Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 33 (16.8.1901)
- Article
- Eine "Geschichte der Israeliten"
- Date
- 1901-08-16
- Page
- 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3315709-3315905-3315939-3399098--27591-3399166- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 3$ „Die' & Welt40 Seite 3 als ein freier, nichtchristlichcr Gallier; dem Gefühle nach ist er jedoch noch gar lief Jude, sich selbst zum Trotz. Seine Vernunft gibt ihm die letzten 70 Seiten seines Buches ein, aber sein Gefühl ist es, das ihn antreibt, sich mit der Geschichte des judischen Volkes zu beschäftigen, während doch die von Mithridates seiner Ambition Genüge leisten könnte. So ist er denn der Typus jenes bedauernswerten ,,Nebbichs", der sich von zwei entgegengesetzten Neigungen grausam hin- und hergezaust fühlt und die Qualen eines Gevierthe lten erleidet. Nein, nein, Herr Th. Reinach: Wenn man die Assimilation will, muss man nicht die nationalen Erinnerungen wachrufen. Schreiben Sie keine jüdischen Geschichtsbücher, folgen Sie mir. Trachten Sic, Vergessenheit zu schaffen. Lassen Sie unsere bewundernswerten Raouls und Gastons vergessen, dass sie die Kinder Abrahams und Mosis sind. Können Sie aber der atavistischen Leidenschaft, die Geschichte unseres und Ihres Volkes zu erzählen, nicht widerstehen, so nennen Sie Ihr Buch „Geschichte der Hebräer", der „Ivrim" oder der „Judäer"; suchen Sie, machen Sie irgendeinen allerthümliehen, wenig bekannten Namen ausfindig, von dm die gegenwärtigen „Youpins" nicht argwöhnen sollen, dass die Geschichte dieser Barbaren mit dem borstigen Namen die ihrer eigenen Väter ist, der Väter der israelischen Franzosen. Lethe! Lethe! Das ist das einzige Heilmittel gegen die Krankheit der Rückerinnerung, dieser unversiegbaren Quelle der jüdisch-nationalen Empfindung .. . Die Weinfrage und die Rebencultur in Palästina. Von A. Aaronsohn und Dr. S. Soskin (Zichron-Jacob). (Schluss.)*) Indem wir nun zur Besprechung der Rosinenerzeugung in Palästina übergehen, wollen wir noch bemerken, dass ausser den Rebenpflanzungen im Gebirge von Jerusalem und Nabulus diesseits des Jordans nur noch vereinzelte kleine Weinberge zu finden sind. Ein ganz anderes Bild zeigt das Land östlich vom Jordan, wo es im allgemeinen weniger cultiviert ist. Die Beduinen von D jolan sind grosse Liebhaber von Trauben, und die Dorfbewohner wissen daraus Profit zu ziehen. Man begegnet ausgedehnten Weinbergen fast in allen Dörfern des Djebel Ajloun. Die Dörfer A j 1 o u n, Tibneh, Anbeh etc. besitzen sogar Weinberge in einem Umfange von 20 bis 100 Hektar. Dort werden die Trauben auf Eseln oder Maulthieren von einem Beduinenlager zum anderen transportiert Was nicht frisch verbraucht wird, wandelt man in Rosinen um. Dieser Produciionszweig nimmt aber hier eine untergeordnete Stellung ein. Die Art und Weise des Absatzes der Rosinen erinnert an den primitiven Tauschhandel längst entschwundener uralter Zeiten. Nach Vollendung der Rosinenfabrication, wenn die ganze Ernte zum Verkauf fertig vorliegt, werden grosse Feuer auf den Gebirgshöhen angezündet. Sobald die Signale von den Beduinen, die in der Ebene streifen, bemerkt werden, steigen diese zu den Einwohnern der Gebirgsdörfer hinauf, von ihren Eseln, die mit Getreide beladen sind, begleitet Einige Tage hindurch herrscht ein wilder Austauscli von Waren, ohne dass ein Kreuzer Geld zu sehen ist. Dieser Austausch ist von ohrenbetäubendem Geschrei und heftigen Schimpfwörtern begleitet, bis sich zum Schlüsse allgemeiner Friede einstellt, wie es übrigens bei allen commerziellen Abmachungen unter den Arabern üblich ist. *) Vergleiche Nr. 32 der „Welt"- Wir gehen nun zu dem durch seine Production am wichtigsten erscheinenden Orte über, der für uns überdies vermöge der Schlussfolgerungen, welche wir bei seiner Besprechung für uns ziehen können, von dem allergrössten Interesse ist. Wir meinen E s-S a 1 t mit seinen Weinbergen. Salt, welches von mancher Seite mit dem alten IVbl fllEH (Ramoth Gilead) und auch mit nSÜCft (Mizpah) identificiert wird, befindet sich jenseits des Jordans, am Eingänge der grossen und reichen Ebene von B e 1 k a a. Die Bevölkerung, die sich auf 7—8000 See'en beziffert, treibt ausschliesslich Landwirtschaft. Da die fruchtbaren Ebenen des Belkaa von Salt noch ziemlich weit entfernt sind und die Sicherheitsverhältnisse bis vor kurzem sehr ungünstig waren, so zogen es die Einwohner von Salt vor, die Berghänge, sowie die engen und tiefen Thäler in Angriff zu nehmen, um sie in blühende Weinberge zu verwandeln. Die Cultur der Rebe wird dort schon seit sehr langer Zeit geübt, lange noch vor der ungefähr 40 — 60 Jahre zurückreichenden vollkommenen Unterwerfung des Landes durch die gegenwärtige Regierung. Wir haben schon eingangs erwähnt und können nur noch nachdrücklicher darauf hinweisen, dass es unmöglich ist, zuverlässige statistische Daten in Palästina zu sammeln. Wir können also auch hier, wie im Vorhergehenden, nur annähernde Ziffern angeben, welche auf Schätzungen oder persönlichen Eindrücken beruhen. Wenn wir nur darnach urtheilen wollen, was wir an Weinbergen in Salt gesehen haben, und zwar erst unlängst, so glauben wir den Flächenraum der ausgereiften, ertragsfähigen Pflanzungen mit ca. 2000 ha ansetzen zu dürfen. Absatzschwierigkeiten kennen die Bauern nicht. Der leichte Absatz und die guten Preise, welche sich ihnen in den letzten Jahren darboten, spornten die Bevölkerung an, neue Pflanzungen anzulegen. Wir schätzen diese letzteren, noch nicht ertragsfähigen Weinberge auf ca. 1000 ha. Die Weinberge sind dort sehr zerstückelt. Der grösste Theil der Besitzer nennt bloss 1—2 ha sein Eigen, manchmal noch weniger. Sogar diejenigen, welche bedeutend mehr besitzen, vertheilen ebenfalls ihren Besitz in Lose von 1—L2 ha, und jedes Los wird einem besonden Theilpächter zur Bearbeitung anvertraut. Die directe Bearbeitung durch den Besitzer ist wenig verbreitet; es ist das System der Theilpacht, welches vorherrscht. Ein Theilpächter besorgt mit seiner ganzen Familie die Bearbeitung des Loses und erhält dafür ein Viertel der Einnahmen des betreffenden von ihm gepflegten Weinberges. Dieses System scheint sehr ökonomisch zu sein. Da die Lose klein sind, so kann eine Familie ohne Beihilfe von fremder Handarbeit die Bearbeitung eines Weinberges bewerkstelligen, welche nach dem dort üblichen Vorgange aus zweimaligem Ackern, dem Beschneiden der Reben und einer oder zwei leichten Hauen zu bestehen pflegt. Die Hut und die Rosinenerzeugung wild ebenfalls von der Familie des Theilpächters besorgt. Wenn man auch hier v< rhältnismässig wenig frische Trauben absetzt, so werden immerhin nicht unbeträchtliche Mengen nach den Beduinenlagern und nach Kerak befördert. Dagegen ist der locale Verbrauch ungeheuer gross. Während der 40—50 Tage vom Anfange der Traubenreife bis ans Ende der Rosinenfabrication ernährt sich die ganze Familie des Theilpächters sarnmt naher und ferner Verwandschaft, häufig bis zu 15 Seelen per Theilpächter, ausschliesslich von Trauben und etwas Brot und Zwiebeln. „Der liebe Herrgott sollte elf Monate des Jahres hindurch Trauben zur Nahrung reifen lassen'4