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Die Welt · 1901-08-23 · 34 (23.8.1901) · p. 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
34 (23.8.1901)
Article
Zweierlei Juden
Date
1901-08-23
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 34 „Die & Welt Seite 13 Jetzt wurde Rosenstedri angemeldet. Er trat mit, höflichem Gruss! ein, wurde jedoch, wortlos empfangen. Herr von Tulpenthal wendete sich zur Seiten seine beiden Töchter blickten aristokratisch kühl, ohne mit, der Wimper zu zucken, auf ihn, und bloss die alte Frau erwiderte seinen Gruss durch eine leichte Handbewegung, „Gnädige Frau haben mich rufen lassen?" fragte Rosenstein.;-, . •« •- ■ ■ Er sagte gnädige Frau, nicht gnädige Frau Baronin. In den -Augen Fräulein Emmys blitzte es zornig, Gräfin Steinwal dt biss in die Unterlippe, wandte sich aber dann an ihren Vater Und sagte ganz laut : „Habe ich Dich nicht schon vor Jahren gebeten, diesen . . . diesen Juden aus dem Hause zu thun?" „Diesen Juden? Sie meinen mich, Frau Gräfin?" fragte Rosenstein. ^Beruhigen Sie sich, Frau Gräfin, dieser Jude ist schon zehnmal von Ihrem Vater fort, doch er hat ihn stets zurückgeholt; zuweilen fast mit Gewalt. . Freiwillig wäre ich nie zurückgekehrt, denn ich habe es mir noch keinen Augenblick zur Eine gerechnet, in den Diensten Ihres Herrn Papas stehen zu dürfen. — Das wäre erledigt; darf ich nun bitten, gnädige Frau, weshalb Sie mich rufen Hessen?" „Nehmen Sie Platz, Herr Rosen stein/*' „Ich danke; die Auszeichnung ist zu gross/' „Nein, nehmen Sie Platz, ich muss eingehend mit Ihnen sprechen." „Bitte!" „Sie haben doch die Bilanz im Kopfe? Sagen Sie mir, wie unsere Activen und Passiven stehen." „Das ist das Geheimnis des Herrn Ritter von Tulpenthal, und wenn er mich zu sprechen nicht ermächtigt, kann ich Ihnen keine Aufklärung geben." „Sprechen Sie ungeniert," sagte Tulpenthal, „die ganze Wahrheit; meine Frau soll endlich wissen, woran sie ist." „Wenn dem so ist, bin ich bereit: Die Bilanz wies nach der letzten Aufstellung ein reines Vermögen von zwölfeinhalb Millionen aus.'" „ZwÖlfeinhalb Millionen. Und wäre es möglich, in kurzer Zeit vier Millionen flüssig zu machen?" fragte Frau v. Tulpenthal. „O ja, auch mehr. Der Credit des Herrn v. Tulpenthal ist ein fast unbeschränkter. Er hat bloss ein Accept zu begeben und bekommt so viel Geld als er will." „Nein, ich meine ohne Accepte, ob aus unseren eigenen Activen vier Millionen flüssig zu machen sind?" „Aus unseren eigenen Activen? Nicht einmal eine halbe, eine viertel Million. Unsere Activa ist in unseren Unternehmungen vollkommen festgerannt, nicht diese allein, sondern auch zehn Millionen, die wir verschiedenen Banken schulden. Herr v. Tulpenthal besitzt heute zwölf einhalb Millionen — in unseren Büchern, wenn aber bei den Hafenarbeiten in absehbarer Zeit keine radicale Aenderung eintritt, ist er ein Bettler." Der alte Tulpenthal wurde bei diesen Worten Rosensteins bleich; er begann am ganzen Körper zu zittern. Mühsam stiess er hervor: „Da habt Ihr nun die Wahrheit." „Vielleicht gehen Sie dann mit Papa in Compagnie und eröffnen mit ihm ein Geschäft in alten Kleidern?" sagte Gräfin Mary. Rosenstein schwieg. „Wie ist denn das mit dem Hafen?" fragte Frau von Tulpenthal. „Ein kleiner Rechenfehler, das ist das ganze. Herr von Tulpenthal kann Ihnen sehr leicht die gewünschte Aufklärung geben."' „Ich möchte sie von Ihnen hören." „Die Sache ist sehr einfach: HJerr von Tulpenthal hat den Hafen für vierzig Millionen zu bauen übernommen. In drei Jahren müsste die Arbeit vollendet sein, und wäre sie in dieser Zeit vollendet, so würde ein Nutzen von sechs, acht Millionen erzielt werden. Nun sind aber anderthalb Jahre vorüber, und es ist noch rächt einmal der vierte Theil bewältigt, in den nächsten anderthalb Jahren wird eben so viel fertig werden, so. dass in dert bedungenen drei Jahren bloss die Hälfte der Arbeit erledigt sein wird. Statt drei Jahre, nimmt der Hafen sechs Jahre in Anspruch, Herr V. Tulpenthal hat aber für jeden Tag, den er über die bedungenen drei Jahre zur Vollendung der Arbeiten benöthigt, ein Pönale von zehntausend Kronen zu bezahlen. Dies allein, ergibt einen Ausfall von elf Millionen. Hierzu kommt noch, dass den Arbeitern ein höherer Taglohn bewilligt werden musste, als angenommen worden war. Dieser Mehrbetrag ergibt in sechs Jahren sieben bis acht Millionen, das wären zusammen achtzehn bis neunzehn Millionen. Dieser unvorhergesehene Ausfall von etwa neunzehn Millionen ergibt anstatt des zu erhoffenden Gewinnes von sechs bis acht Millionen einen Verlust von elf bis dreizehn Millionen. So viel ungefähr besitzt Herr v. Tulpenthal im Vermögen, und wenn er den Hafen vollendet und das Pönale bezahlt haben wird, bleibt ihm nichts übrig." „Und wie konnte er sich derart verrechnen?" „Um den Hafen in drei Jahren zu vollenden, müssten täglich achttausend Arbeiter beschäftigt sein, trotz aller Versuche gieng es nun aber nicht, mehr als viertausend zu finden. Auch diesen war der Taglohn zu gering, sie bekommen statt vier Kronen fünf. Berechnen Sie, was diese eine Krone in sechs Jahren für Summe ergibt. Hierzu kommt noch das Pönale von täglich zehntausend Kronen, das nach dem dritten Jahre so lange gezahlt werden muss, bis der Hafen vollendet ist." „Dann sind wir demnach Bettler?" fragte Frau von Tulpenthal. Rosenstein schwieg. Die alte Frau schien keine Antwort zu erwarten. Sie blickte ruhig vor sich, bloss ihre Hände zuckten nervös. Auch ihre beiden Töchter bewegten sich nicht, nur Herr v. Tulpenthal trommelte mit den Fingern auf seine Kniee. „Es ist gut, Rosenstein," sagte Frau v. Tulpenthal, „Sie können gehen." Er erhob sich und gieng unter dem tiefen Schweigen der Anwesenden. Noch einen Augenblick währte die Stille, dann fuhr Frau v. Tulpenthal wie eine Furie von ihrem Sitz auf: „Also zu Bettlern machst Du uns, mich und meine Kinder? Achtundzwanzig Jahre habe ich an Deiner Seite leben und mich von Dir anwidern lassen müssen, um schliesslich ins Elend zu wandern?" „Ich bitte Dich, Johanna, schreie nicht!" „Was, schreien soll ich nicht? Soll ich Dir es vielleicht zuflüstern, dass Du ein Hallunke, ein ordinärer Schacherjud bist, der nicht einmal so viel Vernunft besitzt, um das, was er erschachert hat, zu behalten? Hinausrufen will ich es in die ganze Welt, wer Du bist und was Du bist." „Wer bin ich?" „Ein Schnorrer bist Du, der heute-morgen in der Judengasse einen Handel mit alten Kleidern etablieren wird. Du bist übrigens zu anderem nicht geboren, die Judengasse war stets Dein Element. Glaube aber nur nicht, dass wir Dir dahin folgen. Du kannst gehen, wohin Du willst, ich und meine Kinder, wir haben mehr keine Gemeinschaft mit Dir." „Als ob ich nicht wüsste, dass Du Dich von mir lossagen würdest, wenn ich arm wäre. Ich habe Millionen verdient und trotzdem an Deiner Seite keine gute Stunde verlebt. Es wäre ein auserlesenes Vergnügen, Dein Mann zu sein und kein Vermögen zu besitzen. Wie das Fegefeuer schmeckt, weiss ich bereits, dann aber wüsste ich aueh^wie es in der Hölle aussieht." „Es dürfte besser sein, die Bilder Eures Ehelebens nicht aufzurollen," meinte Gräfin Mary. „Ihr habt da ein anderes Bild vor Euch: Einmy, ein Bild des Jammers. Ihr seht, dass sie nicht einmal mehr zu weinen vermag, sie ist vollständig gebrochen. Anstatt die letzte Energie anzuspannen, um ihr zu helfen, ergeht Ihr Euch in Zank und Streit-. Von mir will ich nicht sprechen, icli mäche Euch bloss aufmerksam, dass Ihr Euch einen solchen Scandal gar nicht vorzustellen vermögt, wie Ihr ihn von meinem

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