Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 31 (2.8.1901)
- Article
- Skizzen aus dem Leben der russischen Juden
- Date
- 1901-08-02
- Page
- 6 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 6 „Die # Welt* Nr. 31 des Unterrichtsministers vom 5. Juli 1899 in sämmtliche Facultäten (ausser der philologischen) dieser Universität 750 Hörer aufgenommen werden; sollte auch kein einziger jüdischer Candidat zurückgewiesen worden sein, so wären doch noch 138 Plätze unbesetzt geblieben. Im Jahre 1900 blieben auf derselben Universität 108 Plätze unbesetzt. Auf der Charkower Universität gab es im Jahre 1899 330 Gesuche, darunter 60 von Juden; aufgenommen wurden 282 Hörer, darunter 12 Juden. Laut Verordnung des Ministers konnten 550 Hörer aufgenommen werden; wären also die übrigen 48 jüdichen Bewerber nicht zurückgewiesen worden, so wären doch noch 220 unbesetzte Plätze geblieben. An der Odessaer neurussischen Universität wurden im Jahre 1898 149 christliche und 20 jüdische Hörer aufgenommen, 74 Juden wurden zurückgewiesen, während für 280 Hörer vacante Plätze waren. Im Jahre 1900 blieben an dieser Universität auf der medicinischen Facultät allein 160 Plätze unbesetzt. Die Gesammtzahl der jüdischen Studenten, denen jährlich an den Universitäten Süd-Russlands allein die Aufnahme verweigert wird, beträgt nach der „Odesskija Nowosti" circa 300. Die Zahl der Juden, die an den Universitäten Aufnahme finden, wurde letzthin noch durch die Verordnung des verstorbenen. Ministers Bogoljepoff verkleinert, derzufolge die-^Berechnung des Percentsatzes nicht nach der gesammten Zahl der von Christen eingelaufenen Gesuche ausgeführt werden soll, sondern nach den einzelnen Facultäten. Wenn also bis jetzt auf je neun Christen ein Jude aufgenommen zu werden pflegte, so kann es vorkommen, dass diese neun Gesuche auf vier Facultäten vertheilt sind; auf jede Facultät kommen dann nur zwei bis drei Christen, es kann also kein einziger Jude aufgenommen werden. Es drängt sich nun von selbst die Frage auf: Wie wären denn diese traurigen Zustände zu bekämpfen, wie wäre die so drückende geistige Noth der zahlreichen jüdischen studierenden Jugend zu lindern? (Fortsetzung folgt.) Der Culturwert des Nationalen. Von Egon Lederer (Wien). Wenn ich allein bin und die Einsamkeit lebensbange Fragen löst; wenn ich auf Höhen stehe und die ewigen Gedanken ahne, die in der freien Natur so plastisch sind und doch so schwer fasslich; wenn ich in der Kühle eines Wassersturzes ruhe und vor nieinen Augen das allgewaltigste Element zerrissen wird in Millionen ohnmächtige Regenbogentropfen; wenn ich in Märchenaugen berauschende Zärtlichkeit lese, die für zwei Seelen das Lebensräthsel löst: dann fühle ich, dass meine plötzlich aufleuchtenden Glücksempfindungen sich von einem düsteren Hintergründe abheben, dann bringt mir das freuden schnelle Lächeln meiner Seele ihren ewigen Schmerz zu Bewusstsein. In solchen Momenten, da die Formen des Lebens schwinden und die Nebel des menschlichen Begreifens zerfliessen vor den Gedanken der Natur, in solchen überlebensgrossen Augenblicken erkenne ich mehr denn je die widerspenstige "Basse in mir. Die reine Schönheit, die ich aus dem Unbewußten meines Wesens ausgelöst und befreit habe, kann nicht zu jener erdenbefreiten Grösse gelangen, die als Buhe der Leidenschaftslosigkeit der Weisheit letzter Schluss geworden ist. Ererbtes Judenthum rumort mir im Blute und das grenzenlose Weh der Heimatlosigkeit ist der schwarze Hu-. mu&, dem all meine Stimmungen entblühen. Wenn ich de£ Pulsschlag der Natur in meinem eigenen Herzen zu fühlen glaube, dann wird die Geschichte meiner Grossväter in mir lebendig und ich trete hin vor den Gott meiner Seele — al» Enkel. Nicht mehr allein durchkämpfe ich mein Leben: ich ahne die Zusammenhänge zwischen mir ülift'•■■Millionen, die gewesen sind und . von deren Geist und Seele ich ein Theil ins Leben mitbekommen habe. Das herrlichste, sfcärkend&te Gefühl, das die wissende, bilderstiirmende Moderne zu bieten hat, das Bewusstsein der individuellen Vergänglichkeit und universellen Beständigkeit, beginnt nun erst für mich Wert zu besitzen, weil mir die leicht fassliche nationale Zukunft die eigene unendliche verständlich gemacht hat. Dieser psychische Vorgang ist der unbewusste Zweck dessen, was uns als nationale Sehnsucht bewusst wird. Das freie Individuum nmss zur problematischen Natur werden, wenn es die Wurzeln seiner geistigen und physischen Persönlichkeit nicht in den Boden einer seelenverwandten Gemeinschaft versenken kann. Das Einzelwesen wird haltlos im Chaos der socialen Kämpfe, wenn es nicht durch tausend zarte und doch unzerreissbare Fäden mit der sittlichen Gemeinschaft seines Volkes verknüpft ist. Diese sittliche Gemeinschaft ist der Quell zweier unendlicher Empfindungen, die zu den gewaltigsten Stützen der menschlichen Cultur geworden sind; vor allem entsteht das Bewusstsein der nationalen Controle, das sich zur unbeachteten, ja selbstverständlichen Grundlage des sittlichen Einzelwesens entwickelt : das moralische Pflichtbewusstsein und Verantwortlichkeitsgefühl. Die nationale Verantwortlichkeit findet ihre Ergänzung in dem sittlichen Regressrecht des Einzelnen an die Gemeinschaft. Im Ringen mit wesensfremder, ja rassenfeindlicher Moral und Lebensauffassung bedarf das Individuum oft des Rückhaltes an Gleichgesinnten, weil Gleichgeborenen, um sich selbst nicht zu verlieren. Wir haben es schaudernd erlebt, wie die westlichen Juden ihr Ureigenstes nicht nur verloren, sondern freiwillig preisgegeben h::fcen, so dass ihre „nationale Cultur" heute nur aus einem kunstvollen System von raffinierten Nachahmungen fremden Wesens und fremder Sitten besteht. Alles was bei den Entjudeten Atavismus ist, wird beiden nationalen Juden zur historischen Grundlage der ganzen Lebenstendenz. Das Verständnis des Vergangenen belebt erst das Gegenwärtige; auf den Trümmern einer versunkenen Zeit dämmert die Ahnung auf von der Grösse jedes erlebten Augenblickes — und neues Leben blüht aus den Ruinen. Darin liegt auch die Kraft des Volksbewusstseins, Cultur werte zu schaffen. Das Durchdringen unserer geistigen Vorbedingungen löst in uns die Fähigkeit aus, consequent weiterzubauen; was auf Vererbung und Tradition beruht, wird nicht mehr der gedankenlosen — als Civiiisation missverstandenen — Selbstflucht geopfert, sondern mit nationaler Liebe ausgestaltet. Es ist nicht mehr die Anarchie einer voraussetzungslosen „Cultur", welche an die Errungenschaften wesensfremder Rassen anknüpfen will, aber es ist eine wurzelfeste Cultur, die tief hinabreicht zu den nationalen Lebensquellen. Das Individuum ist das Resultat des Volkes, es ist sein Zweck — diese Wahrheit ist das Leitmotiv der jungen Lebensphilosophie, und ändert das Wort eines Propheten der Moderne in nationalem Sinne ab: Das V o 1 k ist der Umweg der Natur, um zu einem Individuum zu gelangen. Eine nordische Seherin hat diese nachsocialistischc Doetrin in der schönsten und reinsten Form verkündet: „Jenes Volk wird ein Culturvolk, bei dem, während grosse, schaffende Geister erstehen, auch die Vielen intensiv leben; bei dem sie Impulse von cultureller Bedeutung von den Wenigen empfangen und ihnen geben."