Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1901-07-26 · 30 (26.7.1901) · p. 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
30 (26.7.1901)
Article
Was mir der Klotz erzählt
Date
1901-07-26
Page
11 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3315905-3315936-3398629--27300-3398740
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr, 30 „Die $ Welt" Seite Ii Dann kommt ein Leichenzug . . .Eine Katz' ist gestorben oder eine todte Maus wurde entdeckt. Dazwischen kommt der Schuldiener .... * Um die Mitte des Tages wird der Klotz von jungen, kürzlich verheirateten Weibchen eingenommen. Bei schönem Wetter sitzen sie in ihren weissen Jacken, mit färbigen Tüchern auf dem Kopf, und anstandshalber hält jede eine Handarbeit auf dem Schoss. Man will ein „gutes Stündchen" verbringen. Zuerst ist es still unter ihnen. Dann hebt eine an zu prahlen und erzählt, wie gut sie behandelt werde. Eine zweite „hat noch niemals einen so guten Mann gesehen". Eine dritte schweigt und erröthet; das muss wohl die glücklichste sein. Zuweilen sitzt eine da mit kummervollem Blicke und nagt an ihren Thränen; die wird wohl einem hustenden Alten angetraut worden sein .... Hernach wird die Stadtzeitung redigiert. Jedes Haus, jedes Winkelchen wird ausgespäht und was dort vorgefunden wird, kommt verschönert und vergrössert an den Klotz. Erfahrene Leute behaupten, dass dem Klotz noch eine grosse Zukunft bevorstehe . . . * Am Vorabend kommen junge Weibchen in ihren Hochzeitsgewändern von ihrem Spaziergang auf der „ChausseV. Sie waren am Hände des Waldes, wo unser Klotz herstammt. Denn in den Wald hineingehen, schickt sich nicht, es wäre zu nobel, zu „weltmännisch". Die schöne Breindil, die einst im Walde spazieren zu gehen pflegte, hat Schande über das Haupt des alten Vaters, des Landschadchens gebracht; alle Welt bemitleidet ihn jetzt. Auf dem Klotz sitzen jetzt einige ältere Weiber, welche für „einige Minuten" gekommen sind, um ein wenig Luft zu athmen und ihr Herz zu erleichtern. Die ganze Stadt wird durchgenommen und wenn alles erschöpft ist, redet man von dem „was einmal war und heute nicht mehr ist". Einst gab es nämlich treue Männer, aber heute mag man sie den Hunden vonverfen. Falsch und hinterlistig sind sie, kein wahres Wort kommt aus ihrem Mund! Nach der Hochzeit heisst es „Kätzchen und Mätzchen", aus einem Teller wird gegessen, aus einem Glas getrunken, aber „je älter, desto kälter" . . . Ach! Einst hielt eine Frau das Enkelchen an der Schürze und das eigene Kind an der Brust, heute stellen sich nach dem dritten, spätestens nach dem vierten Kinde allerlei Schmerzen ein. Man lässt Aerzte kommen, fährt in die Bäder und die Nachbarn flüstern einander verfängliche Geschichten über die Ursache dieser Krankheiten ins Ohr. Deswegen straft uns der Ewige! Er will seine Gaben nicht an Unwürdige verschwenden. Die Einkünfte werden immer schmäler, die Kinder wachsen heran, der Staat nimmt Soldaten, und Rabbiner und Gemeinde legen die Hände in den Schoss und wissen keine Hilfe . . . Selbst die Sonne ist nicht mehr so heiss, wie sie einst war. Einst trat man mit blossem Hemd auf die Gasse . . . Selbstverständlich ist dies nur eine Redensart, man war bekleidet vom Scheitel bis zur Sohle mit allem, was nöthig war. LTnd die alten Kleidern mit den silbernen und goldenen Fransen waren sicherlich schöner als die thörichten Moden von heute. Aber man hustete noch nicht soviel und es gab weder Athemnoth noch Gliederreissen. # Die Sonne geht unter. Die Frauen gehen auseinander. Das Abendessen wollen sie bereiten, das Gesicht für die „Getreuen" dem Feuer aussetzen. Ein Fenster nach dem anderen flammt auf, eine Glasthüre nach der anderen Avird sichtbar. Mit rothen Feueraugen blicken die Häuschen in die Gasse und um den Klotz sammeln sich Männer, die vom /Vbendgebet kommen. Sie reden von Politik, von Erwerb und von ihren Mühseligkeiten. Der eine streckt sich auf der warmen Erde, lehnt seinen Kopf an das weiche Holz des Klotzes und blickt vergrämt, mit trübseligen Augen zum Himmel. Ein anderer schlummert ein. Dann erschallt der vielstimmige Ruf der Weiber: „Chaim, Jossei, Rüben!" Dazwischen mischt sich das Geschrei einer Scheltenden- „Zum Teufel mit Dir! Die Erdäpfel werden kalt!" * In später Nacht, wenn alles schläft, kommt Schmeril, der Landschadehen. Vierzig Jahre lang ist er herumgerannt, um allerlei Paare zusammenzufügen und jetzt ist es aus, seine Füsso wollen ihn nicht mehr tragen. Eine halbe Welt hat er verheiratet, er, mit seinen schwachen Kräften, aber seine eigene Tochter ist geblieben, sitzen geblieben, ,,bis der Zopf grau ward" . . . Er setzt sich und stützt sein graues Haupt in die zitternden Hände .... Groschen um Groschen hat er für ihre Mitgift zusammengespart, sich nicht zu essen, zu trinken gegönnt, mcilenweite Strecken zu Fuss zurückgelegt und jetzt . . . „Welch eine Schande! Welch ein LTnglück!" Er hebt den Blick zum Himmel: „Wie glücklich bist du, Rachel, dass du es nicht erlebt!" „ O Gott!" weint es in ihm, „Vielleicht gibt es noch eine Hilfe für sie, sie wird in sich gehen und ich will wiederum sparen, mit meinen kranken Füssen will ich mich von Thür zu Thür schleppen, um sie wieder aufzurichten, um mein Kind zu verheiraten . . ." „Schick, o Gott, einen Strahl deines Lichtes in ihr dumpfes Herz! Ihr Herz ist gut, sie war immer still und sanft . . „Teufelswerk! Teufelswerk!" seufzt der Alte und Thränen rinnen von seinen müden Augen. III. U m Mitternacht. Doppelt so gross wird jetzt der Klotz, da er mit seinem eigenen Schatten zusammenfliesst. Eine tiefe, graue Stille lagert über dem Marktplatz, Das Städtchen schläft, Thür und Fenster sind geschlossen. Zuweilen rauscht eine Fledermaus durch die Luft, eine unglückselige Fledermaus in einem Städtchen, in dem die Weiber keine Haare haben! Irgendwoher aus dem Hintergässchen ist das Blöcken eines Kälbchens vernehmbar, als wollte es sein armseliges Dasein bejammern, das so kurz ist und so frühzeitig von gewaltsamer Hand vernichtet wird. Ab und zu ertönt aus der christlichen Vorstadt das Gebell eines Hundes, der den Mond nicht leiden mag. W«arum bewegt er sich auch so in später Nacht? . . . Sonst ist es still! Eingeschlummert ist die kleine Welt mit ihren grossen Schmerzen und thörichten Hoffnungen. * Still und traurig ruht der alte Klotz auf dem Marktplatz: »tili und traurig schwimmt über ihm der volle., gelbe Mond! Warum bist du, Mond, so gelb und warum ist dein Antlitz so blass? Rührt dich das arme Kälbchen im Hintergässchen oder schreckt dich der Hund aus der christlichen Vorstadt? Oder vielleicht neidest du den Menschen ihren Schlaf, da du die ganze Nacht wandern musst? Armer Mond, nicht alle Menschen schlafen' * Durch die Fensterläden dringt mancher zitternde Strahl auf den Marktplatz und kündet, dass dort ein Schneiderlein noch wacht, ein Schuster oder gar ein armer Tallisweber. Und vielleicht ist es eine Näherin, die mit geschwollenen Augen den zitternden Fingern folgt, wie sie vorwärts, immer vorwärts dahineilen. Dort wacht eine erschrockene Mutter über ihr krankes Kind . . . . Und irgendwo in einem Winkel, bei einer Talgkerze um einen Groschen, zählt ein Bettler das Vermögen, das er bei Tage zusammengesammelt. In dem grossen, weissen Hause aber liegt eine Kranke: Sorachs, des Schenkers, Weib. Wer hätte solches verausgeahnt? Ein junges Weib und ein alter Mann, und der alt:» Mann ist rüstig und das junge Weib liegt im Sterben. Ein Nachtlämpchen brennt und vom Krankenverein haben sie einen Mann hergeschickt. Sorach aber geht über die Stube und rauft sich das Haar aus seinem Bart. Wozu hatte er das gethan? Kränklich und blass war sie, er wollte sie nicht, aber die Leute

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.