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Die Welt · 1901-08-02 · 31 (2.8.1901) · p. 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
31 (2.8.1901)
Article
Im Schnee
Date
1901-08-02
Page
13 (sequence 4)
Language
German
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Nr. 31 Die & Welt' Seite 13 dessen Spitze ein Schimmer ausgeht, wie der eines Edelsteines an einer beringten Hand. Hier war alles glatt und weiss, wie die erstarrte Oberfläche eines Sees. Kur hie und da zeigten sich in einem abgegrenzten Kaum kleine, gleichmäßige Erhöhungen, unter denen sie ihre Liehen wussten, die hier ausgestorben und einsam, wie das ganze Volk, fern von ihrer Heimatsstatt ein stilles, ewiges Bett gefunden hatten. Tiefe Stille, die nur das leise Schluchten durchbricht. Und heis.se Thrünen rinnen über die erstarrten, leiderfahrenen Gesichter herab und worden im Schnee zu blanken Eistropfen. Vergangen und vergessen ist alle Todesfurcht, wie sie den tiefen stummen Frieden sehen. Und alle übei kommt mit einemmale eine unendliche, thränenschwere, wilde Sehnsucht nach dieser ewigen, stillen Ruhe am „guten Ort"', zusammen mit ihren Lieben. Es schläft so viel von ihrer Kindheit unter dieser weissen Decke, so viel selige Erinnerungen, so unendlich viel Glück, wrie sie es nie mehr wieder erleben werden. Das fühlt jeder und jeden fassl die Sehnsucht nach dem „guten Ort". Aber die Zeit drängt zum Aufbruch. Sie kriechen wieder in die Wagen hinein, eng und fest gegeneinander, denn während sie im Freien die schneidende Killte nicht verspürt^ schleicht jetzt wieder das eisige Frösteln ihre bebenden, zitternden Körper hinauf und schlägt die Zähne gegeneinander. Und im Dunkeln des Wagens finden sich die Iii icke mil dem Ausdrucke einer unsagbaren Angst und eines unendlichen Leides . . . Ihre Gedanken aber ziehen immer wieder den Weg zurück, den die breiten Furchen der Gespanne in den. Schnee eingezwängt, zurück zum Orte ihrer Sehnsucht, zum „gnUn Ort". Ks ist Mitternacht vorbeigezogen. Die Wagen sind schon weit weg von der Stadt, mitten in der gewaltigen Ebene, die der Mond hell überflutet und die von den schimmernden He Hexen des Schnees wie mit weissen, wallenden Schleiern um woben ist. Mühsam stapfen die starken Rosse durch die dicke Schichte, die. sich an den Rändern zäh anheftet, langsam, fast unmerklich holpern die Gefährte weiter; es ist als ob sie jeden Augenblick stellen bleiben würden. Die Kälte ist furchtbar geworden und schneidet wie mil eisigen Messern in die Glieder, die schon viel von ihrer Beweglichkeit eingebüsst haben. Und nach und nach ist auch ein starker Wind erwacht, der wilde Lieder singt und an den Wagen rasselt. Wie mit gierigen Händen, die sich nach den Opfern ausrecken, reisst es an den Reitdecken, die unablässig geschüttelt werden und nur mehr mit Mühe von den starren Händen stärker befestigt wei den können. Und immer lauter singt der Sturm und in seinem Lied verklingen die betenden, leise lispelnden Stimmen der Männer, deren eiserstarrte Lippen nur mehr mit Anstrengung die Worte formen können. Unter dem sehrillen Pfeifen erstirbt das fassungslose, zukunftsbange Schluchzen der Frauen und das eigensinnige Weinen der Kinder, denen die Kälte den Druck der Müdigkeit genommen. Aeehzend rollen die Räder durch den Schnee. Im letzten Wagen schmiegt sich Lea an ihren Bräutigam Tin, der ihr mit trauriger, monotoner Stimme von dem grossen Leide erzählt. Und er schlingt den starren Arm fest um ihren mädchenhaften, schmalen Körper, als wollte er sie gegen die Angriffe der Kälte und gegen jeden Schmerz, behüten. Und sie sieht ihn mit dankbaren Blicken an und i*.i das Gewirre von Klagen und Stürmen verrinnen einige sehnsuchtszärtliche Worte, die beide an Tod und Gefahr vergessen machen .... Plötzlich ein harter Ruck, der alle zum Schwanken bringt. Und dann bleibt der Wagen stehen. Undeutlich vernimmt man von den vorderen Gespannen her durch die tosende Flut des Sturmes laute Worte, Peitschenknall und Gemurmel von erregten Stimmen, das nicht verstummen will. Man verlässt die Wagen, eilt durch die schneidende Kälte nach vorne, wo ein Pferd des Gespannes gestürzt ist und das zweite mit sieh gerissen hat. Um die Rosse herum die Männer, die helfen wollen, aber nicht können, denn der Wind stösst sie wie seh wache, achtlose Puppen, und die Flocken blenden ihre Augen und die Hände sind erstarrt, kraftlos, wie Holz liegen die Finger aneinander. Und weithin keine Hülfe., nur die Ebene, die im stolzen Bewusstsein ihrer Unendlichkeit sich ohne Linien in dein Schneedämmer verliert und der Sturm, der ihre Kufe achtlos verschlingt. Da wird wieder das traurige, volle Bewusstsein ihrer Lage in ihnen wach. In neuer, furchtbarer Gestalt greift der Tod wieder nach ihnen, die hilflos beisammenstehen in ihrer Wehr- Icsigkeit gegen die unbekämpfbaren, unversiegbaren Kräfte der Natur, gegen die unabwendbare Waffe des Fiost.es. Immer wieder posaunt der Sturm ihnen das Wort ins Ohr: Hier musst du sterben —, sterben -— Und die Todesfurcht wird in ihnen zu resignierter hoffnungsloser Ergebenheit. Keiner hat es laut ausgesprochen, allen kam der Gedanke zugleich. Sie klettern unbeholfen, wie es die steifen Glieder gestatten, in die W agen hinein, eng aneinander, um zu sterben. Auf Hilfe hoffen sie nicht mehr. Sie schmiegen sich zusammen, jeder zu seinen Liebsten, um im Tode beisammen zu sein. Draussen singt der Sturm, ihr ewiger Begleiter, ein Sterbelied, und die Flocken bauen um die Wagen einen grossen, schimmernden Sarg. Und langsam kommt der Tod. Düren alle Ecken und Poren fliesst die eisige, stechende Kälte herein, wie ein Gift, das behutsam, seines Erfolges sieher, Glied auf Glied ergreift .... Langsam rinnen die Minuten, als wollten sie dem Tode Zeit geben, sein grosses Werk der Erlösung zu vollführen . . . . Schwere, lange Stunden ziehen vorbei, deren jede verzagte Sielen in die Ewigkeit trägt. Der Sturm singt fröhlich und lacht in wildem Hohn über dieses Drama, der Alltäglichkeit. Und achtlos streut der .Mond sein Silber über Leben und Tod. im letzten Wagen ist tiefe Stille. Einige sind schon todt. andere in dem hallucinatorischen Bann, mit dem das Erfrieren den Tod verschönt. Aber alle sind sie still und ieblos nur die Gedanken schiessen noch wie heisse Blitze wirr durcheinander .... Josua hält seine Braut mit kalten Fingern umspannt. Sie ist schon todt. aber er weiss es nicht .... Er träumt......: Er sitzt mit ihr in dem duftdurchwarmten Geniach; der goldene Leuchter flammt mit seinen sieben Kerzen und alle sitzen sie wieder beisammen wie einstmals. Der Abglanz des Freudenfestes ruht auf den lächelnden. Gesichtern, die freundliche Worte und Gebete sprechen. Und längst gestorbene Personen kommen zur grossen Thüre herein, auch seine todten Eitern, aber es wundert ihn nicht mehr. Und sie küssen sieh zärtlich und sprechen vertraute Worte. Und immer mehr nahen, -Juden in altväterlichen, verblichenen Trachten und Gewändern und es kommen die Helden, Juda Makkabi und alle die anderen; sie setzen sich zu ihnen und sprechen und sind fröhlich. Und immer mehr nahen. Das Zimmer ist voll von Gestalten, seine Augen werden müde vom Wechsel der Personen, die immer rascher wandeln und durcheinanderjagen, sein Ohr dröhnt von dem Wirren der Geräusche. Es hämmert und dröhnt in seinen Pulsen, heisser, immer heisser — Und plötzlich ist alles still, vorbei .... Nun ist die Sonne aufgegangen und die Schneeflocken, die noch immer niederhasten, schimmern wie Diamanten. Und wie von Edelsteinen schimmert es auf auf dem breiten Hügel, der über und über mit Schnee bedeckt, sich über Nacht aus der Ebene erhoben hat. Es ist eine frohe, starke Sonne, beinahe eine Lenzsonne, die plötzlich zu leuchten begonnen hat. Und wirklich ist auch der Frühling nicht mehr fern. Bald wird er alles wieder knospen und grünen lassen und wird das weisse Linnen nehmen von dem Grabe der armen, verirrten, erfrorenen Juden* die in ihrem Leben einen Frühling nie gekannt.......

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