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Die Welt · 1901-08-02 · 31 (2.8.1901) · p. 11

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
31 (2.8.1901)
Article
Im Schnee
Date
1901-08-02
Page
11 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 31 „Die $ Welt" Seite 11 mit hastigen Schritten, die durch ihre Sicherheit die Bekanntschaft mit der Localität verrathen, über den vereinsamten weissschimmernden Marktplatz hinweg, durch stille Gassen und verschneite Wege, dem entgegengesetzten Ende des Städtchens zu. Dort stehen einige kleine Häuser, knapp aneinandergedrängt, gleichsam als ob sie der gegenseitigen Stütze bedürften. Alle sind sie schmucklos, unauffällig, verraucht und schief, und alle stehen sie in ewiger Lautlosigkeit in den verborgenen Gassen. Es ist, als hätten sie nie eine frohe,, in Lust überschäumende Festlichkeit gekannt, als hätte nie eine jubelnde Freude diese erblindeten, versteckten Fenster erbeben gemacht, nie ein leuchtender Sonnenschein sein schimmerndes Gold in den Scheiben gespiegelt. Einsam, wie verschüchterte Kinder, die sich vor den andern fürchten, drücken sie sich zusammen in dem engen Complexe der Judenstadt. Vor einem dieser Häuser, dem grossten und verhältnismässig ansehnlichsten, macht der Fremde Halt. Es gehört dem Reichsten der kleinen Gemeinde und dient zugleich als Synagoge. Aus den. Kitzen der vorgeschobenen Vorhänge dringt ein heller Lichtschimmer und aus dem erleuchteten Gemache klingen Stimmen im religiösen Gesang. Es ist das Chanukafest, das friedlich begangen wird, das Fest des Jubels und des errungenen Sieges der Makabkäer, ein Tag, der das vertriebene, schicksalgeknechtete Volk an seine einstige Kraftfülle erinnert, einer der wenigen freudigen Tage, die ihnen das Gesetz und das Leben gewährt hat. Aber die Gesänge klingen wehmüthig und sehnsuchtsvoll, und das blanke Metall der Stimmen ist rostig durch die tausend vergossenen Thränen; wie ein hoffnungsloses Klagelied tönt der Sang auf die einsame Gasse und verweht .... Der Fremde bleibt einige Zeit unthätig vor dem Hause, in Gedanken und Träume verloren, und schwere, quellende Thränen schluchzen in seiner Kehle, die unwillkürlich die uralten heiligen Melodien mitsingt, die tief aus seinem Herzen emporfliessen. Seine Seele ist voll tiefer Andacht. Dann rafft er sich auf. Mit zögernden Schritten geht er auf das verschlossene Thor zu, und der Thürklopfer fällt mit wuchtigem Schlage auf die Thür nieder, die dumpf erzittert. Und das Erzittern vibriert durch das ganze Gebäude fort .... Augenblicklich verstummt von oben der Gesang, wie auf ein gegebenes, verabredetes Zeichen. Alle sind blass geworden und sehen sich mit verstörtem Blick an. Mit einemmale ist die Feststimmung verflogen, die Träume von der siegenden Kraft eines Juda Makkabi, dem sie im Geiste alle begeistert zur Seite standen, sind versunken, das glänzende Reich der Juden, das vor ihren Augen war, ist dahin, sie sind wieder arme, zitternde, hilflose Juden. Die Wirklichkeit ist wieder auferstanden. Furchtbare Stille. Der bebenden Hand des Vorbetenden ist das Gebetbuch entsunken, keinem gehorchen die bleichen Lippen. Eine entsetzliche Beklemmung hat sich im Zimmer erhoben und hält alle Kehlen mit eiserner Faust umkrampft. — Sie wissen wohl, warum. Ein furchtbares Wort war zu ihnen gedrungen, ein neues, unerhörtes Wort, dessen blutige Bedeutung sie an ihrem eigenen Volke fühlen mussten. Die Flagellanten waren in Deutschland erschienen, die wilden gotteseifrigen Männer, die in korybantiseher Lust und Verzückung ihren eigenen Leib mit Geisseihieben zerfleischten, trunkene, wahnsinnswüthende Scharen, die tausende von Juden hingeschlachtet und gemartert hatten, die ihnen ihr heiligstes Palladium, den alten Glauben der Väter gewaltsam entreissen wollten. Und das war ihre schwerste Furcht. — Gestossen, geschlagen, beraubt zu werden, Sclaven zu sein, alles hatten sie hingenommen mit einer blinden 'fatalistischen Geduld; Ueberfälle in später Nacht mit Brand und Plündeiung hatte jeder erlebt und immer wieder lief ein Schauder durch ihre Glieder, wenn sie solcher Zeiten gedachten. Und vor wenigen Tagen war erst das Gerücht gekommen, auch gegen ihr Land, das bisher die Geissler nur dem Namen nach gekannt, sei eine Schar aufgebrochen und sollte nicht mehr ferne sein. Vielleicht waren sie schon hier? Ein furchtbarer Schrecken, der den Herzschlag hemmte, hat jeden erfasst. Sie sehen schon wieder die blutgierigen Scharen mit den weinberauschten Gesichtern mit wilden Schritten in die Häuser stürmen, lodernde Fackeln in der Hand, in ihren Ohren klingt schon der erstickte Hilferuf ihrer Frauen, die die wilde Lust der Mörder büssen, sie fühlen schon die blitzenden Waffen. Alles ist wie ein Traum, so deutlich und lebendig. — Der Fremde horcht hinauf, und als ihm kein Einlass gewährt wird, wiederholt er den Schlag, der wiederum dumpf und dröhnend durch' das verstummte, verstörte Haus zittert. — Inzwischen hat der Herr des Hauses, der Vorbeter, dem der weiss herabwallende Bart und das hohe Alter das Ansehen eines Patriarchen gibt, als erster ein wenig Fassung gewonnen. Mit leiser Stimme murmelt er: „Wie Gott will.*1 Und dann beugt er sich zu seiner Enkelin hin, einem schönen Mädchen, das in ihrer Angst an ein Reh erinnert, welches sich mit flehenden grossen Augen dem Verfolger entgegen wendet: „Sieh' hinaus, wer es ist, Lea!" Das Mädchen, auf dessen Mienen sich die Blicke aller concentrieren, geht mit scheuen Schritten zum Fenster hin, wo sie den Vorhang mit zitternden, blassen Fingern hin wegschiebt. Und dann ein Ruf, der aus tiefster Seele kommt: Gottlob, ein einzelner Mann." „Gott sei gelobt,"' klingt wie ein Seufzer der Erleichterung von allen Seiten wieder. Und nun kommt auch Bewegung in die starren Gestalten, auf denen der furchtbare Alp gelastet hat, einzelne Gruppen bilden sich, die theils in stummem Gebete stehen, andere besprechen voll Angst und Ungewissheit die unerwartete Ankunft des Fremden, der jetzt zum Thore eingelassen wird. Das ganze Zimmer ist von einem schwülen, drückenden Duft von Scheiten und der Anwesenheit so-vieler Menschen erfüllt, die alle um den reichbedeckten Festtisch versammelt gewesen waren, auf dem das Wahrzeichen und Symbol des heiligen Abends, der siebenarmige Leuchter, steht, dessen einzelne Kerzen matt durch den schwelenden Dunst brennen. Die Trauen sind in reichen, schmuckbesetzten Gewändern, die Männer in den wallenden Kleidern mit weissen Gebetbinden angethan. Und das enge Gemach ist von einer tiefen Feierlichkeit durchweht, wie sie nur dir echte Frömmigkeit zu verleihen vermag. Nun kommen schon die raschen Schritte des Fremden die Treppe herauf, und jetzt tritt er ein. Zugleich dringt ein fürchterlicher, scharfer Windstoss in das warme. Gemach, den das geöffnete Thor hereinleitet. Und eisige Kälte strömt mit der Schneeluft herein und umfröstelt alle. Der Zugwind löscht die flackernden Kerzen am Leuchter, nur eine zuckt noch ersterbend hin und her. Plötzlich ist dadurch das Zimmer in ein schweres, ungemütliches Dämmerlicht gehüllt, es ist, als ob sich jäh eine kalte Nacht von den Wänden herabsenken möchte. Mit einem Schlage ist das Behagliche, Friedliche verflogen, jeder fühlt die üble Vorbedeutung, die in dem Verlöschen der heiligen Kerzen liegt, und der Aberglaube macht sie wieder von neuem erschaudern. Aber keiner wagt ein Wort zu sprechen. — An der Thüre steht ein hochgewachsener, seh warzbärtiger Mann, der kaum älter sein dürfte als dreissig Jahre, und entledigt sich rasch der Tücher und Decken, mit denen er sich gegen die Kälte vermummt hatte. Und im Augenblicke, wo seine Züge im Dämmerschein der kleinen, flackernden letzten Kerzenf lamme sichtbar werden, eilt Lea auf ihn zu und umfängt ihn. Es ist Josua, ihr Bräutigam aus der benachbarten Stadt. Auch die andern drängen sich lebhaft um ihn herum und begrüssen ihn freudig, um aber bald zu verstummen, denn er wehrt seine Braut mit ernster, trauriger Miene ab und ein schweres sorgenvolles Wissen hat breite Furchen in seine Stirn gegraben. Alle Blicke sind ängstlich auf ihn gerichtet, der seine Worte gegen die strömende Flut seiner Empfindungen nicht vertheidigen kann. Er fasst die Hände der Zunächststehenden, und leise entringt sich das schwere Geheimnis seinen Lippen: „Die Flagellanten sind da!" Die Blicke, die sich auf hin fragend gerichtet haben, sind

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