Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 31 (2.8.1901)
- Article
- Skizzen aus dem Leben der russischen Juden
- Date
- 1901-08-02
- Page
- 5 (sequence 3)
- Language
- German
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- Odesa 1× ep/1000834
- Tomsk 1× ep/2160898
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Nr. 31 „Die & Weit66 Seite 5 „Matura" vorbereiten wollte. Er behauptet aber, sich zur Heilkunde berufen zu fühlen, er „müsse" folglich seinem Berufe nachgehen, also maturieren, und dann sich zum Doctordiplom emporarbeiten. Unbefriedigt verliess er Odessa, und als er eines Tages im hiesigen Studentenverein erschien, hatte er keinen Heller in der Tasche, besass ein einziges Hemd, seine Kleider waren ganz zerfetzt, sein ganzes zerlumptes Aussehen mittleiderregend und abstossend. Niemand und nicht einmal er selber konnte sagen, woher er eigentlich jetzt angelangt war, wo er die nöthigen Reisespesen hergenommen hatte. Er erzählte nur jedem von seinem „Berufe", erklärte, dass man ihm in Odessa unrecht gethan habe, indem man diesem „Berufe" nicht entgegenkommen wollte, dass er sich aber jetzt nach München begebe, wo sowohl die jüdische Gemeinde als auch die Studentencolonie mitleidsvoll seien, wo er also ganz bestimmt Unterstützung und Entgegenkommen finden werde. Er brauche nur 12 fl. für die Reisespesen, und diese Summe müsse ihm der Wiener russische Studentenverein verschaffen; will es der Verein nicht thun, so bleibe er in Wien, und die Studenten werden ihn sowieso unterstützen müssen. Da man ihm die nöthige Summe nicht verschaffen konnte, so brachte er auch seine Drohung in Erfüllung: er blieb in Wien, hielt sich immer in der Vereinslesehalle auf, wo er eifrig studierte, wandte sich aber ganz ungeniert an jeden, der nur die Lesehalle besuchte, um Geld, wenn er es nur brauchte, um seine mehr -als bescheidenen Lebensbedürfnisse zu befriedigen. Als ihm die Studenten den Rath gaben, irgendwelche Erwerbsmöglichkeit zu suchen, antwortete er, er würde nur dann einverstanden sein, Arbeit zu suchen, wenn die Arbeit bei gutem Lohn nicht mehr als i2—3 Stunden täglich in Anspruch nehmen würde, damit er in seinem Studium nicht gestört, wird; da es aber für einen Ausländer schwer sei, eine solche günstige Erwerbsmöglichkeit zu finden, so ziehe er es vor, überhaupt keine Arbeit zu suchen, umsomehr als es, wie er erklärte, die moralische Pflicht der Gesellschaft resp. der Studenten sei, ihn zu unterstützen. Als die meisten Studenten für die Ferien Wien verliessen, sah er sich in Verlegenheit gerathen und erklärte verdrossen, jetzt werde er wahrscheinlich „bis zum Herbst", bis die Studenten wiederum in Wien sind, Arbeit suchen und annehmen müssen. Er verschwand auf ebenso räthselhafte Weise, wie er gekommen war. WTäre dieses Individuum als ein gewöhnlicher arbeitsscheuer Schnorrer zu betrachten, so hätte ich den Leser nicht so lange bei seiner Charakteristik aufgehalten; er ist aber meiner Ueberzeugung nach als ein typisches unglückseliges Opfer des geistigen Elends anzusehen, unter dem jetzt viele Hunderte von russisch-jüdischen jungen Leuten leiden und zugrunde gehen. In der russisch-jüdischen, wie auch in der hebräischen Literatur wurden in den letzten Jahren das Leben und die Leiden dieser Unglückskinder öfters geschildert. So waren im „Woskhod" und „Budustschnostj" einige belletristische Skizzen dem Externistenwesen gewidmet, im vorigen Jahre war auch im „Hamagid* eine kleine Skizze über dasselbe Thema. Nicht alle Externisten gehen aber zugrunde, nicht alle werden zu moralischen und psychischen Missgestalten degeneriert: viele von ihnen erreichen doch endlich ihr Ziel, die heissersehnte „Matura". Wras erwartet sie aber dann? Ebenso gut, wie die jüdische „unreife" Jugend keinen Zulass in die Mittelschulen findet, sind den „Maturierten" die Hochschulen verschlossen. Wir wollen wiederum die Ziffern sprechen lassen. In die Petersburger Universität wurden im vorigen Jahre 800 neue Studenten aufgenommen, darunter 14 Juden. An der technichen Hochschule zu Tomsk waren im selben Jahre 180 vacante Plätze, von denen 9 an Juden (50/0) vergeben wurden. Gesuche von Juden waren NO eingereicht worden; 7 Candidaten, die in Sibirien die Mittelschulen absolviert hatten, wurden bevorzugt, es blieben dann noch 2 vacante Plätze für 73 Candidaten! Um Aufnahme in die Jurjewer (Dorpater) Universität hatten 70 Juden eingereicht; 18 von ihnen wurden aufgenommen, 52 zurückgewiesen. An der Hochschule für Bergbau zu Ekaterinoslaw waren im vorigen Jahre 66 vacante Platze, es meldeten sich aber 320 Candidaten. Für Juden waren nur 4 Plätze frei, wovon 2 von „Hochgebildeten", das heisst von solchen, die schon früher eine Hochschule besucht hatten, besetzt wurden; um die übrigen 2 Vacanzen wetteiferten 60 Juden. Auf der Kiewer Universität des heiligen Wladimir gab es im vorigen Jahre 764 Ciesuche um Aufnahme, darunter 6i9 von Gymnasiasten, die im selben Jahre maturiert hatten. Unter diesen 6i9 waren Christen 193, das heisst 76%? Juden 156 oder 24*/0. Aufgenommen wurden aber nur etliche 50 Juden. In die Odessaer (neurussische) Universität wurden im vorigen Jahre aufgenommen: in der philosophischen Facultät 18 Studenten, darunter 2 Juden (1 überzählig), in der mathematischen Abtheilung 69 Studenten, darunter 9 Juden (3 überzählig), in der naturwissenschaftlichen Abiheilung 64 Studenten, darunter 9 Juden (4 überzählig), in der juridischen Facultät 40 Studenten, darunter 10 Juden (6 überzählig) und auf der medicinischen Facultät 76 Studenten, darunter 8 Juden (2 überzählig). Wir entnehmen ferner einem vom russischen Unterrichtsministerium veröffentlichten Belichte, dass sich am 1. Jänner 1891) in sämmtlichen russischen Mittel- und Hochschulen nur 10.050 jüdische Schüler befänden. Wie gering diese Zahl im Vergleich mit der zahlreichen russischen Judenheit ist, die über 5 Millionen zählt, braucht nicht erst gesagt zu werden* Der traurige Eindruck dieser Ziffern wird noch verstärkt, wenn wir die Zahl der Mittelschüler mit der der Hochschüler vergleichen. Es waren nämlich unter dieser gesammten Zahl von 10.050 Studierenden 7153 Mittelschüler und nur 2383 Hochschüler. Schon von denjenigen jüdischen Studierenden also, die die Pegierungsschulen absolvieren, also die schon einmal die reinigende Feuerprobe des „Percentsatzes" glücklich bestanden haben, schon von diesen Gücklichen finden über zwei Drittel keine Aufnahme an den Hochschulen, also keine Möglichkeit, ihr Endziel zu erreichen, um wieviel weniger die grossen Scharen der Externisten, die trotz aller Schwierigkeiten doch jedes Jahr maturieren? Allerdings ist aus denselben Daten auch die Thatsache zu entnehmen, dass in Russland überhaupt ein Mangel an Schulen, hauptsächlich an Hoch- und Fachschulen, herrscht, weshalb in diesen Anstalten auch christliche Bewerber sich einer Concursprüfuug unterwerfen müssen. In Bezug auf die Juden jedoch besteht die traurige Inconsequenz darin, dass sie auch in diesen speciellen Schulen eine viel strengere Concursprüfung überstehen müssen (so musste voriges Jahr im Institut der Civilingenieure bei den jüdischen Candidaten die Summe der Prüfungsnummern 23-5 ausmachen, während für die christlichen Bewerber schon 20.7 genügte, um aufgenommen zu werden), und dass den jüdischen Studenten auch in denjenigen Bildungsanstalten die Aufnahme verweigert wird, wo alljährlich eine Menge Plätze infolge Mangels an christlichen Studierenden unbesetzt bleiben. Von grossem Interesse sind in dieser Beziehung die Ausführungen der „Odesskija Nowosti" betreffs der Aufnahme in die Universitäten. Im Jahre 1899 constatiert die genannte Zeitung — waren auf der Kiewer Universität Gesuche von (512 Candidaten eingereicht, darunter waren 120 Juden; aufgenommen wurden 48 Juden, zurückgewiesen wurden 72 Juden, Nun konnten aber laut einer Verfügung