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Die Welt · 1901-08-23 · 34 (23.8.1901) · p. 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
34 (23.8.1901)
Article
Zweierlei Juden
Date
1901-08-23
Page
14 (sequence 3)
Language
German
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Seite 14 „Die # Welt" Nr. 34 Manne erlebt, wenn seine Afanage nicht pünktlich ausbezahlt wird. Ihn knüpft nichts als die Apanage an mich und Euch." „Du kannst ruhig sein, sie wird ihm pünktlich ausbezahlt werden," sagte Herr von Tulpenthal. Gar so weit sind wir, Gottlob, noch nicht. Ich kann nicht im Augenblicke vier Millionen zur Verfügung stellen, damit Emniy sofort die Frau des Grafen Brandt werde, aber die hunderttausend Kronen für Deinen Mann werde ich zu jeder Zeit besitzen, und schliesslich soll auch Emmy ihren Grafen Brandt bekommen.'' „Wie das, wenn Du den letzten Groschen beim Hafenbau verlierst," fragte seine Frau. „Das kümmert Dich nicht; lasse mich dafür sorgen. Ich werde mich aus der Affaire ziehen, so oder so. Die Baronie werde ich für die Art.. wie ich mich herauswinde, allerdings nicht bekommen." „Du wirst Dich insolvent erklären, Concurs anmelden?" „Verrückt werde ich sein und meinen letzten Groschen der Regierung in den Rachen werfen, mir die Haut über die Ohren ziehen lassen! Ich werde an dem Hafenbau nichts verdienen, aber vom Pönale zahle ich nicht einen rothen Heller." „Du willst Dich insolvent erklären, vor Gericht kommen, eingesperrt werden und Schmach und Schande auf uns häufen? Die Welt soll mit den Fingern auf uns weisen?" „Wäre es vielleicht besser, die Welt wiese auf mich, weil ich ein Bettler geworden? Soll Mary von ihrem Manne aus dem Hause gejagt werden, weil ich ihm die Apanage nicht zahlen kann, und Emmy sich zu Tode kränken, weil sie ihren Grafen Brandt nicht bekommt? Ueberlasst die Dinge mir; ich werde sie in Ordnung bringen. Ich hätte zwar meine Ehre sehr gerne behalten, schon wegen der Baronie, die mjr dann schliesslich doch nicht entgangen wäre, aber wenn ich wählen muss zwischen Geld und Ehre, lasse ich die Ehre laufen und behalte das Geld." „So wird meine Verlobung mit dem Grafen Brandt in den nächsten Tagen nicht erfolgen?"' fragte Emmy mit gepresster, von Thränen erstickter Stimme. „Nein, das wird sie nicht. Doch Geduld, sie wird stattfinden; in zwei Monaten, in drei Monaten. Du sollst Deinen Grafen bekommen, so gut Mary ihren bekommen hat. Beruhige Dich. Du weisst, mein Wort ist ein Wort, und was ich verspreche, halte ich. Und nun Adieu; ich habe dringende Geschäfte. Beruhigt Eure gute Mutter: Sie braucht sich nicht scheiden zu lassen, sie kann weiter gespreizt herumgehen wie ein Pfau und mir das Leben bitter machen wie Galle." III. Frau von Tulpenthal sah ein, dass es übereilt war, die Einladungen zur grossen Soire" ergehen zu lassen, welche sie zum Verlobungsfeste ihrer Tochter Emmy gestalten wollte. Sie gedachte, ihren Gatten in eine Zwangslage zu versetzen, die Verlobung angesichts der grossen Gesellschaft bekanntzugeben, da kam er mit seiner Eröffnung, die beanspruchte Mitgift jetzt unmöglich beschaffen zu können. So wurde ihr Plan zunichte. Den Empfang nunmehr abzusagen, gieng nicht recht an. Der Graf hatte seine Freunde gelanden, auch die Gräfin Bernardi wollte erscheinen, und man durfte so feine Leute nicht vor den Kopf stossen. Allerdings wird der Abend eine Enttäuschung bringen, da alle Welt die Verlobung erwartet, doch wTenn man das Fest aufschiebt, ist es noch ärger. Dann verbreitet sich das Gerücht, die Beziehungen wären überhaupt abgebrochen, während, wenn man es abhält und die Gäste den Grafen Brandt im besten Einvernehmen mit Euch sehen, niemand derlei Gedanken hegen wird. Am unangenehmsten war es, dem Grafen bekannt zu geben, dass seine Verlobung noch nicht stattfinden werde, und Tulpenthal sollte es übernehmen, ihm diese Mittheilung mit möglichster Schonung beizubringen. Nun, er wollte sie ihm beibringen. Der Graf ist kein so feuriger Liebhaber, dass ihn die Ungeduld verzehren sollte. Ihm ist es ja hauptsächlich um die Mitgift zu thun, und . auf die erhält er bereits seit einiger Zeit sehr respectable Vorschüsse. Und wenn er ihn mit noch grösseren Summen füttern müsste, die Verlobung muss doch noch hinausgeschoben werden, nicht allein, weil er die vier Millionen nicht beisammen hat, sondern auch aus einem anderen sehr triftigen Grunde. Wenn er nämlich zwei Monate gewann, so ersparte er an der Mitgift fast die Hälfte, schmolzen die vier Millionen auf zwei zusammen. Und das vollzog sich in ziemlich einfacher W7eise: Graf Brandt hatte um Emmy angehalten und Tulpenthal seine Einwilligung um so freudiger gegeben, als er selbst es war, der ihn durch seinen Schwiegersohn, den Grafen Steinwaldt, ermuntern hatte lassen. Ja, als er vor anderthalb Jahren dessen Stammgut Lebenstein ankaufte, geschah es bereits in der Absicht, den Grafen dadurch an sich zu locken. Wenn er auch für seine zweite Tochter einen Grafen haben sollte, konnte es bloss einer sein, dem, wie seinerzeit dem Grafen Steinwaldt, das Wasser bis an den Hals reichte. Und Graf Brandt war bereits seit eineinhalb Jahren so weit. Sein und seiner Gattin Vermögen hatte er längst bis auf den letzten Heller vergeudet, und da sein immens reicher Oheim, der Reichsgraf von Wetterstein, nichts von ihm wissen wollte, lebte er bloss von dem, was ihm die Wucherer zu ungeheueren Zinsen liehen. Seine Frau war bereits seit Jahren von ihm getrennt. Er hatte nicht allein ihr grosses Vermögen durchgebracht, den letzten Rest ihrer Familienkleinodien bemerkte sie auf einem WTohlthätigkeitsfeste nur an Hals und in den Ohren einer Schauspielerin. Und dieselbe Schauspielerin verbrachte, ohne dass es die Gräfin geahnt hätte, Tage und Nächte mit ihr unter einem Dache. Als sie das endlich erfuhr, liess sie ihre Koffer packen und reiste zu ihrem Oheim, dem Baron Wiesenberg, der in der Nähe von Lebenstein auf seinem Gute Ebersdorf wohnte. Graf Brandt unternahm keinen Versuch, sie zurückzuholen. Er spielte, machte Schulden und blieb ein angesehener Mann, denn seine Ehre und sein Ansehen hatten durch all die Niedertracht, die er begangen, nicht den geringsten Abbruch erfahren. Er war eine elegante, weltmännische Erscheinung, wurde in seinen Kreisen gerne gesehen, und wenn er sich hie und da zur bürgerlichen Gesellschaft herabliess, vergötterten sie ihn geradezu. Aber das Wasser gieng ihm von Tag zu Tag höher. Er hatte seine noblen Passionen nicht aufgegeben und der Gerichtsvollzieher weckte ihn täglich aus dem Schlafe. Da war er für Arehibald Ritter von Tulpenthal reif geworden. Dafür, dass er sein Stammgut wieder erhielt, ferner für die Bezahlung seiner Schulden und eine ansehnliche Apanage sollte er ein so schönes Mädchen wie Emmy nicht zur Frau nehmen? Steinwaldt gab ihm die nöthigen Andeutungen, und so erschien er eines Tages bei Tulpenthal, der sehr überrascht that, nichtsdestoweniger aber seine Zustimmung sofort gab. Bevor aber noch das letzte entscheidende Wort gefallen war, begann Salomon plötzlich allerlei Einwendungen zu erheben. Das war, als er zu seinem Schrecken vernahm, Graf Brandt beanspruche vier Millionen, sein Stammgut Lobenstein und überdies noch eine Apanage. Nun meinte er, die Sache noch ein wenig ' erwägen zu müssen, man dürfe sich keine Uebereihmg zuschulden kommen lassen und derlei mehr. Der Graf möge sich als der Verlobte seiner Tochter betrachten, doch an die öffentliche Verlobung dürfe noch nicht gedacht werden; er habe seine Gründe dafür. Der Graf war auch hiermit zufrieden, nur sollte sich Herr von Tulpenthal bequemen, auf die Mitgift einige Vorschüsse zu leisten. Das konnte der Alte nicht gut verweigern, und so fütterte er Brandt seit Wochen mit ansehnlichen Summen. Graf Brandt kam in sein Haus, betrachtete sieh als zur Familie gehörend, allein Tulpenthal zögerte, die Verlobung zu feiern, so sehr auch seine Frau und seine beiden Töchter in ihn drangen. Wenn er dem Grafen den dritten Theil seines Vermögens , opferte, musste er später unbedingt insolvent werden, weil er ■ seinen Verpflichtungen der Regierung gegenüber anders nicht ge- . recht werden konnte, als wenn er mit seinem ganzen derzeitigen Vermögen für die Verluste einstand, die er beim Hafenbau erlitt. Nun, mit dem Gedanken, diese Verluste nicht zu tragen, war er , längst vertraut, und es gewährte ihm sogar eine gewisse Genugthuung, sich durch die Heirat seiner Tochter mit dem Grafen Brandt die Möglichkeit abzuschneiden, eine Dummheit zu begehen, das heisst: im letzten Augenblicke dennoch zu zahlen. Der Graf sollte also sein Schwiegersohn werden, nun konnte man aber erst recht ein gutes Geschäft machen. Graf Brandt schuldet un-

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