtet, wird sich erweisen* dass Ideen, die einst mächtig waren, nicht deshalb unausrottbar sind, weil ihr Gegensatz zu den neuen Ideen frühzeitig aufgedeckt wurde, sondern weil sie Gemüthsbedürfnissen entsprechen, die immer und ewig frisch und lebendig bleiben: sie sind somit Gegenwartsideen, so gut wie andere. Der Kampf zwischen Glauben und Wissenschaft kommt deswegen nie zum Austrag (während doch in der Wissenschaft selbst veraltete Ansichten leicht abgeschafft werden), weil sowohl das religiöse wie das intellectuelle Bedürfnis im Gemiithe ihre nie versiegende Quelle haben; was freilich nicht hindert, dass sie sich beständig wechselseitig beeinflussen und modificieren. Dass sich somit die Bibel neben der Astronomie erhält, kommt davon, dass sie nicht sowohl entgegengesetzte als vielmehr ungleichartige Sphären sind, die sich allerdings in vielen Punkten kreuzen, deren Kreuzung aber besonders seit jener Zeit aufgehört hat fühlbar zu sein, seitdem die Wissenschaft es aufgegeben hat, sich mit transcendenten Fragen zu befassen und somit in die eigentliche Domäne der Religion nicht mehr eingreift. Je positiver, exaeter, specialisierter die Wissenschaft wurde, ein desto freierer Spielraum wurde der Religion gelassen . . . * Die Denkarbeit Achad-Haams bezeichneten wir im vorigen Artikel als angewandte Historiosophie. Auch seine „Zwei Machte", wie alle seine „Fragmente" unterlassen es nicht, einen Seitenblick auf praktische Fragen, auf Fragen des jüdischen Lebens zu richten. Der Ideengang ist folgender: Der Judenhass ist eine Hinterlassenschaft oder,- wie er sich ausdrückt, eines der mächtigsten Gebote der Vergangenheit. Einst war er eine normale, gesunde Erscheinung, weil er dem Empfinden wie dem Denken der Völker entsprach. Zur Anomalie, zur Krankheit wurde er erst in der modernen Zeit, weil er noch wohl dem Empfinden, nicht, aber mehr dem Denken der Völker angemessen ist. Als uns die Gesellschaft Gleichberechtigung schenkte, Hess sie sich hierin von logischen Rücksichten leiten, sie vergass aber, dass eingewurzeltes, vererbtes Empfinden viel stärker sei. Die Heaction der Empfindung gegen das ('onstruetionswerk der Logik konnte auch nicht ausbleiben*) . . . Würden die geistigen Führer des Judenthums, die Zeitgenossen der ersten Verlautbarung der Judenemaneipation, sieh mit Geduld, unserer Nationaltugend, gerüstet haben, hätten sie diesem modernen Gedanken von der Gleichberechtigung der Juden Zeit gelassen zum Ausreifen, dann wäre es nicht ausgeschlossen, dass das Moderne von selbst allmählich den Boden der Vergangenheit (der Vorurtheile und des Hasses gegen die Juden) unterwühlt, das Alte nach und nach zu Trümmern verwandelt hätte. Alf ein sie thaten es nicht* sie spielten bei jeder Gelegenheit das Moderne gegen das Vermächtnis der Vergangenheit aus, sie führten immer der Gesellschaft den logischen Widerspruch smschen den humanen Ideen der Neuzeit und den Vorurtheilcn der Vergangenheit vor Augen. Dadurch verdarben sie alles, sie gewöhnten allmählich die Gesellschaft an den Widerspruch, so dass er sie nicht mehr aufregte . . . Hier haben wir es! Hier zeigt es sich am offenkundigsten, wie wahre, vortreffliche (.Tedanken durch Ideenhypostase und diabetische Mache verzerrt werden! Es ist hier dieselbe falsche Gegenüberstellung von Vergangenem und Gegenwärtigem. Der Hass gegen die Juden wurzelt nicht bloss in der Vergangenheit (wenn wir auch deren erbliche Wirksamkeit nicht in Abrede stellen), sondern mit ebensolcher Stärke tief in der Gegenwart. Der Haas und der Widerwille gegen das Fremde ist ein immer frisches, unausrottbares, weil in der menschlichen Psyche tief begründetes Gefühl, ein Gefühl, gegen welches keine Verkleisterungen und Versteckenspiele etwas auszurichten vermögen. Der Judenhass wird *) Die hier in gesperrter Schrift gesetzten Gedanken reihen sich würdig an jene vortrefflichen, genialen Ansichten/an denen die Arbeiten Achad-Haams trotz ihrer Fehler so reich sind! Aehnliehes hat auch Max Nordau einige Jahre später geäussert.

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