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Die Welt · 1901-11-08 · 45 (8.11.1901) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
45 (8.11.1901)
Article
Achad-Haam als Historiosoph
Date
1901-11-08
Page
10 (sequence 4)
Language
German
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Seite 10 „Die :& Welt" Nx. 45 niii" da 1111 verschwinden, wenn die Juden aufhören werden, als Fremde zu gelten (völlige Assimilation oder eigenes Heim). Wohl hat der Mangel an Zurückhaltung vieler Persönlichkeiten jüdischer Abstammung seit der Emaneipatioiisära den Judenhass, wenn nicht geschaffen, so doch gesteigert. Allein nicht w*»gen ihres Hervorkehrens, Aufdeckens von logischen Widersprüchen, wie es Achad-Haam -will, sondern wegen ihres vorlauten Eindringens ins öffentliche Leben der Culturvölker, wegen ihrer rapiden, augenfälligen Uebernahnie von Führer rollen in den bestehenden socialen Institutionen. Aber auch hier wäre es ein massiges, zweckwidriges Beginnen, der Persönlichkeit in ihrem Streben nach einem Spielraum ihrer Kräfteentfaltung künstliche Dämme in den Weg stellen zu wollen. Solche Vergewaltigungen, wenn sie auch durch führ bar wären, würden uns nichts nützen . . . Sache des Zionismus ist es, dass er zuerst, durch intensive Cultiuarbeit, einen eigenen, würdigen Spielraum schaffe; die Persönlichkeiten werden schon kommen . . . Einen ähnlichen Gedanken hat Achad-Haam in seiner Abhandlung „Assimilation und Nachahmung*'*) in lichtvoller, trefflicher Weise entwickelt. * Achad-Haam ist unstreitbar eine ganze, geschlossene, grosse Persönlichkeit, eine Persönlichkeit, von deren Irrthümern selbst man viel lernen kann, was eben das Merkmal aller Grossen ist. Ob wir ihm in unseren zionistischen Bestrebungen folgen können, das ist eine andere Frage . . . Bücher- und Zeitschriften-Rundschau. JSucber*ßii)1a(if. Der Weg der Treue. Ein Festspiel für die jüdische Jugend von Alexander Simeon. 1901. Vorlag von M. Poppelaue r, Berlin. Convention of Jevvish Societies for promoting physical Culture among the Jewish Masses. Nevvport 1901. * In seinem im Septemberhefts der Monatshefte des „Woschod" erschienen Briefe unter dem Titel: „Eine Stimme aus der Wüste" schildert B a n - A m i eine ganz besondere Kategorie jüdischer Arbeiter, die er jn Wilna und auch in Kovvno kennen gelernt hat. Es sind dies unter dem Namen „Woschowniki" bekannte Taglöhner, deren Beschäftigung darin besteht, dass sie die "auf der Wilja in Wilna angekommenen Flösse, bis über die Knie im Wasser stehend, mittelst grosser langer Hämmer auseinanderschlagen und jeden Balken einzeln mit riesigen Haken ans Ufer ziehen. Von dort werden die Balken mit Pferden in die Depots geschafft, und diese Arbeit wird von jüdischen 13—14-jährigen Knaben besorgt. Diese unglücklichen Geschöpfe bringen jeden Tag fast ununterbrochen 15 Stunden zu Pferde zu, und wenn sie nach Beendigung ihrer Tagesarbeit endlich absteigen, dann sind so abgemattet, dass sie sieh mit Mühe auf den Füssen halten können. Viele Woschowniki versicherten Ben-Ami, dass sie ihre eigene Hundearbeit derjenigen dieser armen Jünglinge noch vorziehen. Diese haben ausserdem noch sehr oft von den Roheiten ihrer unmittelbaren Vorgesetzten, der Woschowniki, zu leiden und werden für die geringste Nachlässigkeit erbarmungslos geschlasren. Die Woschowniki selbst bringen jahraus jahrein circa 15 Stunden täglich im Wasser zu. Sie tragen weite, bis über die Knie reichende Stiefel, die im Wasser auf- (ju^llen und sehr schwer werden. Die Füsse schwellen in den ewig nassen Stiefeln an, und starren im Herbste und im Frühjahre derart, dass die Unglücklichen sie kaum bewegen können. Die Folge dieser entsetzlichen Arbeit, für welche ein Woschownik monatlich zwölf bis sechzehn Rubel erhält, ist natürlich Gelenksrheumatismus. Ben-Ami zieht eine Parallele zwischen dieser Galeerenaibeit im vollsten Sinne des Wortes und derjenigen der Wolga-Flösser, der sogenannten Burlaki, die von vielen grossen Dichtern mit rührenden Worten Geschildert worden ist. Von dem traurigen Dasein d^r Woschowniki aber ist bis jetzt in die jüdische Literatur nichts gedrungen, und nur sehr wenigen ist die Existenz dieser Unglücklichen bekannt. Und trotz dieser schrecklichen Arbeit finden sich unter den Woschowniki siebzig- *) Siehe Nr. 38 und 30 der „Welt". jährige Greise, deren Geistesfrische, Energie und Intelligenz von Ben-Ami gerühmt werden. Auch diese zu so schrecklicher Arbeit verdammten Menschen fühlen das Bedürfnis nach geistiger Erholung und eilen nach vollbrachter ermüdender Arbeit in ihre Klaus (Bethaus), wo sie, nachdem gebetet, einen religiösen oder biblischen Vortrag hören. Und in eben dieser geistigen Nahrung finden diese Unglücklichen und überhaupt die ganze arme jüdische Bevölkerung Lithauens den Muth und die Energie zum Kampfe ums tägliche Brot, wie Ben-Ami es schon in seinem früheren Briefe geschildert hat. J. G. Eine Jungjüdische Bühne. In dem Artikel „"Die Förderung jüdischer Dramatik" (N"r. 43 der „Welt") hat P a n t a r h c i die Grün düng* einer jüdischen Bühne angeregt, die theils dein jüdischen Milieudrama in deutscher Sprache, theils den dramatischen Erzeugnissen einer aufblühenden original-jüdischen Literatur gewidmet wäre. Dieser Gedanke ist gewiss von manchem unserer Leser einfach als ein phantastischer Einfall betrachtet worden, der keinesfalls hier und jetzt zur Wirklichkeit werden könnte. Andere werden wohl über die Hindernisse ernsthafter nachgedacht haben. Da dürften sie auf folgende Momente gekommen sein: 1. Wir haben kein Publicum. 2. Wir haben kein Repertoire. 3. Wir haben kein Capital. Und mit diesen drei Gründen war das Project abgethan. Nun sieht es freilich zunächst so aus, als ob die auf solche Weise Argumentierenden recht hätten. Denn wir haben, wenn wir an ein ständiges jüdisches Theater denken, gegenwärtig in der That keines von jenen drei Dingen. Wir haben kein Publicum. Wenn man nämlich in den westeuropäischen Centren, an die gedacht wird, einerseits von der indifferenten Bourgeoisie, die man erst sehr langsam heranziehen müsste, andererseits von den wenig oder nichts besitzenden Classen, die etwa für Feiertags-Vorstellungen zu ermässigten Preisen in Betracht kämen, absieht, so bleibt durchaus kein Publicum, das genügen würde, um ein so eompliciertes Theater, wie das projektierte, mit seinen zwei Truppen (der deutschen und der jüdischen) zu erhalten. Namentlich wird dies nicht der Fall sein können, wenn das Repertoire ein so kleines sein wird, wie es bei unserer Bühne in ihren Anfängen sein muss. Es ist zwar meiner Ueberzeugung nach richtig, dass ein jüdisches Theater viele Talente wecken, viele nach dem Drama hinlenken würde. Aber in seiner ersten/Zeit, bevor es eine hinreichend, bekannte und anerkannte Institution sein wird, um solchen Einfluss auszuüben, wird die Zahl der zur * Verfügung stehenden Stücke eine sehr geringe sein. Sie wird zu gering sein, um die — noch so knapp begrenzte — Theatersaison auszufüllen. Dieses so kleine Repertoire sehliesst aber noch eine weitere grosse Schwierigkeit in sich. Es soll, wie in dem Artikel Pantarhcis ausgeführt wurde, abwechselnd deutsche und jüdische Stücke bringen. Dazu bedarf es, wie ich schon erwähnt habe, selbstverständlich zweier Truppen : einer deutsch und einer jüdisch sprechenden. Von. den Schwierigkeiten der Zusammenstellung beider will ich hier nicht reden. Aber es ist vor allem für ein Theater, das noch durchaus nicht auf ein. festes Publicum rechnen kann, für ein Theater, dessen Saison auf eine sehr kurze Zeit beschränkt ist, vom primitivsten finanziellen Gesichtspunkte aus völlig unmöglich, zwei Truppen zu erhalten. Oder um es kurz zu sagen: wir werden das für die Errichtung und Entwicklung einer so beschaffenen jüdischen Bühne erforderliche Capital in der nächstenZeit nicht zusammenbringen. Ich habe dieser zustimmenden Erörterung die Worte vorausgeschickt: „Wenn wir an ein ständiges jüdisches Theater denken." In diesem Falle scheinen mir in der That jene drei Gegengründe der Mangel an Publicum, an Repertoire, an Capital, unwiderlegbar zu sein, unwiderlegbar wenigstens für die erste, entscheidende Zeit der Bühne. — Aber wir denken gar nicht an ein ständiges Theater.

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