Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 33 (16.8.1901)
- Article
- Eine "Geschichte der Israeliten"
- Date
- 1901-08-16
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 9 ,.Pfe & Welt'* Ni:, 33., Gruppen, die in die verschiedensten Staaten der drei alten Conünente versprengt wurden —- Israel sollte mit einem Sehlage aufgehört haben, eine Naliön zu sein? Ei, Sie vergessen wohl die französische Revolution? J >ies ist das grosse geschichtliche Ereignis, welches die Wunderthat der Umwandlung des jüdischen Volkes in eine „religiöse Gruppe" voflbracht h?t. Sie hat den Juden — Verzeihung, den Israeliten -— die Menschen- und Bürgerrechte gegeben, und mit diesen kostbaren Rechten ausgestattet, haben sie sogleich aufgehört, Mitglieder der viertausendjährigen Nation zu sein, um hinfort nichts anderes vorzustellen, als freiwillige Angehörige des Ccnlral-Gonsistoriums, einer vom französi.-chen Geselze geschaffenen kirchlichen Behörde. Von nun an hat der Jude ein Vaterland, er hat sogar eine grosse Menge von Vaterländern, unter denen er seine Auswahl treffen kann. Sein Volk? Das ist die Gesnmmlhcit seiner Mitbürger, die einhellig „Tod den Juden" rufen. Seine Hoffnung? Die ist, zum Ritter der Ehrenlegion ernannt zu werden und seine edle Gemahlin einem Laden in einem zu katholischen Zwecken veranstalteten Bazar vo?stehen zu sehen. Sein Schrecken? Sein Greuel? Das Auftreten jener wahnwitzigen Verbrecher, die sich Zionisten nennen, die da behaupten, dass das jüdische Volk immerfort besteht und die für dieses Volk dessen geschichtlichen Heimatsboden in Anspruch nehmen. Ich schlage den Band zu und bin ganz verwirrt, ' denn ich habe einem Wunder beigewohnt, das mich ganz aus der Fassung gebracht hat. Das Wunder aber ist, dass Herr Th. Reinach dieses Buch geschrieben hat. * Sie Unglückseliger! Welcher böse Geist hat sich Ihrer bemächtigt und hat Ihre Hand ohne Ihren AVillen, entgegen Ihrem Willen geführt? Ja, verstehen Sie denn nicht, dass Ihr Werk gewaltsam den schönen Lehrsatz über den Haufen wirft, den Sie mit so viel Anstrengung und so viel Liebe aufgerichtet haben? Wie? Sie wollen, dass der Geist Ihrer Leser recht durchdrungen sei von diesem Gedanken, dass es mehr keim.' jüdische Nation gebe, und Sie leiten Ihre Schlussrhetorik mit 40J pathetischen, unvergesslichen Seiten ein, die das jüdisch-nationale Empfinden selbst bei Herrn Gaston Pollonnais und bei Frau Porges wiedererwecken könnten? Begreifen Sie denn nicht, dass das beste, das einzige, das unfehlbare Mittel zur Stärkung, zur Wiederherstellung des nationalen Bewusstseins eines Volkes, das im Begriffe steht, die Kenntnis seiner ethnischenlndividualifätzuverüeren, eben das ist, dassman ihm seine Geschichte erzählt ihm seine Almen ins Gedächtnis rult, ihm von ihren Grossthaten singt und sagt, ihm den Stolz auf seine Vergangenheit eingibt und den Genuss eines Erbes gewährt, das es verlernt hat, als das seinige von rechtswegen zu betrachten? Wahrhaftig, wenn es in der That kein Volk mehr wäre, man müsste es durch dieses Mittel unfehlbar zu einem solchen machen. Sie lassen aus den Grabmalen die tragischen Stimmen der Vorfahren emporsteigen und können sich noch schmeicheln, dass man neben diesem Donnerhall, Ihre zierliche Flöte, den Flötenton eines eleganten Assimilators vernehmen wird? Wir haben es glücklich _ dahingebracht, Generationen von Juden zu haben, die von der jüdischen Geschichte gar nichts wissen wollen,-; deren Verehrung für Peter den Einsiedler ohne Grenze ist, deren Begeisterung im „Saale der Kreuz-' fahieru zu Versailles überschäumt, die die edle Gestalt Philipps des Schönen in Rührung versetzt, die im Geiste wollüstig das mystische und fromme Mittelalter1 durchleben, und Sie gehen hin und predigen diesen für die gute Sache der .Assimilationgewonnenen Geschlechtern, dass Peter der Einsiedler jüdisches Blu't trank, dass die Kreuzfahrer erst in den jüdischen Vierteln der europäischen Städte plünderten,/ Schandthaten übten, Brand stifteten und Blutbäder anrichteten, ehe sie ihre edle Haut in Asien zu Markte trugen, dass Philipp der Schöne die Juden aus Frankreich' vertrieb, und dass das schöne Mittelalter die Zeit der'jüdischen Folterqualen und Metzeleien war? Und Sie wollen, dass die derartig aufgeklärten Geschlechter fortfahren sollen, sich eins zu fühlen mit den Auditoren Peters des Einsiedlers und mit den Kreuzfahrern, mit den Söldnern Philipps des Schönen und mit den Ansteckern der jüdischen Scheiterhaufen? Konnten Sie nicht den Antisemiten die Sorge überlassen, die Geschichte des jüdischen Volkes zu schreiben? Ist es nicht schon empörend genug, dass man diese verruchten Zionisten nicht hindern kann, in verschollenen Chroniken zu kramen und die so glücklich bestatteten Geister der Ahnen heraufzubeschwören? Undnun kommen Sie, der Assimilierte, Sie, der Assimilant, dessen Name den „israelitischen" Leser in Sicherheit wiegt, nun kommen sie, das fruchtbare Werk unserer Rabbiner und Consistorialmitglieder zu vernichten, deren Nachkommen heutigentags ausgezeichnete Katholiken und Antisemiten sind? Sie sollten die schon vorhandenen jüdischen Geschichtsbücher den Flammen preisgeben, und Sie vergessen sich soweit, deren Zahl zu vergrössern? Am Ende sind Sie gar ein Verräther? Nein, Herr Th. Reinach ist kein Verräther. Er ist nicht verantwortlich für das, was er thut Das Unbewusste in ihm hät ihn über das Bewusste hinweggehoben. Es wiederholt sich da, nach einem Zeitraum von 4300 Jahren, die wunderbare Geschichte von Bileam, der ausgezogen war, zu fluchen, und der gezwungen wurde, zu segnen, seinem Herrn und Meister Balak und sich selbst zum Trotz. Herr Theodor Reinach will die jüdische Nation vernichte n, Er will die Juden überreden, dass sie als solche nicht mehr existieren. Um ihnen das zu beweisen, erzählt er ihnen ihre Geschichte nach seiner Art. Allein während er schreibt, ergreift ihn der Stoff allmählich, beherrscht ihn, reisst ihn fort; er vergisst, was er beweisen wollte, vergisst, weswegen er die Feder ergriffen, vergissst, dass er fluchen wollte, und er segnet, segnet, segnet bis zur Athemlosigkeit. Das macht: es glomm noch in ihm, in einer verborgenen Ecke seiner Seele, ein kleines vergessenes Fünkchen ererbten jüdischen Empfindens, verdeckt von einer so dicken Schicht assimilatorischer Asche, dass er dessen Existenz gar nicht argwöhnte. Als er nun die Pforten der Vergangenheit leichtfertig öffnete, wurde er von einem hefligen Luftzug ergriffen. Die Asche stob auseinander, das Fünkchen erglühte wieder, flammte auf und setzte das jämmerlichzerbrechliche Gerüst seines assimilatorischen Lehrsatzes in Brand. Viel zu spät kam er zur Erkenntnis seiner Unvorsichtigkeit und machte komisch verzweifelte Anstrengungen, die giossartige Glut mit den lächerlich kleinen Wasserstrahlen seiner assimilatorischen Betheuerungen zu dämpfen. Dieser arme Th. Reinach bietet das lehrreichste Beispiel für den Seelenzustand des westlichen Juden, der noch nicht den Muth gefunden hat, den grossen Sprung zu thun, mit dem Judenthum endgiltig zu brechen, sich selbst treu zu bleiben. Ein Riss geht durch sein ganzes Wesen. Seine Vernunft möchte ihm beweisen, dass er nichts mehr vom jüdischen Volksthuni an sich habe, und dass er nichts anderes sei,