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Die Welt · 1901-07-26 · 30 (26.7.1901) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
30 (26.7.1901)
Article
Was mir der Klotz erzählt
Date
1901-07-26
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 „Die # Welt" Nr. 30 Doch den Anfang macht er mit sich selber und er thut recht daran: Jeder ist sich selber der Nächste und hält sich finden Mittelpunkt der Welt, um, den sich alles dreht. Immer ist es so gewesen. Zuerst kommt das liebe Ich und alles,, was dazu gehört: Meine Familie, meine Kameraden, m e i n e Freunde, m eine Stadt, mein Vaterland . . . Dann kommen unsere Genossen: Unsere Erde, unsere Welt. Dafür kehrt beim Höchsten das Ich zurück: Mein Gott! Doch das gehört in ein anderes Capitel . . . * Manche Leute glauben, dass sie nicht nur der Mittelpunk t, sondern sogar der Bren n p unkt der Welt seien, dass alles Licht und alle Strahlen der Welt in ihnen zusammenfliessen; aber später werden sie inne, dass es nur eine Talgkerze war und sie rufen: „Licht! Mehr Licht!" wie einst der Ewige und später Goethe, als er starb . . . Andere wieder fragen sich, ob überhaupt noch jemarfa ausser ihnen vorhanden sei. „Ich bin Ich" und damit basta. Ob die übrige Welt wirklich besteht oder ob sie nur ein Traum ist, der Traum einer Winter- oder einer Sommernacht, wer mag das wrissen? . . . In der That, wer nüthigt mich, zu glauben, dass ausser mir noch etwas besteht? Ich fühle nur meinen Hunger, meinen Durst und m eine Sorgen. Aber die Leute sagen . . . Genügt das? Pflegten nicht die Leute zu sagen, dass es in der Welt Gerechtigkeit, Rücksicht, Mitleid, Wahrheit und Aehnliches gebe? Und doch war es nur Schein, Einbildung, nichts als ein thörichter, eitler Traum. Doch kehren wir zu unserem Klotz zurück. Kr war einmal ein Baum. Ein grosser saftiger Baum im Walde. Er wurzelte tief in der Erde und reckte sich hoch gegen den Himmel. Die Adler allerdings flogen über ihn hinweg, aber er that, was er konnte, wuchs und streckte sich in Frieden und ward höher als alle seine Genossen, bis er ein grosses Stück Himmel zu sehen bekam. Oft schien es ihm, dass die Sonne vom Himmel sich zu ihm herabneigte, um gleich einem Diadem auf seinem Haupte zu ruhen und er reckte sich immer höher, um dieser Krone würdig zu sein. 'Sein Leben verlief nicht übel. Tausende von Blättern hatte er, um zu athmen und Dutzende von Wurzeln, um aus der Erde Nahrung zu ziehen, Salze und allerlei Säfte. Doch das geschah für die leiblichen Bedürfnisse; für die Seele gab es Vogelconcert und das ewige Wechselspiel der Wolken. Zwischen seinen Zweigen summte es, sang und trillerte es, und auf dem Himmel zog es in unaufhörlichem Wechsel. Von der einen Seite kommt es gleich einer Herde wolliger Schäfchen herangeschwommen und ihnen entgegen treibt ein Rudel schwarzer, zettiger Wölfe. Dann verschwindet beides und über der Breite des Himmels dehnt sicli ein riesiges Ungethüm in hohen Stiefeln und mit einer deutschen Pickelhaube auf dem Kopfe. Dann zerfliesst es und die Wolken theilen sich, wie wenn man Wäschestücke zum Trocknen aushängt. Die „Wäsche" bewegt und schüttelt sich, als . wollte sie herabfallen, um die Bedürftigen der Erde zu bekleiden. So ist es im Sommer. \ Zur Winterszeit aber hüllt sich der Baum in einen weissen , Mantel, nickt ein und träumt. Während eines solchen Traumes geschah es nun, dass er plötzlich durch einen furchtbaren Schlag geweckt wurde. „Donnert es oder war es eine Hacke?" Doch bevor er noch zu sich kommen konnte, lag er bereits seiner ganzen Länge nach auf dem Schnee. Und wieder schlief er ein und im Traume sprach er zu sich: „Vorüber! Jetzt beginnt ein neues Leben, ein anderes! Nicht mehr im Walde unter meinesgleichen, sondern draussen in der weiten Fremde!" % „Nicht mehr Himmel und Erde wird es geben, sondern Himmel und Wasser, oder richtiger noch: Himmel und Himmel, einen wirklichen Himmel oben und einen scheinbaren unten." Ein Mast würde er sein, auf dem grössten Schiffe schwimmen, über alle Meere segeln und die ganze Welt sehen. Aber des Waldes würde er nicht vergessen! Wenn sich das Schiff dem Ufer nähern wird, würde er sich herabneigen und zum Walde hinübergrüssen. Ab und zu trägt ihm dann der Wind den Duft von Nadeln und Blättern zu, und vielleicht findet sich auf dem Schiffe ein Käfig mit einem kleinen, süssen Vögelchen . . . Er träumt und fühlt, wie sich die Hacke in seine Seiten eingräbt und ihm die Haut abzieht. „Macht nichts! .Dulde nur*, sagt der Kosak." Andere hat man in Stücke geschnitten, zu Asche verbrannt und in alle Winde zerstreut, er aber wird ein Mast sein! * Als er aber erwachte, war er kein Mast. Als Balken fand er sich wieder, und zwar in einem Hause eingemauert. Eng war's ihm, düster und unheimlich, von allen Seiten drückte es ihn. Wieder verfiel er in einen tiefen Schlaf, in einen langen, wiisten Schlaf, ohne Träume, ohne Hoffnung und Trost. Und als er fünfzig und vielleicht gar hundert Jahre alt ward, wurde er wieder von einem Schlag erweckt. Und erwachend, sah er um sich ein Meer, aber ein anderes, ein rothes Meer. Feuersäulen züngelten an ihm empor. „Was ist das? Bin ich in der Hölle?" ruft der Klotz. Aber ein Klotz denkt und die Feuerwehr lenkt. Jetzt liegt der Klotz auf der Gasse. * Er liegt und fault und nützt noch immer der kleinen Welt. Holzwürmer beziehen ihren Unterhalt von ihm . . . Manche Dienstmagd besucht ihn und holt von ihm einen Kienspan, und der ehrsame Stadt Schreiber verfehlt nie, so oft er nach dem Mittagessen vorbeikommt, einen Zahnstocher von ihm abzubröckeln. Kommt aber spät in der Nacht ein armer Handwerksmann, ein Abbrändler oder sonst irgendein Bettler, so nimmt ihn der Klotz gerne zur Nachtruhe auf. Zuweilen streckt sich der Nachtwächter über ihn und schnarcht. II. Bei T a g. Ein Sommermorgen .... Mit Lärm und Geschrei, singend und weinend, kommt die Schar der Kleinen aus den dumpfen Häuschen hervorgestürzt. Nackt und halbnackt, mit und ohne Stiefelchen, mit Brot in den Händen, läuft es zum Klotz hin. Sie spielen. Und spielen heisst: die Welt der Grossen nachahmen. Sie spielen Braut und Bräutigam, machen Spazierritte auf langen Ruthen, halten Schäferstündchen ab und bringen einander Geschenke. Glasscherben von grünen oder blauen Flaschen bringt man als Hochzeitsgabe, eine Feder oder ein Stückchen Leder als Geburtstagsgeschenk. Ist man aber miteinander nicht einverstanden, geht die Partie auseinander, so hält man Verhandlungen ab und zahlt Reugeld. Als Mann und Weib zankt man und macht Lärm, und wenn man genug daran hat, kommen die unschuldigen Kinder daran, die armen Würmer aus Holz und Pappe. „Hundeseelen" sind es nämlich, wollen nicht lernen, nicht folgsam sein, wollen nur fressen und müssig herumlungern. Ach, und die Zeit ist traurig, man bekommt kaum einen Kunden zu Gesicht! Zum Geschäft — so wahr ein Gott im Himmel ist — muss man zusetzen. Steuer zahlt man, Lehrgeld, Wohnzins .... und obendrein Kinder verheiraten! Die Kunden aber wollen nur abhandeln, saugen einem das Mark aus den Knochen!

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