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Die Welt · 1901-11-08 · 45 (8.11.1901) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
45 (8.11.1901)
Article
Achad-Haam als Historiosoph
Date
1901-11-08
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Seite 8 „Die # Welt1* Nr. 45 nun, dass wir uns noch als Nation fühlen, als Nation überhaupt existieren? Achad-Haam glaubt, dass ein Volk, dessen Stammesbewusstsein einst (im biblischen Zeitalter) so mächtig war, dasselbe noch jetzt (am Ende des neunzehnten Jahrhunderts) wieder zu erlangen vermöge. Ja, wie aber eine Lücke von zwei Jahrtausenden ausfüllen? Hier stossen wir auf das Hauptgebrechen der Achad-Haam'schen Forschung, wir meinen auf den Mangel an Berücksichtigung der Fülle objectiver Thatsachen. Ein jeder, der unbefangen unsere Geschichte studiert, muss zugeben, dass die hermetische Abgeschlossenheit des Ghettolebens, die Ausnahmestellung in Handel und Wandel, die gemeinsamen Verfolgungen und Martyrien, die eigenartige, das ganze Gemüth beherrschende talmudisch-rabbinische Literatur, die sich zwar an die Einzelperson wendete, aber zugleich die Gesammtheit des Volkes umfasste, die Feste mit ihrem ausgesprochen religiösen, aber auch nationalen Charakter und die Gebete, die sich sehnsüchtig nach Zion wandten, die Sitten und Gebräuche, dass dies alles das Gefühl nationaler Zusammengehörigkeit wachhalten musste.*) Ja, man wird, wenn man diese Fülle von Thatsachen überblickt, veranlasst, zu glauben, dass in der Diaspora erst recht das Nationalgefühl, so anomal unsere Entwicklung auch war, zu übermächtigem Pulsieren gelangte, wie es auch natürlich ist, dass mit dem Wachsthum der Nationalliteratur auch das Nationalgefühl sich steigert. — Dass der Unternehmungsgeist für nationale Thaten in uns unterdrückt, wenn auch nicht gebrochen wurde, ist leider allzu wahr; insbesondere hat Achad-Haam recht, wenn er unser Gemüth krankhaft nennt, das ist aber grundverschieden vom Verluste des Zusammengehörigkeitsgefühles. Die Individualpsychologie unterscheidet im Gemüthe zweierlei Gefühle: active und passive, solche, die zu Strebungen sich verdichten, Motive des Wollens werden, und solche, die am Böden des Gemüthes schlummern, ohne sich in Willenshandlutfgeii umzusetzen. Eben diese passiven Gefühle besitzen eine beispiellose Zähigkeit, machen das Stimmungsresei voir des Ich aus, und sie haben auch die beständige Tendenz in active überzugehen, wie die* potenzielle Energie die Tendenz hat, sich in kinetische zu verwandeln ... # Zu dem Köstlichsten, was die Feder Achad-Haams geliefert hat, gehören unstreitbar seine ,,Peirurim"-Fragmente und einige andersbetitelte Arbeiten desselben Genres. Sie stehen sowohl in Hinsieht auf formale Künstlerschaft, als auch auf Gedankenreichthum unübertroffen in unserer Literatur da. Sie liefern auch wie keine anderen seiner Arbeiten ein abgeschlossenes, scharf umrissenes Bild von seiner Persönlichkeit mit all ihren Feinheiten und Härten, Stärken imd Schwächen. Hier nimmt seine intellectuelle Phantasie (diese Zusammenstellung enthält, wie die moderne Psychologie lehrt, keinen Gegensatz) den mächtigsten, unbehindertsten Anlauf, hier schwingt er sich auf das hohe Ross der Abstraction, von wo er das Heer der Ideen aufmarschieren lässt . » . Achad-Haam gilt allgemein in unserer Literatur als Analytiker, Zerfaserer. Dies gilt wohl mit Recht von jenen Arbeiten, in denen er sich mit speciellen Fragen befasst; in seinen „Fragmenten" ist er durchwegs Synthetiker, d. i. er lässt die Ge- *) Wir wollen nicht in Abrede stellen, dass diese Welt von Anschauungen, die die Diaspora zutage gefördert, ein ausgesprochen religiöses Gepräge hatte, von selbstbewusstem, vorausschauendem nationalem Wollen nicht getragen war (wie es A. Nossig unrichtig behauptet). Diese Erscheinung ist aber allen Völkern gemein; die Erhebung der Culturen zu nationaler Selbst - bewusstheit ist eine moderne Geburt. Die Hauptsache ist, dass es recht viele, eigenartig gefärbte, von allen Mitgliedern des Volkes erlebte Anschauungen gebe, mögen sie im übrigen tragen welchen Namen sie wollen. Es verhält sich mit dem Volkswie mit dem Individualbewusstsein: es besitzt Einheit und Einheitlichkeit, noch bevor es sich zur Selbstbewusstheit durchgerungen hat. Dass planmüssige, vorausschauende Culturschaffung gerade jetzt, da wir von der Assimilation bedroht sind^ für unser nationales Gedeihen eine Conditio sine qua non ist, ist nur allzu gewiss. Nationalbeiousstsein hat uns das Ghetto geliefert, Sache des Zionismus ist, es zum Selbstbeivusstsein zu steigern. Das ist übrigens auch der wahrhaft grosse Gedanke des Achad-Ham'schen Culturzionismus. Seilschaft vor unseren Augen entstehen, sich aufbauen; sie sind Beiträge zur socialen Dynamik. Nicht diese oder jene Gesellschaft gelangt zur Erörterung, sondern die Gesellschaft an sich, ihre Grundtriebe und -Kräfte, insoferne sie sich zu Gedanken und Ueberzeugungen abklären und verdichten. Allein während die Natur der Gesellschaftstriebe nur allgemein behandelt, der materielle Boden der Gesellschaft gänzlich vernachlässigt wird, verschwendet Achad-Haam seinen ganzen Scharfsinn auf die formalstrategische Seite jener Schlachten, welche Gedanken und Ueberzeugungen innerhalb des socialen Lebens einander liefern. Seine Gesellschaft erscheint als Kampf- oder Manöverplatz von Ideen, die einander das Terrain streitig machen, und die Psychologie seiner Gesellschaft erinnert lebhaft an die Psychologie Herbarts, in der Anschauungen und Erinnerungen, Wahrnehmungen und Vorstellungen um die Enge des Bewusstseins ringen. Die „Fragmente" stellen den unbefangenen Leser vor ein schwer zu lösendes Problem: in keiner seiner Arbeiten gelangt die Zwiespältigkeit im Intellecte Achad-Haams, die Mischung von Evolutionismus und Dialectik, Abstraction aus der Erfahrung und construetivem Machwerke zu solchem Ausdruck wie hier. Bald vernehmen wir den Pulsschlag des Lebens, bald befinden wir uns am Schachbrette, bald fühlen wir uns verblüfft, überwältigt von einer Menge feiner, origineller Gedanken, bald abgestossen von erzwungener, gewollter Systematik. In keiner seiner Arbeiten erhebt sich sein Stil wie seine Argumentationsweise zu solcher plastischer Anschaulichkeit mit einem starken Einschlag ins Dramatische wie hier. Nicht selten sind wir in Verlegenheit, ob wir es mit Bildern, Symbolen oder mit Realitäten zu thun haben. Aber eben diese Plastik ist uns verdächtig, denn sie ist eine Folge von Hypostasierung der Ideen. Wir wollen das Gesagte an Beispielen aus den „Fragmenten" selbst belegen. Wir wählen zuerst seine „Schtei reschujoth" — zwei Mächte — betitelte Abhandlung, deren Ideengang für die anderen Abhandlungen typisch ist. Die Grundgedanken sind etwa folgende: Der gesammte geistige Besitzstand jeder entwickelten Gesellschaft ist das Vermächtnis verflossener Generationen, die Achad-Haam mit Hypnotiseuren vergleicht. Die Mitglieder der Gesellschaft vermeinen aus eigenem Antriebe zu handeln, selbstständig zu denken. Sie sind sich aber nicht bewusst, dass ihre Thaten und Gedanken in den Grundzügen wenigstens längst geregelt, bestimmt sind, dass sie im grossen und ganzen lediglich die Befehle längst vermoderter Gebieter vollstrecken . . . So lange die Entwicklung der, Gesellschaft sich stetig, langsam vollzieht, gibt sie sich auch sorglos jener Selbsttäuschung hin. Allein zuweilen wird die Gesellschaft in ihrer Ruhe gestört: neue, ungeahnte Ideen pochen an die Pforten des socialen Lebens, um Einlass bittend. Kaum wird dies ruchbar, verlassen die erbgesessenen Bürger die eingebürgerten, traditionellen Ideen, ihren Stammsitz, gehen den Ankömmlingen, den neuen Ideen, entgegen, untersuchen, ob diese nicht feindselige Absichten im Schilde tragen, und wenn sie nichts Gefahrdrohendes ermitteln, gestatten sie den 'Neuen, wenn auch nicht ohne Argwohn, ein verstecktes, entlegenes Plätzchen in der Gesellschaft, unter der Bedingung, dass sie sich ruhig, tadellos verhalten. Anfangs fügen sich die Ankömmlinge der ihnen auferlegten Beschränkung, nehmen am öffentlichen Leben keinen Antheil. Allein im Geheimen fassen sie immer tiefere Wurzeln, ohne Aufsehen und Geräusch erweitern sie allmählich ihren Wirkungskreis. Endlich nach gehöriger Erstarkung verlassen die neuen Ideen ihr Versteck, streifen ihre Schüchternheit ab, treten dreist den erbgesessenen Bürgern, den traditionellen Ideen, entgegen, nicht mehr als Fremde. Geduldete, sondern als vollberechtigte Bürger, als Bürger der Gegenicart „ . . (Diese für die Sehreib- und Denkweise Achad-Haams überaus charakteristische Stelle enthält, wenn wir von der Bildlichkeit der Forin absehen, einen vortrefflichen, durch die Entwicklungsgeschichte der mittelalterlichen und neuzeitlichen Philosophie bestätigten Gedanken.) Dieser Zusammenstoss zwischen den alten und neuen Bürgern (traditionellen und modernen Ideen) führt zuweilen zur Eintracht, zur Verbrüderung, wenn sie Berührungspunkte auf-

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