Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 31 (2.8.1901)
- Article
- Im Schnee
- Date
- 1901-08-02
- Page
- 12 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 12 „Die # Welt46 Nr. 31 erstarrt, und er fühlt, wie die Pulse der Hände, die er hält, plötzlich stocken. Mit zitternden Händen hält sieh der Vorbeter an dem schweren Tische an, dass die Kry stalle der Gläser leise zu singen beginnen und zitternde Töne einschwingen. Wieder hält die Angst die verzagten Herzen umkrallt und presst den letzten Blutstropfen aus den ersehreckten, verwüsteten Gesichtern, die auf den Boten starren. '* Hie letzte Kerze flackert noch einmal und verlöscht . . . . Nur die Ampel beleuchtet noch matt die verstörten, vernichteten Menschen, die das Wort wie ein Blitzschlag getroffen hat. Eine Stimme murmelt leise das schicksalsgewohnte, resignierte „Gott hat es gewollt!" Aber die übrigen sind noch fassungslos. Doch der Fremde spricht weiter, abgerissen, heftig, als ob er selbst seine Worte nicht Hören wollte. ..Sie kommen — viele — hunderte. — Und vieles Volk mit ihnen. — Blut klebt an ihren Händen — sie haben gemordet, tausende — alle von uns, im Osten. — Sie waren schon in meiner Stadt. . . . Ein furchtbarer Schrei einer Frauenstimme, dessen Kraft die herabstürzenden Thränen nicht mildern können, unterbricht ihn. Ein Weib, noch jung, erst kurz verheiratet, stürzt vor ihn hin. „Sie sind dort?! — Und meine Eltern, meine Geschwister? Ist ihnen ein Leid geschehen?" Er beugt, sich zu ihr nieder und seine Stimme schluchzt, wie er leise zu ihr sagt, dass es wie eine Tröstung klingt: ..Sie kennen kein menschliches Leid mehr/* Und wieder ist es still geworden, ganz still .... Das furchtbare Gespenst der Todesfurcht steht unter ihnen und macht sie erzittern .... Es ist keiner von ihnen, der nicht dort in der Stadt einen lieben Todten gehabt hätte. Und da beginnt der Vorbeter, dem Thränen in den silbernen Bart hinabrinnen und dem die spröde Stimme nicht gehorchen will, mit abgerissenen Worten das uralte, feierliche Todtengebet zu singen. Und alle stimmen ein. Sie wissen er selbst nicht, dass sie singen, sie wissen nichts von Wort und Melodie, die sie mechanisch nachsprechen, jeder denkt nur an seine Lieben. Und immer mächtiger wird (ler Gesang, immer tiefer die Athemzüge, immer mühsamer das Zurückdrängen der emporquellenden Gefühle, immer verworrener die Worte, und schliesslich schluchzen alle in wildem fassungslosen Leid. Ein unendlicher Schmerz hat sie alle brüderlich umfangen, für den es keine Worte mehr gibt. Tiefe Stille .... Nur ab und zu ein tiefes Schluchzen, das sich nicht unterdrücken lassen will .... Und dann wieder die schwere, betäubende Stimme des Erzählenden : ,,Sie ruhen alle bei Gott. Keiner ist ihnen entkommen. Ich allein entfloh durch Gottes Fügung .... ,,Sein Name sei gelobt," murmelt der ganze Kreis in instinetivem Frömmigkeitsgefühl. Wie eine abgebrauchte Formel klingen die Worte aus dem Munde der gebrochenen zitternden ]\ fenschen. ,Jch kam spät in die Stadt, von einer Heise zurück; die Judenstadt war schon erfüllt mit den Plünderern .... Man erkannte mich nicht, ich hätte flüchten können — aber es trieb mich hin, unwillkürlich an meinen Platz, zu meinem Volke, mitten unter sie, die unter den geschwungenen Fäusten fielen. Plötzlich reitet einer auf mich zu, schlägt aus nach mir — er fehlt und schwankt im Sattel. Und da plötzlich fa«st mich der Trieb zum Leben, die unerklärliche Kette, die uns an unsern Tammer fesselt — eine Leidensehaft gibt mir Kraft und Muth, ich reisse ihn vom Pferde und stürme selbst auf seinem Boss in die Weite, in die dunkle Nacht, zu Euch her: einen Tag und eine Nacht bin ich geritten." Er hält einen Augenblick inne. Dann sagt er mit festerer Stimme: „Genug jetzt von dem allen! Zunächst, was thun?" Und von allen Seiten die Antwort: „Flucht!" — „Wir müssen fliehen!" — „Nach Polen hinüber!" Es ist das einzige Hilfsmittel, das alle wissen, die abgebrauchte, schmähliche und doch unersetzliche Kainpfesart des Schwächeren gegen den Starken. An Widerstand denkt keiner. Ein Jude sollte kämpfen oder sich vertheidigen? Bas ist in ihren Augen etwas Lächerliches und Undenkbares, sie leben nicht mehr in der Zeit der Makkabäer, es sind wieder die Tage der Knechtschaft, der Egypter gekommen, die dem Volke den ewigen Stempel der Schwäche und Dienstbarkeit aufgedrückt haben, den nicht Jahrhunderte mit den Fluten der Jahre verwaschen können. Also Flucht! Einer hatte die schüchterne Ansicht geltend machen wollen, man möge den Schutz der Bürger in Anspruch nehmen, aber ein verächtliches Lächeln war die Antwort gewesen. Ihr Schicksal hatte die Geknechteten immer wieder zu sich selbst und zu ihrem Gotte zurückgeführt. Ein Vertrauen auf einen dritten kannten sie nicht mehr. Man besprach nun alle näheren Umstände. Alle diese Männer, die es als ihr einziges Lebensziel betrachtet hatten, Geld zusammenzuscharren, die im Reichthum den Gipfel menschlicher Glückseligkeit und Machtstellung sahen, stimmten jetzt übereiu, dass man kein Opfer scheuen müsste, um die Flucht zu beschleunigen. Jedes Besitzthum musste zu barem Gelde gemacht werden, wenn auch unter den ungünstigsten Umständen, Wagen waren zu beschaffen, Gespann und das Nothdürftigste zum Schutze gegen die Kälte. Mit einem Schlage hatte die Todesfurcht ihre nationale Eigenschaft verwischt, ebenso wie sie die einzelnen Charaktere zu einem einzigen Willen zusammengeschmiedet. In allen den bleichen, abgemüdeten Gesichtern arbeiteten die Gedanken einem Ziele zu. Und als der Morgen seine lohenden Fackeln entflammte, da war schon alles berathen und beschlossen. Mit der Beweglichkeit ihres Volkes, das die Welt durchwandert hatte, fügten sie sich dem. schweren Banne der Situation und ihre letzten Beschlüsse und Verfügungen klangen wieder in ein Gebet aus. Jeder gieng, seinen Theil am Werke zu vollbringen. Und im leisen Singen der Schneeflocken, die schon hohe Wälle in den schimmernden Strassen gethürmt hatten, starb mancher Seufzer dahin..... * Dröhnend fiel hinter dem letzten Wagen der Flüchtenden das grosse Stadtthor zu ... , Am Himmel leuchtete der Mond nur als schwacher Schein, aber sein Glanz versilberte die Myriaden Flocken, die übermüthige Figuren tanzten, sich in den Kleidern versteckien, um die schnaubenden Nüstern der Pferde fütterten und an den Rädern knirschten, die sich nur mühsam den Weg durch die. dicken Schneemassen bahnten. Aus den Wagen flüsterten leise Stimmen. Frauen, die ihre Erinnerungen an die Heimatsstadt, die in sicherer, selbstbewusster Grösse noch knapp vor ihren Augen lag, mit wehmüthigen, leise singenden Worten austauschten, helle Kinderstimmen, die nach tausend Dingen fragten und forschten, die aber immer stiller und seltsamer wurden und endlich mit einem gieichmässigen Atfhmen wechselten, klangen melodisch von dem sonoren Tone der Männer ab, die sorgenvoll die Zukunft beriethen und h?ise Gebete murmelten. Alle waren eng aneinander geschmiegt durch das Bewusstsein ihrer Zusammengehörigkeit und aus instiuetiver Furcht vor der Kälte, die aus allen Lücken und Löchern wie mit eisigem Athem hereinblies und die Finger der Lenker erstarren machte. Der erste Wagen hielt an. Sofort blieb die ganze Reihe der übrigen stehen. Aus allen den wandernden Zelten sahen blasse Köpfe nach der Ursache des Stockens. Aus dem ersten Wagen war der Aelteste gestiegen, und sämmtliche folgten seinem Beispiele, denn sie hatten den Grund der Rast erkannt. Sie waren noch nicht weit von der Stadt; durch das weisse Geriesel konnte man noch undeutlich den Thurm erkennen, der sich wie eine drohende Hand aus der weiten Ebene erhebt, und von