Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 31 (2.8.1901)
- Article
- Skizzen aus dem Leben der russischen Juden
- Date
- 1901-08-02
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3315905-3315937-3398804--27394-3398890- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 2× ep/1000834
OCR text
Seite 4 „Die & Welt' Nr. 31 uneibitterlich der „Percentsatz" bei Aufnahme der Juden eingehalten, so dass nur der minimalste Theil der jüdischen Bewerber aufgenommen, die stark überwiegende Mehrheit jedoch zurückgewiesen wird. So wurden z. B. ins Nikolajewer Gymnasium voriges Jahr von 100 jüdischen Knaben, die um Aufnahme eingereicht hatten, nur lü2 aufgenommen. Selbst in den Handelsschulen, wo der Percentsatz ein viel grösserer ist (es werden nämlich in diesen Schulen 18. 20—40, ja sogar 50% Juden aufgenommen), ist doch die Zahl der „Nicht-Aufgenommenen" eine ungeheuer grosse, weil die Zahl der aufzunehmenden Juden nicht nach der Zahl der vacanten Plätze in der Schule berechnet wird, sondern nach der Zahl der thatsächlich aufgenommenen christlichen Schüler. So wurden z. B. in der in Rost ow am Don eröffneten Handelsschule, wo 18% Juden aufgenommen werden dürfen, bei 120 vacanten Plätzen 200 Gesuche um Aufnahme eingereicht. Unter den Candidaten waren aber nur 40—00 Christen, es konnten deshalb nur 8—9 Juden Aufnahme finden, über 130 Bewerber sind zurückgewiesen worden. In welch hohem Grade diese beschränkenden Massregeln im Laufe der Jahre eingewirkt haben, die Zahl der jüdischen Schüler in den Regierungs-Mittelschulen zu vermindern, können wir aus folgendem Beispiel, entnehmen : Im Jahre 1875 wurde in Pawlograd ein vierclassiges Progymnasium eröffnet. Im Jahre 1879 zählte dieses Progymnasium (bei freier Aufnahme der Juden) 92 Schüler, darunter 44 Christen und 48 Juden. Im Jahre 1889 (zwei Jahre nach dem Inslebentreten der Beschränkungsmassregeln) hatte das Progymnasium schon sechs Classen, in welchen aber nur 97 Schüler waren, dai unter 74 Christen und nur 23 Juden. Und im Jahre 1899. als das Progymnasium schon zu einem vollständigen Gymnasium mit acht Classen reorganisiert worden war, zählte es 300 Schüler, darunter aber nur 39 Juden. Was aber thun die „Nicht-Aufgenommenen?" Geben sie etwa ihr Streben auf, weil sie in die Regierungschulen nicht aufgenommen werden? Durchaus nicht! Es bleibt ihnen die Möglichkeit offen, ihre Ziel ohne Hilfe der Schule, auf-dem schweren Wege der Autodidaxie zu verfolgen. In den zwei letzten Jahrzehnten ist infolge dieser Umstände in Russland eine neue, jetzt schon äusserst zahlreiche Classe von jüdischem Intelligenz-Proletariat enstanden, das in Russland unter dem Namen „Externisten" bekannt ist. Was ist ein „Externist"? Ein jüdischer Jüngling, der unter Leiden, Entbehrungen und Enttäuschungen jeder Art einem Ziele nachjagt, welches von hunderten und tausenden seiner andersgläubigen Collegen ohne jede besondere Anstrengung erreicht wird; ein durch übereifriges und überanstrengendes Studium physisch entkräfteter Bildungsbeflissener, der noch dazu moralisch leidet — durch das Bewusstsein des himmelschreienden Unrechtes, das ihm geschieht; ein kranker, hungernder, aber trotz alldem hartnäckiger, stoischer Märtyrer, der von seinem einmal ins Auge gefassten Ziele unter keiner Bedingung abzubringen ist. Den Externisten begegnen wir nicht nur in den grösseren Städten, sondern in grosser Zahl auch in kleineren Städten, wo sie aber nicht lange bleiben können, weil sie sich da ihren Bedarf an Büchern, Rathschlägen und Lehrern nicht verschaffen können. Von sämmtlichen Provinzen sammeln sich daher'die Externisten in den Grossstädten, wo Mittelschulen sind, wo sie also leichter die nöthigen Bücher, eventuell auch einen unentgeltlich unterrichtenden Lehrer finden, wo sie aber auf keinen ausreichenden Erwerb rechnen können und infolge dessen der Gefahr ausgesetzt sind, vor Hunger und Elend umzukommen. Ich kannte im Jahre 1898 in Odessa mehrere hundert Externisten, die so arm waren, dass sie nicht einmal in der sogenannten „billigen Küche" die Mittagskost, deren Preis ungefähr 3 fi\ monatlich beträgt, bezahlen konnten, denen deshalb Freitische vom „Vereine zur Verbreitung der Aufklärung" gewährt wurden. Zu dieser Zeit wurde auch von einigen Studenten unter dem Protectorate des „Vereines" eine Commission gebildet zur Unterstützung der Externisten durch unentgeltlichen Unterricht und Vertheilung von Lehrbüchern. Auch der Schreiber dieser Skizzen gehörte dieser Commission an; ich kann mich deshalb an einige interessante Punkte aus der Praxis dieser Commission erinnern. Die Zahl der Externisten, die um unentgeltlichen Unterricht eingereicht hatten, war so gross, dass wir uns entschliessen mussten, keinen Externisten, beziehungsweise Externistin zur „Matura", sondern nur zur Lehrer- oder Pharmaceutenprüfung vorzubereiten, weil das Erreichen dieses letzteren Zieles viel weniger Zeit, Geld und Lehrkräfte in Anspruch nahm, als die Vorbereitung zur Maturitätsprüfung. Die Unterstützten verpflichten sich moralisch, nach Ablegung ihrer Prüfungen, wenn sie in Odessa blieben, selber der Commission beizutreten, respective anderen Externisten unentgeltlichen Unterricht zu ertheilen. Und trotzdem mussten die „Stiefkinder der Aufklärung" oft zwei bis drei Monate warten, bis sie an die Reihe kamen und einen Lehrer oder Lehrerin bekamen. So gross war ihre Zahl. Jedem, der unterrichtet wurde, wurde auch auf Verordnung der Commission ein Freitisch in der Volksküche und Lehrbücher, die der Commission von Privaten gespendet wurden, ausgefolgt. Geldunterstützungen oder freie Wohnung, Kleidung etc. konnte die Commission nicht gewähren, und es war uns eine Menge von Fällen bekannt, in denen die unglückseligen zerlumpten Externisten infolge der Kälte und Feuchtigkeit in ihren „Wohnungen" in die Krankenhäuser geführt wurden, von denen sie dann herauskamen, um wieder in ihre dunklen Kellerbehausungen und tödlichen Spelunken zu schlüpfen. Diese Commission existiert auch jetzt noch, und es ist ihr in neuester Zeit gelungen, öffentliche Curse mit behördlicher Genehmigung zu eröffnen, wodurch von wenigen Lehrkräften eine bedeutend grössere Anzahl von Schülern unterrichtet werden kann. Aber auch jetzt scheinen die Mittel der Commission sowohl an Lehrkräften als auch an Büchern und Geld ganz unzureichend zu sein, wie aus dem Aufruf zu entnehmen ist, den die Commission vor kurzem in der russisch-jüdischen Presse an die Oeffentlichkelt gerichtet hat. Odessa ist auch nicht der einzige Zufluchtsort der Externisten. In Nr. 52 der „Budustschnostj" vom Jahre 1900 waren aus Jekaterinoslaw und P r i 1 u k y ähnliche unerfreuliche Nachrichten aus dem Leben der Externisten mitgetheilt, und aus vielen anderen Städten des Niederlassungsgebieteskommen dieselben Nachrichten. Ichmussnoch hinzufügen, dass die meisten Extern isten sich mit der bescheidenen Qualification eines Lehrers oder Pharmaceuten nicht begnügen, sondern, nachdem sie diese erste Etappe hinter sich haben, mit erneuter Energie ihr Hauptziel: die „Matura", verfolgen. Viele lassen sich schon von allem Anfang an von diesem Hauptziel nicht abbringen. Bei manchen dieser Unglückskinder wird dieses Streben nach der „Matura" direct zu einer Psychose, zu einer Manie. Erst vor kurzem konnte man im Wiener russischen Studentenverein ein solches Opfer der tristen Lage, in der sich die russisch-jüdische Jugend befindet, sehen. Es war ein Mann von ungefähr 30 Jahren, er stammte, wie er selbst erzählte, aus Lithauen, wanderte ohne alle Mittel schon durch viele Grossstädte Busslands und Europas, immer dem Ziele nachgehend, die „Matura" zu erreichen. Endlich brachte ihn die Nachricht von der obenerwähnten Commission nach Odessa, wo er sich aber nicht lange aufhielt, obzwar er freie Kost, Bücher und sonstige Unterstützung bekam, weil man ihn eben nur in die öffentlichen Curse aufnehmen und nur zur Lehrerprüfung, nicht aber zur