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Die Welt · 1901-07-26 · 30 (26.7.1901) · p. 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
30 (26.7.1901)
Article
Was mir der Klotz erzählt
Date
1901-07-26
Page
12 (sequence 4)
Language
German
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Seite 12 „Die # Welt" Nr. SO haben ihn überredet. Jene wollte er, die andere, und jener zum Trotz hatte er diese geheiratet! Auch beim Dajan brennt noch Licht. Er sitzt über seinen Folianten und studiert. Oder vielleicht entwirft er den Plan zu einer Trauerrede . .. Sorach ist reich und überall beliebt . . . * Ach! Auch dort, wo es finster ist, schlafen nicht alle. Gegenüber dem weissen Hause, in der eingefallenen Hütte mit den zerbrochenen Fensterläden huschen schwarze Schatten über die schmutzigen Polster und schwere Seufzer dringen hervor. Ein altes, zusammengeschrumpftes Mütterehen mit erloschenen Augen erhebt sich und ruft zum anderen Bett hinüber: „Schläfst Du, Taube?" Keine Antwort. Doch die Alte weiss, dass Taube nicht schläft, weil sie nicht schlafen kann. Wie könnte sie auch schlafen? „Taube!" ruft zum zweitenmal die Alte. „Was willst Du, Mutter?" ertönt es mit einer von Thränen erstickten Stimme. „Du wirst die Kinder aufwecken!" Die Alte verstummt eine Weile und in der Stille hört man, wie die andere das Gesicht in die Kissen vergräbt. „Hörst Du, Taube," spricht wiederum die Alte. „Dein INlann zieht fort, er hat bereits seine Sachen gepackt. Du aber wirst für immer verlassen bleiben. Wird er sich Deiner je erinnern? Er hat kein Herz. Wenn er Dir wenigstens einen Scheidebrief zurückliesse. Die andere schluchzt in sich hinein. „Wolltest Deinen Eltern nicht folgen, gewichste Stiefelchen wolltest Du! Hast Sorach verschmäht — eine Goldgrube hast Du zurückgewiesen. Den Vater hast Du ins Grab getrieben, aber Gott lässt nichts ungesühnt, o! er zahlt heim . . . ." Taube springt aus dem Bett und, wie von Furien gepeitscht, stürzt sie halbnackt auf die Gasse. „Sorachs Weib aber stirbt," fährt die Alte fort und legt das faltige Haupt auf das Kissen. '..Würde er ihr einerjf Scheidebrief lassen, dann könnte sie vielleicht noch die Seine werden." Und Taube setzt sich auf den einsamen Klotz, die nackten Füsse wühlen im Sande und das leichte Nachtgewand flattert im Winde, ihre brennenden Augen blicken auf das grosse, weisse Haus, auf den zitternden Strahl, der durch die Fensterläden dringt: „Eis ist besser zu sterben . . . .! Und von ihren eigenen Gedanken erschreckt, fährt sie zusammen. „Nein, nicht Dich, Mirchen, meinte ich, Du magst, leben, Du magst gesund und alt werden . . . ." Doch sie weiss, dass der Arzt sie bereits aufgegeben, dass keine Hoffnung mehr auf Leben sei. „Aber Gott kann helfen, sie mag leben, ich will nicht die Seine werden." Ihr Mann muss hinaus, nach Amerika zieht es ihn, hier gibt es nichts, wovon man leben könnte. „Du und Sorach, ihr werdet allein zurückbleiben," zuckt es in ihr. „Nein, nein, keinen Scheidebrief," weinte es in ihrer Seele. Das alles, natürlich, hat mir der Klotz erzählt. Psalm 128. (Aus „Ost und West".) 0 du wirst überselig sein, An Frieden reich und reich an. »Segen. Es geht ein Licht von Zion aus Und strahlt auf allen deinen Wegen. In deinem Hause aber wohnt Ein Glück, das leuchtend ist und gross, Das glänzt aus dei nes Wei bes Bl i ck Und sprosst aus deines Weibes Schoss. Es ist dein Weib in deinem Haus Die reine, fromme Priesterin. Sie geht mit sicherm, heiterm Schritt Mit dir durch Licht und Dunkel hin. Gleich einem Oelbaum wird sie sein In ihrer Güte, Kraft und Schöne Und herrlich blühen um sie her Wie junge Palmen ihre Söhne. Sie wird mit ihrer Liebesmaeht Dir Trost in allen Schmerzen spenden; Sie kühlt dir deine heisse Stirn Mit zarten, milden Frauenhänden. In ihre Hände darf du froh Des Hauses Glück und Frieden legen; Denn sie wird selbst dein Frieden sein Und dein Krone und dein Segen. Berlin. Dolorosa. Der kleine Zionist. Eine Ferialerinnerung von Joch a n a n T h a n (Agrain). Nach längerer Abwesenheit kam ich wieder einmal nachhause .... Nachdem die ersten Begrüssimgen ausgetauscht und die hauptsächlichsten Familienereignisse besprochen worden waren, setzten wir uns an den Theetisch. Das sanfte Surren und Brodeln des Samowars, die trauliche Stube und das Wiedersehen aller meiner Lieben, versetzten mich in eine weiche, behagliche Stimmung. Ich lehnte mich in meine gewohnte Sophaecke und besprach eifrig mit Vater und Mutter politische Neuigkeiten. Inzwischen stöberte meine Schwester — wie doch die Mädchen neugierig sind — meinen Koffer durch, auf der Suche nach ihren Geschenken, die sie bestimmt zu finden hoffte. Da zog sie eine Broschüre: „Der IV. Zionisten-Oongress in London" heraus, blätterte kopfschüttelnd ein paar Seiten durch, legte sie weg, suchte weiter und brachte Beden von Nordau, Kahn, Herz] hervor, dann einen jüdischen Volkskalender, „Rom und Jerusalem" von Hess, verschiedene Xumraem der „Welt" und der „Jüdischen Volksstimme". Ich beobachtete sie und las in ihrem Gesichte Erstaunen und Verwunderung; ich dachte mir wohl, sie wisse nicht, was Zionismus sei, und so machten sie die vielen Bücher über Zionismus stutzig. Sie sagte aber nichts, Hess uns weiter sprechen und, sich an den Tisch setzend, begann sie1 in. der „Welt" zu blättern. Ich freute mich über ihr Interesse und beobachtete sie weiter. Da klopfte es, und herein traten liebe Nachbarn, eine uns eng befreundete Familie mit ihren „Kindern. Nach gegenseitiger herzlicher Begrüssung setzten wir uns wieder zum Plaudern hin und bildeten, wie es schon kommt, kleine Gruppen. Die Aelteren sassen um den grossen Tisch und wir Jüngeren gruppierten uns um ein Tischchen. Im heiteren Gespräch vergieng die Zeit, und bald nahte die elfte Stunde. Die Kleinen, ein neunjähriges Mädchen, Ida, und ein vierzehnjähriger Knabe, Benno — die jüngsten Kinder unserer Nachbarn — denen es mit der Zeit herzlich langweilig geworden war, schliefen fast ein, und um auch ihnen einige Unterhaltung zu gewähren, zeigte ich ihnen Bilder und Ansichtskarten von Palästina." Meine Schwester war schweigsamer als sonst, oftmals bemerkte ich, wie sie sinnend vor sich hinblickte. Umso aufgeräumter waren die anderen. Auf allgemeines Verlangen setzte sieh dann meine Schwester ans Ciavier und wir lauschten Bossinrsehen und Mozart'schen Melodien. Zum Schlüsse sangen die Mädchen Sehubext'sehe Lieder. Plötzlich drangen Töne an mein Ohr, die mich aufhorchen Hessen; da klang ja aus dem Nebenzimmer das Lied „Dort, wo die Ceder" zu mir. Ich näherte mich der Thür, und als ich die Worte:

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